Verborgener Zauber
Irmtraud Gutschke
Taubenschwänzchen, Totenkopfschwärmer, Jakobskrautbär – die meisten von uns haben diese Falter noch nie gesehen. Weil wir schlafen, wenn sie unterwegs sind. Wenn mal einer dieser Nachtfalter hervorflattert, weil er durch das offene Fenster kam und sich hinter einem Handtuch versteckte, versucht man, ihn schnellstens wieder loszuwerden. Nicht nur Kleidermotten, Lebensmittelmotten sind ja Feinde im Haus. Mit Wesen zusammenzuleben, die wir nicht gerufen haben, sind wir einfach nicht gewohnt.
Da ist dieses Buch eine Offenbarung. Denn erstmals kann man sie sehen, diese Geschöpfe der Nacht. Die junge Illustratorin Jessica Frascht bringt sie uns vor Augen – zarte Gebilde, die man streicheln möchte. Aber so lange sie lebendig sind, würden sie das nicht zulassen. Ob sie uns vielleicht auch als ihre Mörder erkennen? Wenn wir zuschlagen, bleibt von den meisten nur ein Fleckchen Staub.
Aber für die Resonanz dieses Buches sorgt natürlich vor allem der Name der Autorin: Cornelia Funke. Mit ihren phantasievollen Kinderbüchern hat sie sich einen Namen gemacht. Und nun ein Sachbuch? Nun, ganz so ist es nicht. „Nachtfalter“ beeindruckt ja nicht nur mit Informationen, zugleich ist es eine Erzählung. Immer wieder bringt die Schriftstellerin zum Tragen, wofür sie ja berühmt ist: ihren Sinn für das Erstaunliche, das Wunderbare in der Wirklichkeit.
Wieviel Mythisches allein schon in den Namen der Nachtfalter steckt! Die Automeris-Motte ist nach einer Priesterin der Göttin Hera genannt: Io, Zeus stellte ihr vergeblich nach und Hera fühlte sich dennoch hintergangen. Auch Herkules hatte Hera zur Feindin, weil er der Sohn von Zeus war. Sie hüllte ihn in Wahnsinn, sodass er seine Familie tötete. Um sich von dieser schrecklichen Schuld zu befreien, bat er Gott Apoll um zwölf schwierige Aufgaben. Mit seiner unglaublichen Kraft kann der Herkulesspinner nicht mithalten. Doch mit einer Flügelspannweite von 27 Zentimetern würde er einem schon Angst einjagen. Zum Glück lebt er wewit von hier – in Neu-Guinea.
Auch der Weißen Hexe wird man wohl kaum begegnen, weil sie in Mittel- und Südamerika beheimatet ist. Dort nennt man sie auch „Geistermotte“, weil sie angeblich den Tod eines nahen Menschen ankündigt, dessen Seele sie dann in die Unterwelt trägt.
Aber zeigen derlei Überlieferungen nicht, wie die im Dunkeln flatternden Falter Menschen unheimlich waren, für die sie doch keinerlei Gefahr darstellen? Was sagt das über unsere Urteilskraft? Das Buch zeigt Wesen von berückender Schönheit. Eine fremde, unbekannte Welt tut sich auf.
Cornelia Funke: Nachtfalter. Illustriert von Jessica Frascht. Insel-Bücherei, 11 S., geb., 18 €.