„Liebe war übermächtig“
„Pfefferminzhimmel“: Ein Roman voller Schärfe und Süße von Alfred Roesler-Kleint
Irmtraud Gutschke
Was für eine herzzerreißende Szene gleich zu Beginn: Bis zum Abend hatte der Vater mit seinem Jungen „Schätze“ gesammelt. Ob es in Kanada Piraten gibt, fragte der Sechsjährige. Sie einigten sich darauf, dass es böse und gute Piraten gäbe, wobei erstere ausgestorben seien. Sonst würde sich ja niemand nach Kanada trauen. Im Auto hatte der Junge den Kopf auf seinen Schoß gelegt. Der Flug ging von Schönefeld nach Prag, dann nach Vancouver. Und er umarmte seine Frau zum letzten Mal. Denn seine Eva hatte sich in einen kanadischen Gitarristen verliebt. Ihrem Ausreisegesuch war von den DDR-Behörden stattgegeben worden.
Dass ein Vater gar kein Recht auf seinen Sohn hat, ist zum Glück heute anders, denkt man und fühlt mit dem Verlassenen, der seinen Schmerz hinunterschluckt, weil er dem Glück seiner Eva nicht im Wege stehen will. Lange, lange hat er ihr sehnsuchtsvolle Briefe geschrieben. Hat Unsummen ausgegeben, um ihre Stimme am Telefon zu hören. Hat sie sogar wiedergesehen, aber sie war eine andere, hatte sich vom Gitarristen getrennt, einen Autohändler geheiratet, und der Sohn war ohne Interesse an ihm.
„Personen und Handlung dieses Romans sind weitgehend fiktiv“, heißt es im Epilog. Aber wie der Vater noch einmal seinen schlafenden Jungen betrachtet – die „feinen Augenbrauen. Die langen Wimpern. Die vom Seewind geröteten Wangen“ – da mag ich an keine Erfindung glauben. Auch deshalb nicht, weil solch eine Szene auch in Alfred Roesler-Kleints Gedichtband „Wir haben Wind gesät“ vorkommt und weil sein Song „Casablanca“ davon lebt.
Der Roman beginnt 1980 und führt bis in die 90er Jahre, als es mit der DDR zu Ende geht. Es ist wohl eine Menge Autobiographisches verarbeitet. Dass der Autor, in Westfalen geboren, früh schon in die DDR kam, nach seinem Studium an der Humboldt-Universität Kulturredakteur beim Fernsehen wurde, dort nicht mehr gefragt war, weil er auf eigener Meinung bestand, sich irgendwie durchschlug und an eine Rockband gelangte, für die er die Texte verfasste. Dass er in Wendezeiten noch einmal den Traum von journalistischer Freiheit im Fernsehen verwirklichen wollte und an Rechthaberei aus dem Westen scheiterte, das alles ist drin. Aber eben noch viel mehr.
Er spricht von sich in dritter Person, blickt sich sozusagen von der Seite an, überlegt beim Schreiben, was er empfand und was hätte sein können. So kann er auch hinzuerfinden. Lebendige Szenen treten einem vor Augen. Es ist dies sein erster Roman, und er lebt auch von den Erfahrungen als Szenarist. Viele Drehbücher für Fernsehfilme und -serien hat er verfasst, oft mit Scarlett Kleint zusammen. Am bekanntesten wurde wohl „Der Usedom-Krimi“ mit seinen sechs Folgen. Der Mann beherrscht das unterhaltsame Genre. Sofort zieht einen die Lektüre in ihren Bann.
„Liebe war übermächtig“, heißt es auf Seite 21. Auf berührende Weise handelt das Buch davon. Begehren und Güte, Zärtlichkeit und Freiheitsbedürfnis. Man höre sich die Musik der DDR-Rockband „City“ an, für die Roesler-Kleint vom Ende der 70er Jahre bis zu ihrer Auflösung 2022 sozusagen der „Haus- und Hofdichter“ war. Toni Krahl mit seiner markanten Stimme – dieses Leise und dabei Energiegeladene, das Trotzig-Raue und das Feinnervige ist auch in diesem Buch zu spüren.
Das Echte, das im Inneren Freie, einem Anpassungsdruck entgegengesetzt, der sich eben nicht tarnte, wie es heute üblich ist, sondern in aller Offensichtlichkeit von außen kam und für schöpferische Charaktere eine Herausforderung war, ihn zu umgehen, zu unterlaufen. Für den Redakteur des „Kulturjournals“ ist allerdings manche gute Idee an der „Abnahmeprozedur“ in Adlershof gescheitert. Fernsehen wurde im „Großen Haus“, der SED-Parteizentrale, sozusagen als Zweigstelle betrachtet. Und gerade deshalb die Lust am Klüger-Sein. So stimmig, wie das beschrieben ist, entsteht gerade für ostdeutsche Leser eine Atmosphäre von Vertraulichkeit, in der man auch mal mit dem Autor streiten kann, ob er nicht ungerecht ist bei der Darstellung einzelner Personen. Aber er will es so kantig, so ironisch, sarkastisch. Und das ist ja auch ein Reiz des Buches.
So viel Ostdeutsches findet sich hier: die Kampfgruppen, Biermann, der Film „Reise in die Urzeit“, das Lied vom Thälmann-Bataillon, „Blaue Wimpel im Sommerwind“, das FDJ-Studienjahr, die GST, die Kondome „Mondos“, der Kaffee „Rondo“, das BE, Christa Wolf, Jürgen Kuczanski, Gorbatschow, die Demo vom 4. November 89, der Traum von einer freien und gerechten DDR … Und vor wechselndem Weltgeschehen blieb am FKK „die große Freiheit der Ostdeutschen“ unbestreitbar: der „Welt den blanken Allerwertesten zu zeigen“.
Aber seine Energie erhält der Text durch eine ganz besondere Person: Charlotte, die zunächst nur einen Ort suchte, um sich mit ihrem Lover aus dem Westen zu treffen, aber keinesfalls dorthin wollte. Die blieb und sich in den großzügigen Mann verliebte, bei dem sie nur gelegentlich Unterschlupf hatte finden wollen. Dabei hatte sie nicht vor, älter als dreißig zu werden.
Was für eine Frau! So lebenswild, kratzbürstig, unstet, immer für Überraschungen gut, so frech, so klug … Sie heiraten, weil sie nur so zu einer Zwei-Zimmer-Wohnung kommen. Niemals will sie ein „Mittelstandsweibchen“ sein. Hat Schwierigkeiten mit ihrer Mutter, die sie dann bis zum Tode pflegt. Stieß sich an Grenzen und hat sich die ganze Zeit über den banalen Alltag hinausgeträumt.
„Nie anders als ans Fliegen denken“ – wer sich fragt, woher der Romantitel „Pfefferminzhimmel“ stammt, höre sich den gleichnamigen Song von „City“ an. Die Sehnsucht nach Ferne muss sich schließlich erfüllen. Aber es ist anders, als erhofft und deshalb gerade witzig. Wie der Roman zum Schluss kommen soll nach über 400 Seiten, mag sich der Autor gefragt haben. Da schlägt er einen Bogen zum Anfang. Gewagt, ausgedacht und doch beruhigend, schön.
Alfred Rösler-Kleint: Pfefferminzhimmel. Roman. Verlag am Park,
448 S., geb., 26 €.