Die Wege zum Autoritarismus sind offen
Irmtraud Gutschke
„Kriege und Umbrüche, Zukunftsangst, politische Polarisierung, Unzufriedenheit und der Eindruck, dass das Land nicht mehr richtig funktioniert: Die Stimmung ist schlecht. Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich nicht ernst genommen und weiß nicht wohin mit Sorgen, Angst und Wut. Populismus und Radikalisierung wachsen. Immer mehr Menschen suchen Orientierung und fühlen sich von den Entwicklungen überrollt, sind angespannt, ängstlich oder ausgebrannt …“ Für diese nüchterne Bestandsaufnahme kann man dem Autor nur dankbar sein. Als Soziologe hat Matthias Quendt keine Illusionen bezüglich der aktuellen Situation. Als Rechtsextremismusforscher ist er zudem besorgt, dass all die Ängste, verbunden mit einer Wirtschaftskrise und den Folgen von Krieg, zu einer „Polykrise“ führen, welche den „idealen Nährboden für Faschismus“ bieten kann.
1986 in Arnstadt geboren, mag er als Jugendlicher auch selbst mit dem nach der Wende aufkommenden Rechtsextremismus in Ostdeutschland bittere Erfahrungen gemacht haben. Auch damals waren Unsicherheit und Ohnmacht der Nährboden gewesen für eine Radikalisierung, die vorher wohl niemandem in den Sinn gekommen wäre. Dieses Phänomen wurde sein Forschungsthema. Das nimmt er ernst auf eine wohltuend persönliche Weise.
Das Buch steckt voller genau recherchierter Details. Schon der Titel zeigt: Der Autor will etwas bewirken. „Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren“ – das sind keine leeren Floskeln. Er will tatsächlich Rat geben. Und das tut er eingedenk dessen, dass Menschen unterschiedlich auf Krisen reagieren. „Forschungsbasiertes Storytelling“ nennt er sein Verfahren, unter erfundenen Namen Mitglieder verschiedener gesellschaftlicher Gruppen in ihren unterschiedlichen Reaktionen zu analysieren. „Ohnmächtige, Resignierte, Flexible, Kämpfende“ in ihrer jeweiligen Lage und Verteilung in der Gesellschaft – dahinter steht genaueste Forschungsarbeit.
Man merkt, hier meldet sich ein Experte, der viel Verständnis für verbreitete Sorgen und Nöte hat, sich aber selbst auf einer anerkannten Position befindet. Als Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Gründer des Instituts für demokratische Kultur fungiert er zugleich als Berater und Sachverständiger für Institutionen, Regierungen und Parlamente, darunter den Deutschen Bundestag. Er weiß durchaus auch um den Frust, der aus sozialer Ungerechtigkeit resultiert. Die ist systemimmanent, das ist ihm sicher klar, lässt sich bestenfalls mildern. Auch wenn es ein krankes System ist, er spricht ja von „Polykrise“, wäre eine grundsätzliche Heilung jenseits derzeitiger Realität.
Ein Arzt am Krankenbett des Kapitalismus, was kann er also anderes sein. Einer, der in der derzeitigen Lage das Mögliche will und psychische Bestärkung anbietet. Wer das Bedürfnis nach Texten hat, welche die eigene Empörung spiegeln, kommt in diesem Buch bestenfalls insofern auf seine Kosten, dass der Autor diese Gefühle versteht. Aber er bestärkt sie nicht. Er steht für ein politisches Engagement gegen Rechts, weil er sich – im Unterschied zu vielen – über die Gefahr des Autoritarismus keine Illusionen macht. Auch nicht bezüglich der eigenen Position.
Liest man das Buch genau, wird man sich aber auch seine Gedanken darüber machen, wie sich Wege zum Autoritarismus bereits geöffnet haben. Sehr dankbar bin ich Matthias Quent für die mehrfachen Verweise auf den Aufsatz „Zum Gefühl der Ohnmacht“ von Erich Fromm (1937), der darin die Bedeutung weitverbreiteter Gefühle der Ohnmacht für den deutschen Faschismus analysierte. Auch hier versteckt sich im Buch eine Aufforderung zum Weiterdenken. Wer heute mit dem Gedanken spielt, AfD zu wählen, will wenigstens etwas gegen diese unerträgliche Ohnmacht tun, welche durch die täglichen Nachrichten nur noch verstärkt wird. Wie der Wunsch nach Ermächtigung die Gefahr der Unterwerfung ausblendet, bleibt vielen noch unbewusst.
Da scheint es mir sogar, dass hier nicht alles ausgesprochen ist, was derzeit politisch und medial den offiziell so verdammten Rechten in die Hände spielt. Kann es vielleicht gar sein, dass der Faschismus als eine Variante des Kapitalismus in der Krise ist, herbeigewünscht wird von jenen, die um ihre Profite fürchten? Umso wichtiger Matthias Quendts Feststellung: „Extreme und nicht gerechtfertigte Ungleichheiten und die damit verbundenen unterschiedlichen Mitbestimmungsmöglichkeiten schaden der Demokratie.“ Was getan werden müsste, damit die Leute nicht rechts wählen, ist hier im konkreten nicht aufgeführt: Statt Schwächung des Sozialstaats dessen Bestärkung und Entwicklung, das wäre der richtige Weg. Dafür würden die Mittel fehlen? Diese Bundesregierung wird bitter dafür bezahlen, dass sie die Vermögenden hätschelt, statt sie für das Gemeinwohl wenigstens etwas mehr in die Pflicht zu nehmen. Was soll’s, die Aktionäre von Blackrock und Rheinmetall werden ja auch kaum unter einer AfD-Regierung zu leiden haben.
Aber die nicht Vermögenden sollten sich noch viel weniger Illusionen machen: „Die extreme Rechte kritisiert eben nicht die Ungleichheit des neoliberalen Kapitalismus, die Machtkonzentration der Überreichen oder die Zerstörung der globalen Umwelt“, stellt Matthias Quendt fest. „Sie kritisiert ethnische und kulturelle Vermischung und den Verlust nationaler Souveränität.“ Sich falsche Hoffnungen zu machen, wie es bei der Wählerschaft von Trump geschah, die sich von seiner behaupteten Allmacht zu „stellvertretenden Selbstwirksamkeitsgefühlen“ hinreißen ließ (hier wird der Spziologe Steffen Mau zitiert), wird zu bösem Erwachen führen.
Matthias Quendt: Keine Macht der Ohnmacht. Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren. Piper, 272 S., geb., 22 €.