„Sag Tante zu mir“
Irmtraud Gutschke
Eine kleine Erzählung, doch sie lässt einen nicht los. Lesend verschlingt man sie voller Spannung, und dann liegt sie einem im Magen. Man möchte schlau werden aus dem kleinen Mädchen, das plötzlich vor der Tür der Ich-Erzählerin stand mit einem 1000-Schilling-Schein in der Hand. Warum nahm sie das gefundene Geld nicht für sich, obwohl sie sich doch in einer Notlage befand? „Ich gebe zu, ich war misstrauisch. Wären Sie das nicht auch gewesen?“
Wohl hatte sie die Neunjährige mit heißer Schokolade bewirtet, ihr die 1000 Schilling in kleine Scheine gewechselt und in diese unter einen Stein gelegt, so dass sich das Kind jederzeit würde bedienen können, aber das war schon alles. Größere Nähe hatte sie nicht zugelassen. Und dann war das Geld eines Tages weg gewesen, und die Kleine mit der roten Strähne im Haar wurde als vermisst gemeldet. Da erfährt auch ihren Namen: Michaela Beer.
Die Ich-Erzählerin – nicht mit der Autorin Monika Helfer zu verwechseln, die mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet ist – lebt allein. Ihr Mann ist gestorben, ihr Sohn hat sich entfremdet. Die Einsamkeit erklärt zum Teil, warum das Kind ihr zur Obsession wird. Hatte sich diese „Michi“ gar in die Steiermark aufgemacht, wo ihr Vater mit einer neuen Familie lebt? Sie reist dorthin, das Haus ist verlassen.
Man kann nur staunen, wie absolut plausibel Monika Helfer von Gefühlszuständen erzählt, die man verrückt nennen könnte. Die Frau kauft sie sich ja sogar eine Puppe, die sie „Michi“ nennt und mit der sie redet, bis es ihr gelingt, mit sich selbst zu sprechen. Und dann plötzlich steht eine Frau vor ihrer Tür, die behauptet jenes Kind von damals zu sein, aber sie habe ihren Namen geändert. Eine dermaßen verwickelte Geschichte tischt sie ihr auf, dass sie nicht weiß, ob sie ihr glauben soll oder nicht. Ihr Vater sei weit weg gezogen, ihre Mutter ist tot. Gierig issst sie, weil sie Hunger hat. Sie hat keinen Ort zum Schlafen, und das gilt nicht nur für eine Nacht. Sie ist entschlossen zu bleiben und bettelt um Nähe. „Sag Tante zu mir“, stimmt die Hausherrin zögernd zu. Aber damit beginnen die Konflikte ja erst …
Ich gebe zu, dass es die Illustrationen der von mir verehrten Kat Menschik waren, die mich zu diesem Bändchen greifen ließen. Zusammen mit dem Verlag Galiani Berlin, wo der Band in der Reihe ihrer „Lieblingsbücher“ herauskam, hat sie ein „Händchen“ für ganz besondere Literatur, die sie dann auf besondere Weise in Bilder bringt. Die mussten hier etwas „Irisierendes, Überblendetes“ haben. „Wie wenn man sein Gegenüber nicht erkennt, weil es zu hell ist.“ Auch bei den Farben habe sie versucht, „das Schillernde der Erzählung einzufangen“. Kein Schwarz-Weiß und nicht der klassische Vierfarbendruck. Neongelb als Signal.
Als Signal für eine Bedrohung?
In der Nacht nach der Lektüre lag ich wach. Was diese Kleine und später diese unbekannte Frau auch von sich preisgab, ob es eine Lüge war oder nicht, augenscheinlich kam sie aus dem Elend, während die Ich-Erzählerin im Wohlstand lebt. Lässt sie das schließlich zum Messer greifen? Keine Angst, hier fließt kein Blut, aber deshalb kann man sich ja auch so schwer positionieren. Was hätte ich getan, wenn jemand so rigoros in meine Welt hätte eindringen wollen? „Wer bist du?“ – der Titel dieser faszinierenden Erzählung ist auch an jene gerichtet, die sie lesen.
Monika Helfer: Wer bist du? Illustriert von Kat Menschik. Galiani Berlin, 96 S., geb., 23 €.