„Schlampe mit Helfersyndrom“?
Viel bitterböses Gelächter im Roman „fundamentalös“ von Yussaibah Younis“
Irmtraud Gutschke
In einer eiskalten Septembernacht 1919 stolpert eine junge Frau übers Gebirge zur irakisch-türkischen Grenze. Im Hosenanzug und mit Ballerinas ist sie lächerlich unpassend gekleidet. Die Designer- Handtasche, die sie sich vor einem halben Jahr für den Job bei der UN gekauft hatte, rutschte ihr dauernd von der Schulter. „Ich trat auf einen Stein, der unter mir zu Schotter zerbröselte, fiel hin und schrammte mir die Handflächen auf … “
Ironisch schaut die Autorin ihre Ich-Erzählerin von der Seite an. Beim Lesen überträgt sich dieser Blick, während wir die Vorgeschichte dieser Flucht erfahren. Nadia Amin, promovierte Kriminologin, hatte auf Grund eines akademischen Artikels ein Jobangebot von der UNO erhalten. Das traf sich gut, denn mit der erhofften Dozentenstelle klappte es nicht, und ihre Liebe zu Rosy steckte in einer Krise. Ein „Deradikalisierungsprogramm für IS-Frauen“: Vor der Lektüre wusste ich gar nicht, dass es sowas gab. „Eine Armee von Machomännern mit Bondage-mäßigen Sprengstoffgürteln, die auf einen Himmel voller jungfräulicher Muschis zumarschierten“ – Nadia macht sich lustig und hat umso mehr Mitgefühl für die Frauen, die unter den Einfluss dieser Männerbande gelangt waren und nun in Flüchtlingsunterkünften festsaßen.
Das hier beschriebene Camp in Ninawa gibt es wirklich und auch die streng abgeschirmte UN-Zentrale in Bagdad, wo man keinesfalls über diesen Roman erfreut sein dürfte. Filmreife Comedy-Szenen entlarven bürokratische Erstarrung ebenso wie jene Ausschweifungen, bei denen man dort Entspannung sucht. Westlich geprägtes Personal, Intrigen, Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Dienststellen. „Es soll bloß so aussehen, als wolle man handeln.“
Aber was soll aus den Frauen werden? „Der Irak will sie nicht. Die Heimatländer wollen sie nicht.“ Nadias Organisation mit dem bezeichnenden Namen „UNDO“ arbeitet mit sechs konkurrierenden irakischen Geheimdiensten zusammen, um herauszufinden, „ob die Frauen Dreck am Stecken hatten“. Gehirnwäsche im Camp, Augenauswischerei. Filmreif, wie ein extra eingeflogener Imam aus Kalifornien einen gewaltfreien Islam zu predigen versucht. „Ach so, zum Beispiel, als die Amerikaner in den Irak einmarschiert sind“, stichelt Sara, eine von vielen Frauen, die in Ninawa festgehalten werden. „Oder dass Assad in Syrien Völkermord an sunnitischen Muslimen verübt hat?“
Sara aus East London: Die kleine Schmächtige, die Nadia an ihr eigenes jugendliches Ich erinnert, wird zu einer wichtigen Gestalt im Roman. „Na klaaar … Natürlich können wir euch vertrauen. Die UN ist ist ja ganz bestimmt keine koloniale Verschwörung, die eine scheinbar legale Grundlage für die Kriegsverbrechen des Westens schafft.“ Diese Rotzigkeit, die ihre Verletzlichkeit überspielte – Nadia will alles tun, zumindest dieses Mädchen wieder nach Hause zu bringen.
Also sitzt sie der Anti-Terror-Verantwortlichen in der britischen Botschaft gegenüber. Im Rahmen der neuen Inklusionsstrategie gehe es verstärkt um „marginalisierte Bevölkerungsgruppen und die Verbesserung ihrer Sichtbarkeit“, bekommt sie zu hören. „Daher sollte das Programm alle Geschlechter und auch Menschen ohne Geschlechteridentität, alle Glaubensrichtungen und auch Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit sowie alle sexuellen Orientierungen und auch Menschen, die sich keiner zuordnen, berücksichtigen. Ich starrte sie an. Ähm … Der IS war nicht besonders divers aufgestellt …“
Noch weiß sie nicht, das Sara mit nicht mal 18 schon dreimal verheiratet war und sich nach ihrer kleinen Tochter sehnt, die bei den Großeltern in Mossul ist. Sie könne ihr Kind zurückbekommen, wenn sie ihn heiratet, verspricht der dortige Scheich (dick und alt). Und so geschieht es hinter Nadias Rücken.
In der Eingangsszene war ja ganz kurz eine schwarz gekleidete Frau ins Bild gekommen. Erst im Rückblick erfährt man, dass es Sara war mit ihrem Kind auf dem Rücken. Nadia will beide in Sicherheit bringen und ist so unpassend gekleidet, weil sie als UN-Angestellte Eindruck machen will. Eine Entführung bei Nacht und Nebel, dem Mut des irakischen Fahrers Farris zu verdanken. Er hat Schleuser angeheuert und seinen Job riskiert. „Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben.“
So kommen sie in Diyarbakir an. Dort aber erlebt Nadia eine verwandelte Sara. Das rotzfreche Gör von einst tritt ihr nun als ernste Muslima entgegen, die „im Dienste Allahs“ leben und auch ihre Habibah so erziehen will. „Dein Leben ist leer, du suchst immer nur nach dem nächsten Fick oder dem nächsten Drink, du bist ständig auf der Flucht. Aber ich habe eine Bestimmung … Für mich wärs ein absoluter Albtraum, wenn sie so werden würde wie du.“ Wie hatte sich Nadia so in Sara täuschen können? War sie wirklich bloß „eine Schlampe mit Helfersyndrom“, wie die sie nun nennt?
„Das witzigste Debüt des Jahres – Nominiert für den Women’s Prize for Fiction“, so wirbt der Unionsverlag Zürich für diesen Roman, der tatsächlich voll unerwarteter Situationskomik steckt, aber im Grunde bitterernst ist. Die Ironie darin ist wohl auch Selbstironie, denn die Autorin ist ihrer Ich-Erzählerin sehr nah. Dr. Nussaibah Younis wurde 1986 als Tochter eines irakischen Vaters und einer pakistanischen Mutter in Großbritannien streng muslimisch erzogen und kann Sara ebenso gut verstehen wie Nadia, die sich aus der religiösen Umklammerung befreien wollte. Als Expertin für den Irak und die Friedensarbeit dort hat sie mehrere Jahre lang die irakische Regierung beraten, auch in Bezug auf die „Deradikalisierung“ von Frauen, die mit dem IS in Verbindung standen. Wie das an der Realität vorbeiging, quittiert sie mit Gelächter.
„Fundamentally“ heißt der Roman im Original. Festgefügte Lebensprinzipien prallen aufeinander, und die Auseinandersetzung geht eher nicht zu Gunsten des Westens aus.
Nussaibah Younis: fundamentalös. Roman. Aus dem Englischen von Jasmin Humburg. Unionsverlag, 384 S., geb., 19,90 €.