Wenn Gedanken fliegen dürfen
Irmtraud Gutschke
Spielerische Leichtigkeit, eine Sehnsucht gerade für die sommerlichen Urlaubstage. Dieses Gefühl des Glücks, das man sich doch verdient hätte, aber, leider, garantiert ist es nicht. Für dieses Buch wurde das Glück herbeigerufen, und siehe, es folgte dem Ruf.
Dabei stand am Anfang eine Inspiration durch Technik. Durch ein Interview mit dem Schriftsteller Martin Suter habe sie von einem „neuartigen Supergerät“ erfahren, schreibt Friedrun Magdalena Hardt im Vorwort. Wie das „remarkable tablet“ handschriftlichen Text in einen druckfähigen umwandelt, galt es auszuprobieren. Als inspirierende Beschäftigung, ohne den Gedanken an ein mögliches Buch. Ein Spiel, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Da haben Friedrun, ihr Mann Martin und Sohn Philipp einander Titel vorgegeben und waren gespannt auf die Erzählungen, die daraus entstehen würden. Beim Lesen kann man sich vorstellen, wie sie einander bei einem Glas Wein vorgelesen haben und wie sie sich amüsierten.
Vorher aber Grübelei: Was soll ich denn über eine Bushaltestelle schreiben oder eine alte Turmuhr, was hatte ihr Mann da für eine Aufgabe gestellt, mag sich Friedrun Hardt gefragt haben. Und Martin sollte überlegen, wie der Wind zu seinem Rauschen kam und sich Gedanken über ein Insektenhotel machen. Sich seinen Hund Otis hineinzuversetzen mag für Philipp wohl leichter gewesen sein, als sich einen riesigen Drachen über dem Feld vorzustellen, der seine Kontaktlinse verloren hat. Wo gibt’s denn sowas? Aber das ist ja das Großartige: wie sie einander auf völlig ungewohnte Gedankenwege lockten. Denn wenn jeder sich bloß selbst eine Geschichte ausgedacht hätte, ohne die Aufgabe von außen, hätten die Texte womöglich nicht diesen Reiz gehabt. Auf jeden Fall wäre es nicht so ein großer Spaß gewesen.
Auf diesen Spaß aber kam es an. Dass man nicht nur die anderen, sondern auch sich selbst überraschte, nachdem man vielleicht erst einmal zurückscheute vor einem Thema, zu dem einem momentan nichts einfiel. Aber der Einfall kam dann doch, und wenn der Text fertig war, konnte es vielleicht sogar passieren, dass einem noch andere Einfälle kamen. So stelle ich es mir jedenfalls vor, weil es doch so viele Wege gibt, die Wunder der Wirklichkeit zu durchwandern. Wichtig ist nur der Moment des Aufbruchs und die Leichtigkeit, der Flug der Phantasie.
Profi-Autorinnen und -Autoren müsse vor Neid erblassen. Sie hätten es viel schwerer gehabt. Allein schon, weil sie das Geschriebene an einen Verlag verkaufen müssen. Lektoren und vor allem Marketingleute würden sich darüber beugen und, wenn sie es nicht gleich zurückweisen, Ideen zur Umarbeitung einbringen. Schließlich soll es doch an die Kunden kommen. Das Buch als Ware: Eigentlich, dachte ich beim Lesen, ist dadurch so viel schon verdorben. Alle wollen verdienen – müssen es ja sogar – der Gedankenflug wird dem untergeordnet.
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo wer spielt.“ An diesen Satz von Friedrich Schiller musste ich denken, als ich dieses – sogar noch schön illustrierte – Buch gelesen habe. Denn hier dürfen die Gedanken fliegen, frei, ohne jede Pflicht, jede Last. Zunächst hatte ja niemand daran gedacht, die Texte einmal gedruckt zusammenzufügen. Und auch als das dann doch geschah, war es erst einmal ein Privatvergnügen. Nun mache ich also Werbung für ein Buch, das es nicht im Handel gibt. Aber wer Lust darauf bekommt – man wende sich an mich und ich werde mich an die Autoren wenden.
Überaus vergnügliche Lektüre ist versprochen. Überraschende, Unglaubliches und Reales. Angestoßen durch Alltägliches: eine Turmuhr, eine lila Wanderhütte, Wattwürmer, die Schwalbe, den Kuckuck. Manche Texte sind nicht mal eine Druckseite lang. Sozusagen häppchenweise ist das Buch zu genießen. Und dann geht das Glück dieses Sommers im Bootshaus auf einen selber über.
F. M. Hardt (Hg.): Bootshaus im Sommer 2025. Geschichten. Verlag Emil Plotz Nachf. Berlin und Kairo, 80 S., br.