Macht und Menschenleben
Michael Lüders über „Israel, Amerika und den imperialen Größenwahn im Nahen Osten“
Irmtraud Gutschke
Über 71 000 Menschen wurden seit Beginn des Gaza-Konflikts am 7. Oktober 2023 getötet, davon mindestens 69 000 Palästinenser. Was für die Opfer und ihre Familien auf beiden Seiten eine Tragödie ist, offenbart zugleich, dass Menschenleben im Machtkampf nicht zählen. „Ganz Palästina soll aufgehen in Großisrael. Und es fehlt nicht an noch größeren Plänen, schreibt Michael Lüders zur Einführung in sein neues Buch.
Als Menschen handeln, nicht als „Marionetten“: Um Zusammenhänge zu durchschauen, wird hier eine Fülle von historischen wie aktuellen Fakten geboten, welche dem Autor als Nahostexperten geläufig sind, aber vielen Lesern im Detail neu sein dürften. Vielleicht wissen manche nicht einmal auf Anhieb, wo Jordanien und Jemen überhaupt liegen, wie groß Saudi-Arabien im Vergleich zu Syrien ist und wie klein dagegen Israel. Von den 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen haben aktuell 157 (d. h. etwa 81 Prozent) Palästina als unabhängigen Staat anerkannt, Deutschland nicht. Für Israel war die Zweistaatenlösung „stets wenig mehr als ein unverbindliches Mantra“, so Michael Lüders. In der Praxis galt: „Kein palästinensischer Staat, anhaltende Entrechtung und schließlich Vertreibung der Palästinenser.“
Die Lektüre bringt ins Grübeln. Vor dem Hintergrund historischer Schuld steht für mich Israels Existenzrecht außer Frage. Verständnis für Sicherheitsbedürfnisse – aus der Ferne ist solch ein emotionales Bekenntnis leicht und hat gar etwas mit Überheblichkeit zu tun. Die Palästinenser tragen keine Schuld am Holocaust. Wieso sollen sie dafür zahlen? Und wie viele Menschenleben soll es kosten, wenn ein kleiner Staat einer ganzen Region seinen Willen aufzuzwingen trachtet? Ein monoethnisches Großisrael ist ohne „ewigen Krieg“ nicht zu haben, darin hat Michael Lüders wohl recht.
Libanon, Syrien, die Türkei … – alles islamische Länder. Doch das Buch beginnt mit dem Iran, der lange schon im Fokus westlicher Interessen stand und zu einem geopolitischen Widersacher „namentlich der USA und Israels“ geworden ist. „Das ‚Mullah-Regime‘ wolle den jüdischen Saat vernichten“ heißt es in donnernder Rhetorik, aber „hinter den Kulissen tätigten die vermeintlichen Todfeinde jahrelang in bestem Einvernehmen miteinander ihre Geschäfte, vor allem Rüstungsdeals“.
Tatsächlich unterstützt Iran als stärkste Militärmacht in der Region schiitische Gruppierungen auch außerhalb der Landesgrenzen. Wobei diese „Achse des Widerstandes“ differenziert zu betrachten sei, wie im Buch ausgeführt wird. Wichtiger noch: Im Januar 2025 haben Moskau und Teheran einen „Vertrag über eine umfassende strategische Partnerschaft“ geschlossen. „Was hier entsteht, im Dreieck Teheran-Moskau-Peking, ist noch lange nicht vollendet und wird sicherlich auch von Rückschlägen begleitet sein. Wie aber will die Regierung Trump, im erweiterten Sinn der kollektive Westen, vor diesem Hintergrund Iran in die Knie zwingen?“ Nüchtern gesehen gäbe es zwei Möglichkeiten: „Die USA und in ihrem Gefolge Israel akzeptieren den Iran als Regionalmacht, die er ist“, oder es folgt ein nächster Waffengang. „Nach wie vor gibt es keinerlei Hinweise, dass die iranische Führung den Bau einer Atombombe plant. Doch könnte man es ihr verdenken?“
Mastermind des Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 sei Teheran, verkündete Benjamin Netanjahu sofort. Wobei man sich doch fragen musste, wieso die sonst so versierten israelischen Geheimdienste nichts von den Vorbereitungen des Großangriffs der Hamas mitbekommen haben. „Ungeachtet aller Warnungen etwa seitens ägyptischer Behörden, amerikanischer Geheimdienste, sogar aus den Reihen der eigenen Armee? Wieso war die ansonsten hochgesicherte Grenze zum Gazastreifen … an jenem Tag so gut wie nicht gesichert?“
„Wir bekämpfen menschliche Tiere und handeln entsprechend“, wird der damalige Verteidigungsminister Yoav Galant im Buch zitiert. (Im November 2024 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehl gegen ihn wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.) „Wir sind gerade dabei, in Gaza die Nakba 2023 zu verwirklichen“, frohlockte Landwirtschaftsminister Avi Dichter. Und der Minister für Kulturelles Erbe Amichai Elijahu empfahl gar, eine Atombombe auf Gaza zu werfen.
Sahen Leute wie er im Großangriff der Hamas gar eine Chance, um „die Region ein für alle Mal eigenen ‚Sicherheitsbedürfnissen‘ unterzuordnen und sämtliche Widersacher ohne Rücksicht auf Verluste oder geopolitische Konsequenzen niederzuringen“? Die US-Regierung habe „alle dafür erforderlichen Waffen“ bereitgestellt und erst die Notbremse gezogen, „als der Krieg gegen den Iran 2025 außer Kontrolle zu geraten drohte“.
Die Argumentation des Autors ist sachlich rational. Doch verhehlt er seine Empörung nicht, wie die gesamte Bevölkerung im Gazastreifen dem Hungertod ausgesetzt, wie ihre Vertreibung organisiert wurde und wie solche Menschheitsverbrechen in der deutschen Politik kaum mehr als ein Schulterzucken auslösten. Faktenreich stellt er zudem dar, wie der Völkermord an den Palästinensern zum lukrativen Geschäft wurde. Auf Platz zwei der Waffenlieferanten steht Deutschland. Israel mache im Iran „die Drecksarbeit für uns alle“, diese Äußerung von Friedrich Merz im Juni 2025 wurde zu Recht als zynisch empfunden. Kritik aus den eigenen Reihen traf ihn indes auch nach der Einschränkung deutscher Waffenlieferungen im August 2025. Ja, manchmal kehrt sich der Moralismus der „Staatsräson“ gar gegen den Kanzler selbst.
Michael Lüders: Drecksarbeit? Israel, Amerika und der imperiale Größenwahn im Nahen Osten. Goldmann, 238 S., geb., 22 €.