Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit

„Schluss mit den Lügen!“

„Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ von Thomas Piketty als Graphic Novel

Irmtraud Gutschke

Ein wissenschaftliches Buch in eine bildhafte Erzählung gebracht. Was sich im Verlag C.H. Beck schon mit den Bänden des israelischen Historikers Yuval Noah Harari als Erfolg erwies, gelingt auch hier. Nachdem „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“ von Thomas Piketty schon mehrere Auflagen erlebte, folgte jetzt eine Graphic Novel mit diesem Titel. Der Zeichner Sébastien Vassant und der Texter Stephen Desberg haben die Thesen Pikettys in einer rasante Handlung übersetzt. Wohl mit Billigung des Autors, der zufrieden sein kann, dass seine Kampfansage gegen die zunehmende soziale Ungleichheit auf diese Weise noch mehr Leser erreicht.

Groll, Empörung, Ohnmachtsgefühle: Seit 2021, als Piketty Buch im französischen Original erschien, haben sich diese Stimmungen auf eine Weise verstärkt, dass man nicht mehr sicher sein kann, ob den Konflikten zwischen Arm und Reich noch friedliche Lösungen garantiert sind. Eine Neuaufteilung der Welt ist im Gange, begleitet von einer Krise des Westens, die zunehmend auf das Recht des Stärkeren setzt. Was nach außen geschieht, wird es auch Folgen nach innen haben?

Da verhilft Pikettys historischer Blick der Erkenntnis historischer Zusammenhänge, die man in den Wirren der Gegenwart allzu leicht aus den Augen verliert. Immer wieder hat es ein Aufbegehren gegen die Ungleichheit gegeben, und immer wieder wurden von ihren Nutznießern Begründungen dafür gefunden. Sébastien Vassant und  Stephen Desberg hatten ihren Spaß daran, diese Auseinandersetzungen in Szene zu setzen, bei denen die Reichen den Armen die Köpfe zu verdrehen versuchen. Im Grunde sind die Argumente ja gleich geblieben: Sie, die Reichen, sind es, die den Armen das Leben garantieren. Hierzulande werden sie deshalb auch „Arbeitgeber“ genannt, dabei sind sie doch Profiteure.

Die Gegenüberstellung von Arm und Reich wird hier also fasslich bildhaft. Dialoge beziehen gleichsam Leser und Betrachter mit ein.  „Wenn ich recht verstanden habe, bezeichnet man also die ärmsten 50% als die Unterschichten… Die folgenden 40% als Mittelschicht …. Und die reichsten 10% als Oberschicht… In letzteren kann man die wohlhabenden Klassen von der herrschenden Klasse, den 1% der Reisten der Reichen unterscheiden.“ Interessenkonflikte, die manch einem nicht einmal bewusst sind, werden somit ebenso anschaulich wie deutlich herausgearbeitet. Auch für jene, die von den  Grundlagen der politischen Ökonomie des Kapitalismus bislang zu wenig wussten.  

Dazwischen immer wieder Zitate von Piketty selbst, die man durchdenken, sich gar herausschreiben könnte. So wie dieses: „Aller Wohlstand in der Geschichte ist Resultat kollektiver Prozesse.“ Was wohl wahr ist, aber der Motor dieser Entwicklungen war bislang immer wieder die Aussicht auf Profit durch Ausbeutung. Die Ungleichheit ist ein Skandal. Doch der Beweis dafür, wie ohne den ökonomischen Anreiz der Bereicherung Wirtschaftsentwicklung zu fördern wäre, muss erst noch erbracht werden.

Was aber jetzt schon möglich ist, staatlicherseits Ungerechtigkeit im Zaum zu halten, und persönlich, das System der Bereicherung zu durchschauen: „Schluss mit den Lügen!“

Thomas Piketty: Eine kurze Geschichte der Gleichheit: Die Graphic Novell nach dem Buch von Thomas Piketty von Sébastien Vassant und Stephen Desberg. C.H.Beck,
96 S., br., 22 €.

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