Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

D.H.Lawrence: Lady Chatterleys Liebhaber

…strömte auch seine Seele ihr zu …

Irmtraud Gutschke

Immer wieder verfilmt wurde dieser erotische Roman. In mehreren Ausgaben ist er auf dem deutschen Buchmarkt zu haben. Die neueste stammt aus dem Verlag arsEdition, der für eine prachtvollen Editionen berühmt ist. Goldene Ornamente auf einem leuchten farbigen Titelbild in Jugendstil-Anmutung, ein Vorsatzpapier, das an alte englische Tapeten erinnert, gedruckte Seiten, deren Farben variieren und das Muster des Vorsatzpapiers aufnehmen, ganzseitige Bilder, aber auch solche, die in den Text eingebunden sind. Zwei Polinnen haben sich zusammengetan, um uns diese Augenfreude zu bescheren: Olga Kawacinska schuf die Illustrationen, Magda Rawicka war für Typografie und Gestaltung verantwortlich.

Zuerst sehen wir einen englischen Landsitz mit gepflegtem Rasen. Das aristokratische Anwesen gehört Clifford Chatterley. Olga Kawacinska malte ihn, im Rollstuhl sitzend, denn eine Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg hatte ihn querschnittsgelähmt und impotent gemacht. Als Conny ihn heiratete, war er ein gesunder, geistsprühender Mann gewesen. Und nun: „So groß und kräftig er auch war – er war hilflos.“ Aber sie war jung und voller Unrast. Darin wurzelt das Drama, diese Tragödie, die sich nicht auflösen lässt. „Ich kann sehen, dass sie beide recht haben, jeder auf seine Weise“, sagt Mrs. Bolton, die treue Haushälterin am Schluss des Romans. Da verlässt Conny ihren Mann, nachdem sie ihm gebeichtet hat, dass sie von Oliver Mellors, seinem Wildhüter, ein Kind erwartet.

Aber D.H. Lawrence steht ganz auf Seiten der Frau, die für sich eine Liebeserfahrung sucht, welche ihr Ehemann ihr nicht geben kann. Diese Liebeserfahrung beschreibt er auf eine Weise, dass man nur staunen kann. Wie kann er das so genau wissen? Und er steht auch auf Seiten jenes Wildhüters, der ein Bergarbeitersohn ist wie er selbst. Der intellektuelle Aristokrat wird als impotent abserviert, obgleich er keine Schuld daran trägt und sich immer um ehrenhaftes Verhalten bemüht. In der britischen Klassengesellschaft war es ein Signal, wie sich hier zwei Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zusammentun, ähnlich übrigens wie des Autors Mutter, die als Lehrerin aus einer gutbürgerlichen Familie kam, während ihr Mann der Arbeiterklasse angehörte.

Und schließlich war ja auch er selbst mit einer Adligen verheiratet: Frieda Freiin von Richthofen, Tochter eines deutschen Barons. Sechs Jahre älter als er, hatte sie sich von ihrem Mann scheiden lassen, um ihn zu heiraten.

Und noch etwas kam hinzu: D.H.Lawrence arbeitete an diesem Roman, als er schon an einer unheilbaren Lungentuberkulose litt. Connys Entschiedenheit schenkte ihm Kraft. Auch bezüglich des Romans brauchte er Mut, musste er doch wissen, dass die erotischen Szenen im Roman als Skandal empfunden werden würden. Heute kann man es sich kaum mehr vorstellen, wie unerhört 1928 allein schon die Tatsache war, dass eine Ehefrau einen Anderen lieben könnte. Mehrmals gab es Prozesse gegen das Buch – nach des Autors Tod in den USA und zuletzt noch 1960 in Großbritannien, um ein Publikationsverbot zu erwirken.

Dabei hat D.H. Lawrence Sexualität auf so leuchtende Weise beschrieben, dass der Vorwurf, darin könnte etwas Obszönes sein, an jene zurückfällt, die so denken. Leid können sie einem tun, weil sie etwas Wichtiges in sich selbst verleugnet haben. Der Aufschrei gegen dieses Buch richtete sich gegen die eigenen Dämonen.

Dem Autor aber hat es wohl gutgetan, diese Liebe schreibend mitzuerleben. „Und sanft drang er in sie ein und fühlte. wie der Strom von Zärtlichkeit aus seinem Innersten in das ihre überfloss und sie loderten im Zusammenklang des Empfindens. Und er erkannte, als er in sie kam, dass dies es war, was er zu tun hatte: in zärtliche Fühlung zu kommen, ohne seinen Stolz oder seine Würde oder seine Integrität als Mann zu verlieren … Und als sein Same in sie strömte, strömte auch seine Seele ihr zu in diesem schöpferischen Akt, der so viel mehr ist als nur fruchtbringend.“

Es stimmt, was im Klappentext steht: dass es eine „mutige Geschichte über die Emanzipation der Protagonistin Constanze“ ist, „die den Konventionen ihrer Zeit trotzt“. Dabei ist aber auch zu erleben, wie tradierte Männlichkeitsbilder in sich zusammenfallen, wie die Emanzipation der Frau von einer Emanzipation des Mannes begleitet wird.

D.H. Lawrence: Lady Chatterleys Liebhaber. Illustriert von Olga Kawacinska. arsEdition, 448 S., geb., 30 €.

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