Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens

„Du hast ja nur dieses eine Leben“

Kybernetik und Gefühle: Im Fokus einer Brandenburger Siedlung spiegelt Peggy Mädler die DDR

Irmtraud Gutschke

Was für ein Spagat! So mitreißend eingängig ist die Handlung, dass einem der Gedankenreichtum dahinter nicht sofort ins Auge fällt. Aber der Roman ist aus Nachdenklichkeit geboren. Der Titel „Selbstregulierung des Herzens“ geht  auf das Werk des berühmten sowjetischen Biowissenschaftlers Wladimir Listschuk zurück, das der Autorin durch Zufall in die Hände geriet. Die Fähigkeit des Herzens, seinen „Funktionszustand auf verschiedenen Niveaus zu stabilisieren“, faszinierte sie auch in einem umfassenderen Sinn: Komplexe Systeme, die sich selbst regulieren – welche Perspektiven eröffnen sich da!

Doch dies ist kein Buch über Kybernetik, zumindest vordergründig nicht. Erzählt wird von Leuten in einem Brandenburger Dorf, Ortsansässigen und Wochenendurlaubern. Georg und Roland gehören zu letzteren und haben sich tatsächlich der Kybernetik verschrieben. Wie sich diese interdisziplinäre Wissenschaft nicht nur auf einzelne Produktionsabläufe, sondern auf die ganze DDR-Ökonomie anwenden ließe, überlegen sie. „Selbstregulierung im Sozialismus“, mehr Eigenverantwortung für Betriebe  als Ausweg aus offensichtlichen wirtschaftlichen Problemen. Tatsächlich hat es in den 60er Jahren in der DDR ja solche Theorieansätze gegeben, die mit Honeckers Machtübernahme auf Eis gelegt werden mussten. Die Kybernetik wurde als Pseudowissenschaft verschrien. Roland ging schließlich in den Westen. Georg kam immerhin in einem Rechenzentrum unter.

Es wäre verführerisch einfach gewesen, den Roman auf diese Problemlage hin zuzuspitzen. Doch Peggy Mädler entgeht dem Einfachen. Weil es nicht nur Georg ist, der sie interessiert. Auch die anderen Gestalten, denen sie teils sogar einzelne Kapitel widmet, haben ihre Familiengeschichten, ihre Interessen und Träume, aus jeweils eigener Situation geboren. Dadurch bringt die Autorin eine Vielzahl von  Konflikten in den Roman hinein, die wenn nicht gelöst, doch irgendwie überstanden werden müssen.

Peggy Mädler, 1976 in Dresden geboren, wurde 2008 als Kulturwissenschaftlerin promoviert. Über die Inszenierung von Arbeit und Geschlecht in Dramatik und Spielfilm der DDR schrieb sie ihre Dissertation und arbeitete auch selbst als Dramaturgin und Regisseurin. Dies ist ihr viertes Buch. Das vorige veröffentlichte sie 2024 zusammen mit Annett Gröschner und Wenke Seemann: „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“. Da sieht man eine lustige Truppe durch den Wald wandern an der  ehemaligen FDJ-Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“ vorbei zu Peggys Datsche, wo es mit der Party weitergeht.

Hier nun führt sie mir nicht nur die bröckelnden Fassaden am Bogensee vor Augen, sondern zu meiner Freude auch den Bauernsee in Prenden, das verfallene Ferienlager nahe unserer Gartenlaube, den inzwischen zugemauerten Armeebunker. Und auch die Biber werden bedacht, die das Wasser stauen und Wiesen versumpfen lassen  – 123 Reviere soll es geben. Wiedererkennbares Lokalkolorit. Weil sie eine Datsche dort habe, sagte Peggy Mädler bei der Buchpremiere, kam ihr die Idee, das Dorf könnte Schauplatz eines Romans sein. Aber das Figurenensemble habe sie schon vorher im Kopf gehabt und dann viel recherchiert, Gespräche geführt.

1989 war sie dreizehn. In gewisser Weise ist der Roman vom Ende der DDR her geschrieben. Warum es so kam, diese Frage hat die Autorin wohl bei der Arbeit begleitet. Antworten lassen sich herauslesen, die man miteinander verbinden und dann auch wieder in Zweifel ziehen kann, wenn man Heutiges mitbedenkt. „Das Reale und das Ergrübelte“, so benennt Peggy Mädler das Spannungsfeld ihres Schreibens. Jeder müsse da seine Balance finden, um mit seinem Leben klar zu kommen. Insofern sei es ihr nicht um moralisches Urteilen, sondern um Verstehen gegangen.

„Du hast ja nur dieses eine Leben“, denkt die Künstlerin Mona auf Seite 161. „Sich hineinwerfen wollen in dieses Leben. Und dann wieder die Unlust, dem Alltag ins Auge zu sehen.“ Von schöpferischer Arbeit hat sie ganz andere Vorstellungen als Georg, umso mehr ist er von ihrem Anderssein fasziniert. Doch nicht Mona ist der Grund, dass seine Frau Helga die Scheidung einreicht. Sie fühlt sich zu wenig gewürdigt. Wenn sie von der Schicht im Chemiewerk nach Hause kommt, ist es ihr unverständlich, warum er sein Projekt so wichtig nimmt. „Das Private ist doch keine Nebensache.“ Georg wird die Kinderkrankenschwester Annelie heiraten, die sich für ihre Arbeit aufopfert und auch sonst tapfer ist.

Geistig wache, dabei sehr verschiedene Menschen hat Peggy Mädler porträtiert. Alle wollen sie irgendwie „über die Mängel der Wirklichkeit“ hinaus, die sie viel grundsätzlicher durchdenken, als es heute wohl allgemein üblich ist. Ihrer Herkunft und ihren Charakteren gemäß wählen sie dafür eigene Wege. Man kann sich beim Lesen aussuchen, wessen Sicht einem am nächsten ist. Persönliches und Politisches –  Reibungsflächen noch und noch. Und immer wieder das Bemühen, sich nicht ganz aufreiben zu lassen, sondern damit klar zu kommen. Von 1960 bis 2023 stellt der Roman im Mikrokosmos einer Datschensiedlung ein Gesellschaftspanorama vor uns hin.

Wie schön wäre es, wenn Selbstregulierung so funktionieren könnte,  wie es Georg am Berliner S-Bahnhof Schönhauser Allee beobachtet. „Menschen, die sich im Gedränge zu organisieren versuchten, einander auswichen, vielleicht erst zur gleichen Seite, und im nächsten Moment gingen beide einen Schritt zur anderen Seite. Ein Vorgang aus Korrektur und Gegenkorrektur, der andauerte, bis die Störungen reduziert und ein gemeinsamer Rhythmus gefunden wurde.“ Gesellschaftliche Harmonie im Kleinen. Im Großen ist es ein Wunschbild. Denn dafür würde es ein Miteinander brauchen ohne Egoismus und Konkurrenz.

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens. Roman. Galiani Berlin. 296 S., geb., 23 €.

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