Verweilen im Zauber des Augenblicks
Irmtraud Gutschke
Man gönne sich dieses Buch und genieße es ohne Eile. Häppchenweise – da bietet es lange vorzüglichen Lesestoff. Und wenn man es zuschlägt, kann man es gern erneut aufschlagen. Die inspirierenden Sätze vertragen mehrmalige Lektüre. „Die Stille ist das Rieseln des Sandes“ – der Buchtitel umschließt den bewusst erlebten Moment ebenso wie die Endlichkeit jeden Lebens, also das ganze Spannungsfeld des Daseins. Und somit steckt fast alles in diesem schmalen Bändchen, was zu einem Leben gehören kann; das Bittere und das Süße, das Reale und der Traum.
Michael G. Fritz, 1953 in der DDR-Hauptstadt geboren, hat als Student an der Bergakademie Freiberg eine Verletzung erlebt, die man nicht so leicht verwindet. Auch ich schüttelte zweifelnd den Kopf, als der sowjetische Schriftsteller Alexander Solschenizyn nach der Veröffentlichung von „Archipel Gulag“ 1973 in Paris im Februar 1974 in Moskau verhaftet und bald des Landes verwiesen wurde (dass dies zum Vorbild für die Ausbürgerung Wolf Biermanns werden würde, ahnte ich nicht). Doch bei mir blieb es bei Gesprächen im Kollegenkreis. Michael G. Fritz aber wollte, dass sein Protest gehört wurde, und zahlte einen hohen Preis. Er wurde exmatrikuliert, musste sich fortan als Lagerarbeiter und mit anderen Tätigkeiten seinen Unterhalt verdienen. Erst 1993 wurde er rehabilitiert und bekam sein Diplom.
Seinem ersten Buch 1987 im Verlag Neues Leben sind fast ein Dutzend weitere gefolgt – Romane und Erzählungsbände, 2010 hat er sich schon einmal am Genre der Miniatur versucht. Damals ging es um Impressionen aus Venedig, wo wir auch hier wieder mit ihm verweilen. „La vita è bella – immer wieder“: Wie er durch die Stadt flaniert, seine Gedanken „im Kopf“ notierend, scheint ihm die Wirklichkeit mit ganz besonderen Eindrücken zuzuarbeiten. Überall ist das so, wo er hinkommt. Das eigentlich Unspektakuläre wird in seinen Augen außergewöhnlich.
Man weiß nicht, wann die Texte im einzelnen entstanden sind. Was sie verbindet, ist der ganz eigene Blick. „Ein Mauerstück“, Erinnerungen aus dem geteilten Berlin, ist der längste von ihnen. Aber es gibt welche, die umfassen nur wenige Zeilen. Beobachtungen, Traumsequenzen, wundersame Frauenbilder – und immer ist darin eine Ruhe, um die man den Autor beneiden möchte, ein Staunen, das auf einen selber übergeht. Wer Momente in ihrer Tiefe erfahren kann, dem wird ein stückweit mehr Leben geschenkt.
Michael G. Fritz: Die Stille ist das Rieseln des Sandes. Miniaturen aus unserer und einer anderen Zeit. Mitteldeutscher Verlag, 128 S., br., 16 €.