Durchschauen, was uns umgibt
Vor 100 Jahren wurde der sowjetische Schriftsteller Juri Trifonow geboren
Irmtraud Gutschke
„Entschuldigen Sie, ich weiß überhaupt nichts von Ihnen. Aber ich wollte Sie treffen. Können Sie etwas über Ihre Werke sagen?“ Wenn ich heute an Juri Trifonow denke, so zuerst an meine Bewunderung für ihn, dann aber gleich an diese Peinlichkeit. Mit 21 war ich Redakteurin für Auslandsliteratur im „Neuen Deutschland“ geworden. Mein Plus war das Studium in Slawistik/ Anglistik, das ich in nur drei Jahren absolviert hatte. Als ich mit Juri Trifonow sprach, bereitete ich schon eine Dissertation über Tschingis Aitmatow vor. Viele sowjetische Schriftsteller würde ich in den folgenden Jahren persönlich kennenlernen, besser vorbereitet, als bei diesem Trifonow-Gespräch.
„Ich habe erst gestern gehört, dass Sie in Berlin sein würden …“ Freundlich schaute er mich durch seine dicken Brillengläser an und erzählte, dass ihn der sowjetische Alltag interessiere und dass er jetzt an einem historischen Roman arbeiten würde, um das Gegenwärtige mit dem Vergangenen zu verbinden.
Das musste „Ungeduld“ gewesen sein, 1973 abgedruckt in der Literaturzeitschrift „Nowy mir“ – geleitet schon nicht mehr von dem aufrechten Alexander Twardowski, der 1970 zum Rücktritt gezwungen worden war, weil ihm Literatur wichtiger war als Linientreue. Einer Buchpublikation ging in der UdSSR gewöhnlich die Veröffentlichung in einer der zahlreichen Zeitschriften voraus, die ein großes Publikum hatten. Lebhaft wurde also schon über einen Text diskutiert, ehe er zwischen zwei Buchdeckel kam.
Dieses erste kurze Interview mit Trifonow habe ich nicht mehr, aber doch eine Reihe von Artikeln, die ich über ihn geschrieben habe. Die vierbändige Ausgabe seiner Werke, herausgegeben von Ralf Schröder, liegt jetzt auf meinem Schreibtisch, dazu mehrere Bändchen aus der Spektrum-Reihe von Volk und Welt. Dieser große Verlag für internationale Literatur ist ja wie ein wissenschaftliches Institut gewesen, eine muntere Truppe begeisterter Spezialisten in ihrem Fach. Elf Literaturkundige, die fließend Russisch sprachen, waren unter Leitung von Leo Kossuth im Lektorat Sowjetliteratur versammelt. Sie kannten viele Autoren persönlich, besuchten sie in ihrer Heimat, bekamen die Manuskripte oft schon zu lesen, bevor sie dort gedruckt wurden.
Verlage mussten in der DDR keine profitablen Wirtschaftsunternehmen sein. Bücher waren preiswert und wie Lebensmittel staatlich subventioniert, was der Partei- und Staatsführung natürlich auch Einflussmöglichkeiten gab. Generell hatte Literatur einen hohen Stellenwert. Die DDR sah sich als „Leseland“, der Schriftstellerverband galt nach den Worten seines Präsidenten Hermann Kant der „Einmischung in gesellschaftliche Angelegenheiten“. Und so wurden Bücher auch verstanden: dass sie uns nicht lediglich unterhalten, sondern uns beflügeln sollten, bewusst, ja auch kritisch, mit den Verhältnissen umzugehen, unter denen wir lebten.
Das nächste Mal sah ich Juri Trifonow 1973 bei einem Kolloquium der Schriftstellerverbände der UdSSR und der DDR zum Thema „Konflikte im Leben und in der Literatur“. Seit 1963 gab es regelmäßig solche Zusammenkünfte. Mit unterschiedlichen Teilnehmern und an wechselnden Orten in der DDR wie in der UdSSR. Als Journalistin durfte ich dabei sein und die Sowjetliteratur als multinational erleben. Jede Sowjetrepublik hatte ihren Schriftstellerverband, und bei Volk und Welt wurde tunlichst aus den Originalsprachen übersetzt. Im Gespräch zwischen Autoren verschiedener Herkunft war das Russische indes unverzichtbar. Mit dem Ende der DDR und der Sowjetunion war es mit derlei persönlichen Begegnungen vorbei, allein schon, weil es die Schriftstellerverbände nicht mehr gab, die sie getragen hatten.
Juri Trifonow hatte 1973 gerade seine „Moskauer Novellen“ veröffentlicht, die in der DDR übersetzt werden sollten. „Der Tausch, Zwischenbilanz und Langer Abschied: Ihre Helden sind Ingenieure, Literaturwissenschaftler, Schauspieler und bewegen sich im Moskauer Alltagsleben“, erklärte er. Das private Leben sei „eine schwere Prüfung, gerade wenn es allen schon einigermaßen gut geht“.
Da habe ich die klugen Worte Maxim Gorkis ins Gespräch gebracht, die ich seit meiner Studienzeit auswendig kannte (jetzt musste ich das Zitat erst nachschlagen): „dass das Leben nicht erst in hundert Jahren, sondern bedeutend früher unvergleichlich tragischer sein wird als das, was uns jetzt quält. Es wird tragischer sein, weil die Menschen – wie es stets nach sozialen Katastrophen zu sein pflegt –, der beleidigenden Stöße von außen müde, verpflichtet und genötigt sein werden, in ihre innere Welt zu blicken und – wieder einmal über Ziel und Sinn des Daseins nachzudenken. Ich glaube, dass auch schon jetzt in den Menschen ein neuer Instinkt entsteht, geboren wird, ein ‚Instinkt des Erkennens‘…“
Mit solcher Suche nach Erkenntnis sah sich Trifonow einverstanden, fand aber, dass die Gegenwart gegenüber dem Vergangenen viel weniger tragisch sei. Wahr sei, dass Fragen nach dem Lebenssinn stärker in den Vordergrund treten würden. „Ich will zeigen, dass das Glück eben nicht nur aus materiellem Wohlstand besteht.“
Da hat sich mir aus seinen „Moskauer Novellen“ besonders „Der Tausch“ eingeprägt. Manche nannten es eine Satire auf die allgegenwärtige Wohnungsnot, wie ein Mann seine schwerkranke Mutter zum Umzug bewegen will, um sie bei sich aufzunehmen, klang ja erst einmal freundlich. Doch ging es ihm nur darum, dass er damit das Recht auf eine größere Wohnung erwerben würde. Die könne er behalten, wenn die Mutter nicht mehr lebt. Allerdings geht der Plan nicht auf. Die Mutter stirbt früher als gedacht. Auch wenn das Ganze leichtfüßig erzählt ist, steckt für mich eine solche Bitterkeit in diesem Text, dass ich ihn bis heute nicht vergessen kann. Aus Eigennutz auf den Tod der eigenen Mutter zu spekulieren, dieses Berechnende klagt Trifonow doch an.
Heute mag einem der hohe moralische Anspruch in Werken sowjetischer Schriftsteller – das betraf ja nicht nur Trifonow – erstaunlich erscheinen, lebensfremd beinahe. Die Cleverness, das Beste für sich herauszuholen, steht hoch im Kurs. Weil es schließlich alle so machen, und das Maß des moralisch Erlaubten dehnbar ist, bevor das Strafgesetzbuch greift. Weil wir in einem Raubtierkapitalismus leben, in dem Egoismus als das Natürliche gilt.
Wobei Trifonow sich eben keine Illusionen machte, dass das Ideal einer sozialistischen Menschengemeinschaft solchen Egoismus einfach verschwinden lassen würde. Es war ihm klar, dass diese älteste aller menschlichen Eigenschaften, durch konkrete Zwänge und Wünsche angefeuert, immer schon mit großen humanistischen Ideen im Widerstreit lag.
„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, heißt es in Brechts „Dreigroschenoper“, als ob die Menschen gut werden würden, wenn sie nur satt wären. Tschingis Aitmatows Prosa wirkt deshalb so stark, weil seine Helden, den schwierigsten Umständen zum Trotz ihrem Gewissen folgen, ja sogar ihr Leben dafür riskieren. Trifonow wählte in seinen „Moskauer Novellen“ einen „Beweis durch das Gegenteil“. Überzeugt, dass die „Tausch“-Problematik die Geschichte durchzieht, lässt er uns an winzigen alltäglichen Details beobachten, wie Menschen versagen.
Dass er damals an die Grenzen des offiziell Erlaubten ging, urteilte 2023 die russische Tageszeitung „Kommersant“. Er habe ein System gezeigt, das ganz anders war, als die Propaganda es wollte: „zähflüssig, ohne Hoffnung und Energie“. Stimmt, aber gleichzeitig hatte er im Sinn, wie es besser sein sollte.
Am 28. August 1925 geboren, war Juri Trifonow zunächst in privilegierter Umgebung großgeworden. Der Vater, ein alter Revolutionär, stand im Obersten Gericht der UdSSR dem Militärkollegium vor. Die Mutter, Zootechnikerin und Ingenieurin, hatte sich einen Namen als Kinderbuchautorin gemacht. Wie die Familie ab 1937 in die Mühlen der Stalinistischen Repressionen geriet, würde ihn lebenslang prägen.
Der Vater wurde 1938 verurteilt und erschossen. Der Junge wuchs mit seiner Schwester bei der Großmutter auf, einer Berufsrevolutionärin, die im Bürgerkrieg gekämpft hatte, und wurde mit ihr während des Großen Vaterländischen Krieges nach Taschkent evakuiert. Von 1942 bis 1945 war er Arbeiter im Moskauer Flugzeugwerk. Am Literaturinstitut „Maxim Gorki“ nahm er 1944 zunächst ein Fern-, später ein Direktstudium auf, das er 1949 mit seiner Diplomarbeit „Studenten“ abschloss. Für diese Novelle, der jungen Nachkriegsgeneration gewidmet, bekam er einen Stalin-Preis III. Klasse. Ins Englische, Deutsche, Französische, Spanische, Polnische und Japanische wurde sie übersetzt.
1959 erschienen zwei Erzählungszyklen über Reisen nach Turkmenien: „Unter der Sonne“ und „Der Weg in die Wüste“. Seinen Produktionsroman „Durst“ (1963) hat er mehrmals umarbeiten müssen, was mit den Querelen um den Bau des turkmenischen Hauptkanals zusammenhing, der den Hintergrund bildete. Schließlich gelang es, aus der autobiographischen Sicht eines Journalisten den Durst der Wüste nach Wasser mit dem Durst der Menschen nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu verbinden. Ein Thema, das nach den Enthüllungen Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Öffentlichkeit umtrieb und dem Autor besonders am Herzen liegen musste.
Erst 1965 wandte er sich in „Widerschein des Feuers“ erstmals seiner Familiengeschichte zu, die sich für seinen Vater wie auch für dessen Bruder, beide der bolschewistischen Sache treu ergeben, tragisch zuspitzte. Was ihn lebenslang beschäftigte, wollte er durchdenken, durchdringen, auch um für sich selbst Klarheit zu schaffen. Die Suche nach einem analytischen Epochenbild durchzieht sein Leben und verbindet die verschiedenen Werke miteinander. „Hundert Jahre russischen Lebens in punktierter Linie“, so beschreibt Ralf Schröder dieses Verbindende im Nachwort zur vierbändigen Ausgabe, die erst nach dem Tod des Autors erschien.
Durchschauen, was geschah und was mich umgibt, das ist mein wichtigster Antrieb zum Lesen. Trifonows realistisch konkrete Beschreibungen stehen scheinbar für sich. Aber man ordnet ihnen die eigenen Fragen und Überlegungen zu, wenn „die Zeit aus den Fugen“ geraten scheint. In solch einer „Hamlet-Situation“ meinen wir, uns gerade heute zu befinden. Aber sie widerfuhr Menschen doch immer wieder.
1973 erschien Trifonows großer Roman „Ungeduld“, 1975 in deutscher Übersetzung von Eckhard Thiele bei Volk und Welt. Hintergrund ist das Attentat am 18. März 1881 auf Zar Alexander II. „Narodnaja Wolja“, die Geheimorganisation russischer Revolutionäre, hatte das Urteil über diesen Alleinherrscher gefällt und vollstreckt. Eigentlich hatte Alexander II. sogar Reformen einleiten wollen. Die Attentäter aber erstrebten den Sturz des Zarismus für die Befreiung des Volkes.
Trifonow steht an ihrer Seite und weiß doch: Sie kamen zu früh. Noch waren die Voraussetzungen für eine Systemveränderung nicht gegeben. Verhaftungen folgten. Fünf Revolutionäre wurden zum Tode durch Erhängen verurteilt, darunter Sofija Perowskaja, erstmals in Russland eine Frau.
Es komme darauf an freizusetzen, was herangereift ist. Jegliche Bemühungen, die Geschichte zu belehren, führten zu Tragödien, wie sie Dostojewski menschheitsgeschichtlich zu verallgemeinern strebte, hat Trifonow im Gespräch mit Ralf Schröder bekannt.
„Ungeduld“ – ein immer wiederkehrendes Phänomen im Verlangen nach Fortschritt. Es geht mir nicht aus dem Kopf, seit ich diesen Roman gelesen habe: dass Gutgemeintes, radikal zugespitzt, zu einer Gegenreaktion führen kann, welche die Lage sogar verschlimmert. Wer zu weit vorprellt, wird zurückgeworfen. Je nach den Kräfteverhältnissen, die in ihrer Beweglichkeit so schwer einzuschätzen sind. Also handeln mit Bedacht, nichts übertreiben? Wer jung ist, den ruft man nicht leicht zur Geduld.
„Das Leben ist ein System, in dem alles auf rätselhafte Weise und nach irgendeinem höheren Plan miteinander verzahnt ist. Nichts existiert einzeln, alles drängt immer wieder, ineinander verflochten, von einem zum anderen, und nichts verschwindet ganz und gar“, schreibt Trifonow in seinem Roman „Der Alte“, 1980 bei Volk und Welt erschienen.
Er lässt darin einen Revolutionär, Bürgerkriegsveteran, auf die Zeit zurückblicken, als er, ganz jung noch, in Kämpfe auf Leben und Tod hineingerissen war und über andere Menschen Urteile fällte, die er nun in Frage stellt. Wie nebensächlich erscheinen ihm da die Querelen um ein freigewordenes Haus in der Datschensiedlung, die Wünsche der Kinder und Nachbarn. Aber ist er nicht zu sehr in seinen Erinnerungen gefangen und dadurch ungerecht geworden? Wie der Autor uns beim Lesen mit derlei Fragen allein lässt und uns dadurch die Ruhe raubt, habe ich damals, 1980, als etwas Besonderes empfunden.
Trifonow selbst war das wohl bewusst. Absichtsvoll baute er in seine Texte „weiße Stellen“ ein, auch weil er selbst sich scheute, etwas festzuschreiben, das vielschichtig und im Fließen ist. Und weil er jener geistigen Aktivität Raum geben wollte, die jeder für sich aufbringt beim Lesen. Heute überlege ich, ob sich darin nicht überhaupt seine Zweifel ausdrückten an all dem Festgeschriebenen, von dem er umgeben war. Klares Benennen galt in der Literatur als positiv. Schließlich hatte man einen Standpunkt, der zu verteidigen war, nicht ins Wanken geraten sollte. Wägendes Zaudern war der Schwäche verdächtig. Wohl gerade deshalb war es Autoren wie Trifonow, Granin, Tendrjakow so wichtig, die Widersprüchlichkeiten in Geschichte und Gegenwart zu erkennen, welche ideologisch missachtet wurden.
Ideologie als Machtinstrument gibt es auch in jenen Gesellschaften, die vorgeben, davon frei zu sein. In der DDR hat in aller Offensichtlichkeit eine Abteilung „Agitation und Propaganda“ im Zentralkomitee der SED existiert. Wenn man nahe genug dran war, wie im ND, konnte man in die „Kochtöpfe“ sehen und beobachten, was, warum, wie zusammengebraut wurde. Mit den besten Vorsätzen: im Kampf der Systeme schwankenden Seelen Halt zu geben.
Aber was war das für ein naives Menschenbild! Die Gedanken sind doch frei, oder nicht? Der Stellenwert der Literatur in der DDR hing auch mit den allzu geradlinigen Denkangeboten in den Medien zusammen. Zensur gab es in aller Offensichtlichkeit. Jedes Buch durchlief ein Druckgenehmigungsverfahren. Aber bevor Gorbatschows Öffnungsbestrebungen die Mächtigen in der DDR mit Argwohn erfüllten, der dann auch die Sowjetliteratur traf, war diese vom „großen Bruder“ erst einmal unverdächtig, geprüft und genehmigt vom dortigen Büro für Urheberrechte.
Die DDR befand sich an der Systemgrenze zwischen Ost und West. Der Westen kam allabendlich übers Fernsehen ins Haus und lockte mit Konsum. Das Licht aus dem Osten strahlte aus Büchern. Für die Aufbaugeneration in der DDR war es mit der Utopie einer besseren, gerechten Gesellschaft verbunden. Später Geborene sahen schon deutlicher die Unterschiede zwischen Ideal und Wirklichkeit und waren frustriert, wie in den zentral angeleiteten DDR-Medien Probleme unter den Teppich gekehrt wurden, um der anderen Seite keine Schwachstellen zu bieten. Unter solchem politischen Druck hat sich bis zu einem gewissen Grade auch die DDR-Literatur befunden. Sowjetische Schriftsteller sind da unbefangener gewesen. Ihr Riesenland im Rücken, wo man sich um Meinungen aus dem Ausland bis heute nicht allzu sehr schert, benannten sie oft deutlicher, was bei uns kaum öffentlich nicht zur Sprache kam: Machtmissbrauch und Umweltzerstörung, die moralische Zerrissenheit, wenn aus Utopie Enttäuschung wird, die Entscheidungen, die du treffen musst, wenn deine höchste Instanz das Gewissen ist.
Schriftsteller als „Gewissen der Nation“: Dieses Selbstverständnis der russischen Literatur wurzelt im 19. Jahrhundert, als Vertreter der Adelsintelligenz sich selbstbewusst der zaristischen Macht gegenüberstellten, darin eine heilige Mission sahen, weil es andere demokratische Einflussmöglichkeiten nicht gab. Sowjetische Autorinnen und Autoren fanden in dieser Tradition Bestärkung. Heute, da laut geäußerte Gesellschaftskritik schon zum guten Ton gehört, ohne dass sich dadurch irgendwas verändern würde, da Leser der Reizüberflutung schon müde werden, kann man sich kaum vorstellen, was auch nur die geringste Erweiterung des öffentlich Sagbaren in der DDR bedeutete.
Allein schon, was die Auseinandersetzung mit dem Terror der Stalinzeit betrifft. Die Enthüllungen des XX. Parteitags der KPdSU hätte die DDR-Führung am liebsten unter den Teppich gekehrt, weil sie dem Ansehen des Sozialismus schaden würden. Erst von einer Ukrainerin, die an der Jenaer Universität Russisch unterrichte, erfuhr ich ausführlicher davon. Und freilich bekam mein Weltbild Risse. Aber für Trifonow, dem man als Kind den Vater genommen hatte, konnte es nie makellos sein.
Lange hat er dieses schmerzvolle Thema umkreist. Der Roman „Das Haus an der Uferstraße“ von 1976 (1977 deutsch bei Bertelsmann und 1983 in der DDR-Werkausgabe erschienen) spielt in dem riesigen Wohngebäude an der Moskwa, das ursprünglich „Haus der Regierung“ hieß, weil dort Politiker, Geheimdienstleute und Künstler komfortable Mehrzimmerappartements besaßen. Bekannt ist aber auch, was dort in der Zeit des Großen Terrors geschah. Rund 250 Hausbewohner wurden verhaftet, wenn man Wikipedia glauben soll. Viele davon hingerichtet, unter ihnen auch Trifonows Vater. Wobei es in seinem Roman nicht nur um den angsterfüllten Alltag dort geht, sondern ebenso um alle möglichen Querelen zwischen Leuten, denen es ums eigene Wohlbefinden zu tun ist, um die Ränkespiele, die Selbstrechtfertigungen aus der Gegenwart, welche irgendwie mit den ganz anderen aus der Vergangenheit zusammenhängen.
In aller Direktheit hat sich Trifonow seinem Schmerz erst in seinem autobiographisch fundierten Roman „Das Verschwinden“ gestellt. Da erzählt er mit der Geschichte Igors seine eigene, die seiner Familie und ihres Umfelds. Schon in den sechziger Jahren war ihm diese Notwendigkeit bewusst geworden, doch hat er seine Arbeit immer wieder zugunsten anderer Werke unterbrochen. Nicht nur, weil es ihn persönliche Überwindung kostete, sich dem Trauma zu nähern, dass er als Kind erlitten hatte, sondern auch, weil er die Mitschuld der alten Bolschewiki am Stalinismus nicht ausblenden konnte.
Sie, die Stalin zur Allmacht in der Partei verhalfen, wurden wegen ihrer Verbundenheit mit den Idealen der Revolution als potenzielle Gegner verdächtig. Nach einer Gerichtsverhandlung, die nur 15 Minuten dauerte, wurde der Vater am 15. März 1938 im Lubjanka-Gefängnis erschossen, ironischerweise an jenem Ort, den er zusammen mit zwei Genossen selbst als Sitz für die Tscheka ausgewählt hatte.
Ende 1979 habe ihm Trifonow das unvollendete Manuskript seines Romans übergeben, so Ralph Schröder, der inzwischen auch schon nicht mehr lebt. „Wenn ich es nicht mehr schaffe, müssen es meine Alters- und Schicksalsgenossen Bulat Okudshawa und Tschingis Aitmatow auf ihre Weise tun.“ Am 28. März 1981 ist Trifonow mit erst 56 Jahren gestorben, wie es heißt, an dem Verschluss einer Lungenarterie.
Auf das Cover der erweiterten Neuausgabe 1991 bei Volk und Welt wurde ein Zitat von Christa Wolf gedruckt: „Trifonow hat den Felsblock des Stalinismus wie ein Bergmann mit dem Preßlufthammer unermüdlich und zielstrebig aufgebrochen.“ Diese Worte entsprachen einem begreiflichen Wunsch der Schriftstellerin in dieser Umbruchszeit, aber Trifonow hätte sie wohl mit einem traurigen Lächeln quittiert. Nicht nur, weil ein Presslufthammer nicht seiner wägenden Forschernatur entsprach. Etwas Verwerfliches in der Geschichte tilgen zu können, erschien ihm lebensfremd. Denn alles Geschehene blieb doch in der Welt und sei es auf veränderte Weise.
Vielleicht auch auf sich selbst bezogen, war er überzeugt, dass der Mensch – bewusst oder unbewusst – alles mit sich schleppt, was er durchleben musste. „Er kann das Vergangene nicht abschütteln. Es sitzt alles in ihm. Deshalb bemühe ich mich, wenn ich einen Menschen darstelle, alle Schichten seines Inneren herauszuschälen, alle Schichten, die sich in ihm schon vermischt haben, die irgendwie zu einem Ganzen verschmolzen sind.“
Ich weiß nicht mehr, wann und wo er etwas zu mir sagte, das mir bis heute rätselhaft im Kopf herumspukt: Manchmal würde er sich von Menschen umgeben fühlen, die aus verschiedenen Zeiten kommen. Er könne sie zuordnen, könne erkennen, welcher geschichtliche Zeitraum sich in ihrer Mentalität jeweils besonders verwurzelt hat. Dass dies mit persönlichen Prägungen zu tun hat, meinte ich. Nicht nur, entgegnete er. Auch Zeiten, die sie überhaupt nicht erlebt haben, könnten sich manifestieren. Wenn einem das klar sei, würde man Konflikte besser verstehen. Bei Ihnen ist das auch so, fügte er hinzu.
Ein so leiser, scharfsinniger Mensch ist er gewesen. Wie gern würde ich heute dieses Gespräch mit ihm fortsetzen.