Die ganze Skala der Gefühle
37 Texte aus 65 Jahren: „Luft zum Leben“ von Helga Schubert
Irmtraud Gutschke
Es ist, als säßen wir einander gegenüber – mit Blick auf ihren Garten in der Sonne. „Ich bin schon so alt: 85, kann froh sein, morgens überhaupt wieder aufzuwachen.“ Was soll man darauf sagen? Dass bis 98 noch Zeit ist? Entspannt, wie sie von sich erzählt, gibt Helga Schubert, die am 7. Januar 86 Jahre alt geworden ist, Ermutigung weiter: Man selbst sein, nach eigenen Maßstäben leben, sich nicht zum Opfer machen lassen.
„Luft zum Leben“: ein schöner, ein passender Titel. 38 Texte aus 65 Jahren enthält der Band. Panorama eines Lebens, das 1940 in Berlin-Kreuzberg begann. Der Vater ist 1941 gefallen. Als „eigentlich ungewolltes Kind“ hat sie den Krieg noch erlebt – mit einer traurigen, überforderten Mutter, die ihr wohl zu wenig Liebe gab. Im Osten der Stadt lebte sie, doch Berlin war ihr ein Ganzes. Die Mauer eine unerträgliche Spaltung.
Prägungen. Sie werden nicht erläutert, auch wenn die Autorin um sie weiß. Schließlich ist sie Psychologin von Beruf, geübt im Erkennen von Kindheitsmustern, die der Verarbeitung bedürfen. Als ob sie es schreibend darauf angelegt hätte, dass sich ein Dialog entspannt, bringt man unwillkürlich Eigenes ein. Vergleicht, widerspricht, versteht …
Dass die 285 Seiten zu Nachtgefährten werden, es mag nicht für jeden so sein. Auch wenn Helga Schubert sich mit der Ost-West-Trennung nicht abfinden wollte, gibt es doch einen ostdeutschen Hintergrund. Gesprächstherapie mit Seitenwechsel: Die Autorin erzählt, die Leserin lernt etwas über sich selbst – und sei es in der Erkenntnis, eigene Erfahrung nicht zu verabsolutieren.
Die Erschöpfung der Neunzehnjährigen, die ungewollt schwanger geworden war und Jahre bis zur Scheidung brauchte, ist in der Titelerzählung so eindringlich beschrieben, dass sie auch Jüngeren nachvollziehbar ist, die keine Windeln mehr zu kochen brauchen. Der Schmerz, als der Sohn zur Armee einberufen wurde, jedem ist zu wünschen, davon verschont zu bleiben.
Der Tod der beiden Großmütter – Krebs und Schlaganfall – ist das heute etwa weniger schlimm? „Ich lebe jeden Tag in der Erwartung des Lebens und jeden Tag in der Erwartung des Todes.“ Das schrieb Helga Schubert 1976, mit nur 36 Jahren. Wer schon mal eine Krebsdiagnose bekommen hat, wird sich nicht wundern. Die Erzählung „Knoten“ gehört zu den eindrucksvollsten im Band. 1982 wurde sie in der Sammlung „Das verbotene Zimmer“ bei Luchterhand veröffentlicht. Also mit DDR-Genehmigung im Westen, während der Druck in der DDR abgelehnt worden war.
Peitsche und Zuckerbrot, weil Schriftsteller in der DDR als so wichtig erachtet wurden. Helga Schubert stand unter Stasi-Beobachtung (wie so viele) und wurde doch mit einem Visum fürs westliche Ausland bedacht. Im Kulturbereich gab es Privilegien wie für andere Bürger nicht. Dennoch war es eine Erniedrigung. Die Begünstigten wollten mehr und waren zu Recht beleidigt ob der willkürlichen Verteilung. 1980 wurde Helga Schubert zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen und durfte nicht fahren. Vierzig Jahre später war sie dabei und gewann den Preis. 2024 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für „gelebte Werte der Demokratie“.
Dringen Kränkungen von einst nach dem Ende der DDR deutlicher hervor? Was kann das Gedächtnis mit uns machen? Es gibt einen Zorn, den die Autorin loswerden muss. Psychotherapeuten schätzen solche Momente. „Ich wollte dieses System nämlich nicht ändern, sondern ich wollte es überhaupt nicht haben.“ Das sagte sie 2022 auf einem Kongress der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.
Rund vier Millionen Menschen haben die DDR zwischen 1949 und 1989 verlassen. Helga Schubert blieb. Ständig zog es sie in den Westen. Mich nicht (aber ich konnte ja auch nicht). Ich sitze ihr wieder in Gedanken gegenüber. Es wird schon dunkel, während wir reden… Dass ich ihren sarkastisch-ironischen Text „Ein Feuerwerk über Berlin“ köstlich finde, sage ich, und dass „Innenhöfe“ allein schon wie ein Lebensroman ist. „Und manchmal dieses befreiende Gefühl: Festgefügtes ist gar nicht festgefügt.“ Der Innenhof eine wunderbare Metapher für die Freiheit, die wir unter allen Umständen in uns selber haben.
Wozu sollen wir uns über damals streiten? Ihren Alptraum von 1979, dass ihr der Himmel „verschnürt“ kann ich ja verstehen. Auch dass es kränkend war, wie Christa Wolf sie in ihrer Erzählung „Sommerstück“ porträtierte. Aber wer weiß das heute noch? „Was wird geopfert? Ein Mensch und sein Geheimnis.“ Dann lassen wir es doch Geheimnis bleiben.
Eine kunstvolle Zusammenballung heutiger Konflikte ist „Eine Überfahrt“, ein Vortrag, den Helga Schubert 1994 auf Einladung der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats im Rathaus Schöneberg gehalten hat. „Damals lebten ein paar Hundertausend Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin, heute sind es geschätzt etwa 1,6 Millionen.“. Da fragt die Autorin auch sich selbst nach Toleranz und Weltoffenheit. Warum Ausländer, „gerade aus Osteuropa lieber im Westen leben“ wollen, überlegt sie. „Dieses Inruhegelassenwerden, das ist wohl das Wichtigste für mich an der deutschen Vereinigung … Die Möglichkeit, sich zu vereinzeln. Für mich ist es nicht Kälte und Gleichgültigkeit. Für mich ist es Abstand.“
Ist das so? In ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten sind Menschen verschieden. Selbst wenn sie sich apodiktisch äußert, ist sich die Autorin dessen bewusst. Die ganze Skala der Gefühle steckt im Buch und kulminiert doch an einem Wintermorgen 2025, als Helga Schubert noch einmal mit ihrem Mann frühstückt. Johannes Helm, Psychologieprofessor und Maler, war damals schon im letzten Lebensjahr. Mit 98 ist er am 22. August gestorben, schon versunken in seiner eigenen Welt. Dass sie bis zuletzt bei ihm war, mag ihr Genugtuung sein. „Es ist schön zu beobachten, wie die Sonne hier den Boden heranläuft, gleich wird sie auf allen Pflanzen sein, sagte er und lächelte zufrieden.“
Helga Schubert: Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang. Dtv, 285 S., geb., 24 €.