Altern mit Neugier
Irmtraud Gutschke
Noch ist die Nacht des Alterns nicht hereingebrochen, und die Magnolie auf dem Titelbild hat lediglich ein paar Blüten abgeworfen. Trotz einfallender Dämmerung – der Himmel hinter dem Baum ist trüb – prangt sie noch in der Pracht des Frühlings. Die wir uns ja auch für uns selbst bewahren wollen, und die Werbung ruft uns zu, dass wir das können.
Der Mikrobiologe Paul Bálint aus Christian Hallers Novelle lässt sich schon von Berufs wegen nicht täuschen. Zellen altern nun mal, allein schon durch nachlassende Reparaturmechanismen. Zur Feier seines achtzigsten Geburtstags im Kreis einstiger Kollegen ging es ihm recht gut. Umso bedrückender das Gefühl, nicht mehr wirklich dazuzugehören. Man feierte ihn wegen früherer Leistungen.
Vielen begegnet diese Situation schon beim Eintritt ins Rentenalter. Man ist aussortiert, aber eben auch frei. Paul im Buch trauert immer noch um den Verlust seiner Frau, die ihn erst verließ und sich dann das Leben nahm. Carla blieb seitdem in seiner Erinnerung lebendig. Doch jetzt scheint ihre Präsenz stärker geworden zu sein. Da blickt ein Vogel vor dem Haus ihn gar mit ihren Augen an.
Christian Haller zeichnet keinen traurigen, einsamen Menschen, sondern einen, der gefasst und aufmerksam in sich hineinhorcht. Der auch offen ist für seine Umwelt, ja einen, der sein Leben liebt. Einen Erfolgreichen mit Erfahrungen in vielen Ländern. Freilich, die persönlichen Kontakte sind nicht mehr so wie einst. Etwas hat sich geändert. Da beschenkt der Autor seinen Protagonisten mit einem ganz besonderen Weggefährten: Steinberg, damals Ende fünfzig, war schon nach Carlas Tod Bálints Psychotherapeut gewesen. Über die Jahre wurde er zu seinem Freund.
Nach seiner Emeritierung, so erklärt er, habe Bálint ins „Haus des Alters“ umziehen müssen. „Nun stehen Sie also im Hausflur mit Sack und Pack, mit Rente und dem Ballast der Vergangenheit. Doch Sie sind irritiert … Man ist in Ferienstimmung, will die freie Zeit genießen, die Dinge tun, die man zuvor aus Zeitmangel nicht getan hat, und merkt, dass man nicht in einem Spa-Hotel eingecheckt hat, sondern sich in einem seltsam leeren Raum befindet … Im Vordergrund aber lärmt eine Vergnügungs- und Ablenkungsindustrie …“ Und die speist sich aus der Hast, noch etwas zu genießen, bevor es zu spät ist. Aber wird das erfüllend sein?
Das betrifft die Kammer des „jungen Alters“. Doch es gibt in diesem Haus ein zweites Zimmer, das Bálint nun betritt. Dass er sich nun mit dem „alten Alter“ befreunden müsse, sagt sein Freund Steinberg, der noch viel Zeit bis dahin hat. „Bálint wusste nicht so genau, was ihn nun in dem neuen Jahrzehnt an Erfahrungen erwarten würde, die von den bisherigen verschieden wären.“ Und wir Lesenden wissen es ja noch viel weniger. Ist es eine neue Langsamkeit. Ist er achtsamer geworden? Ist damit gar eine Bewusstseinserweiterung verbunden?
Christian Haller lässt seinen Paul Bálint einen Weg gehen, von dem er selbst mit seinen 83 Jahren schon einiges weiß, den er aber auch noch zu erforschen hat. Wie er offen ist, immer auf Überraschendes gefasst, gibt dieser Novelle ihre Energie und treibt das Lesen an. „Ich altere mit Neugier“ – an dieses Bekenntnis aus Elke Heidenreichs „Altern“ musste ich denken. Bálint nutzt die ihm verbliebene Kraft für das Unerwartete und gestattet es sich auch mal, die rationale Spur seines bisherigen Lebens zu verlassen. Es sind andere Entdeckungen als bisher, die er nun macht. Vielleicht ist darin etwas Versponnenes oder auch etwas Hellsichtiges. Wer weiß.
Christian Haller: Einfallende Dämmerung. Novelle. Luchterhand. 140 S., geb., 22 €.