Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Norbert Wolf: Romantik

Sehnsucht nach etwas Anderem, Besserem

Irmtraud Gutschke

Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Karl Friedrich Schinkel, Eugène Delacroix, William Blake… Mit 220 brillanten Reproduktionen besticht dieser prachtvolle Band. Gemeinsam mit dem Autor, der ja Kunsthistoriker ist, kann man darin schwelgen. Aber es ist nicht lediglich ein „Bilderbuch“, wobei ich das nicht abwertend meine. Zu jedem der vorgestellten Künstler gibt es genügend Lesestoff. Norbert Wolf vermag mit ausführlichen Werk- und Bildbeschreibungen zu glänzen, sodass sich staunendes Betrachten mit Verstehen verbinden kann. Kunstliebhaber, die das Buch auf dem Weihnachtstisch hatten, werden es lange, lange als wunderbares Geschenk liebgewinnen.

Aber auch für mich, die ich eher von der Literatur herkomme, öffnen sich Wege des Empfindens und Begreifens. War nicht auch die Epoche der Romantik eine Zeitenwende? „Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke“. Lange, lange hat Goethes Verdikt in der Geistesgeschichte nachgewirkt. Besonders auch in der DDR, wo sich Peter Hacks auf sprachmächtig bissige Weise der Verdammung anschloss. Rückwärtsgewandtheit? Im gesellschaftlichen, politischen Sinne mag da etwas dran sein, wobei es, beeinflusst von der Französischen Revolution, ja auch eine revolutionäre Romantik gab, die in späteren Phasen enthusiastischen Aufbruchs wieder aufflammen konnte.

Die romantische Innerlichkeit scheint dazu im Gegensatz zu stehen. Das aufs Subjektive Gerichtete, Sehnsüchtige, die Hinwendung zum Fantastischen, Mystischen gar, Streben in die Ferne und Rückzug in die Melancholie – Kontraste, mit der romantischen Bewegung dermaßen machtvoll in die Welt gebracht, dass sie uns bis heute begleiten. Für auf sich selbst zurückgeworfene Individuen ist es zu einem Bedürfnis geworden, das bis ins Triviale der Fernsehserien hinein widergespiegelt wird. Ja die ganze Konsumwelt nimmt es auf und bricht es herunter auf das Gefällige und Gewünschte.

Dass die Romantik eine Antwort auf die Rationalität der Aufklärung war, Norbert Wolf hat in seiner Analyse wohl Recht, wenn er im Zukunftsweisenden der romantischen Weltdeutung die „grenzenlose Freisetzung subjektiver Fantasie“ hervorhebt. „Poetisierung des Lebens“ mittels der Kunst, „um das schöpferische Ich in transzendente, universale Sphären zu heben und christliche Religion mit philosophischem Subjektivismus zu versöhnen“ – nicht zuletzt in der Verhimmelung der Natur als dem wahrhaft Echten findet romantisches Weltgefühl heute seine Fortsetzung. Sehnsucht nach einem anderen, einem besseren Leben, wenigstens in „Fantasie und Sehnsucht“, wie das Buch im Untertitel heißt.

Norbert Wolf: Romantik. Fantasie und Sehnsucht. Prestel Verlag, 280 S., geb., 79 €.

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