Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Thomas Mann: Tod in Venedig

Diese Sprache! Diese Bilder! Ein Genuss!

Irmtraud Gutschke

Goldschnitt! Was einst eine nicht unübliche Würdigung literarischer Texte war, sieht man inzwischen nur noch selten. Eine anspruchsvolle Technik, auch wenn heute nicht unbedingt Eiweiß und Blattgold dafür herhalten müssen. Aber die Herstellung wird teurer. Viele Verlage würden davor zurückschrecken. Nicht arsEdition, wo man ein Händchen für schöne Bücher hat, die auch im altmodischen Sinne prächtig sein dürfen. Wer kauft sich denn jetzt auch Novellen von Thomas Mann? Nur Leute, denen sie gänzlich neu sind und die aus Anlass seines 150. Geburtstages auf ihn neugierig wurden? Ein Jubiläum nutzt immer dem Marketing, weil es ein entsprechendes Presseecho gibt. Aber in diesem Fall, so meine ich, wird die glanzvolle Ausstattung des Bandes auch Leser angelockt haben, die schon Thomas-Mann-Ausgaben im Buchregal haben. Aber die waren eben nicht so phantasievoll illustriert wie diese von Jorghi Poll.

Und eindeutig ist es auch ein Buch zum Verschenken. Insofern komme ich mit meiner Besprechung spät. Weihnachten ist vorbei. Verweise ich also auf Ostern und diverse Geburtstage, die es noch geben wird. Mit diesem Geschenk legt man ein Bekenntnis ab und schließt ein Bündnis mit dem Beschenkten im Vertrauen auf gemeinsame Vorlieben: Nichts Modernes, sondern etwas mit Tradition.

Beginnend schon mit der Sprache, in der keinerlei Eile ist. Thomas Mann schrieb für eine Leserschaft, die sich Zeit für seine Texte nahm. Nicht nur weil es die Ablenkung durch elektronische Medien nicht gab, generell hatte sich der Zwang zur Effektivität noch nicht dermaßen ins Alltagsleben eingenistet. Sprache sollte Genuss sein, die Muße ein Geschenk.

„Aber beim Tee, an seinem eisernen Rundtischchen auf der Schattenseite des Platzes sitzend, witterte er plötzlich in der Luft ein eigentümliches Arom, von dem ihm jetzt schien, als habe es schon seit Tagen, ohne ihm ins Bewusstsein zu dringen, seinen Sinn berührt – einen süßlich-offizinellen Geruch, der an Elend und Wunden und verdächtige Reinlichkeit erinnerte.“ Diesem langen Satz (wer wagt denn heute noch, sowas hinzuschreiben mit einem kaum noch bekannten Wort wie offizinell) hat Jorghi Poll auf einer Doppelseite eine düstere Komposition aus Bild und Schrift gewidmet. Der schwelgerischen Sprache Thomas Manns ergibt er sich in der Novelle „Der Tod in Venedig“ (1911) nicht, teilt nicht die Schwärmerei für den schönen polnischen Jungen Tadzio, sondern interessiert sich vornehmlich für den alternden Schriftsteller Aschenbach, der immer mehr seiner Leidenschaft verfällt, statt vor der Cholera zu fliehen. Liebessehnsucht wandelt sich ins Gespenstische. Und am Schluss gibt ein kostümiertes Gerippe ein Geigensolo.

„Tonio Kröger“ (1903): Ein schöner junger Mann vor der Silhouette seiner Vaterstadt. Ach könnte er doch zu unbeschwert sein wie sein Schulkamerad Hans Hansen und sich später ganz der blonden Ingeborg Holm hingeben. Aber alles ist ihm so fremd. Menschen wie Marionetten. Er aber „ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte und die ihm Hoheit und Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewussten und stummen Leben thront.“ Welche Selbstironie und welche Trauer!

„Mario und der Zauberer“ (1930): Ein beklemmendes Szenario auf schwarz grundierten Seiten, angestoßen durch eine Reise ins faschistisch regierte Italien, die der Autor selbst unternahm. Dass er freilich in dem Hypnotiseur Cavaliere Cipolla keineswegs bloß eine Parallele zu Mussolini sehen wollte, macht die Novelle so stark. Auch heute liest man sie als Warnung vor Meinungsmanipulation, deren Macht so viele Menschen erliegen.

Eingangs bezeichnete ich literarischer Tradition verbundene Leser als Zielgruppe dieser ganz besonderen Thomas-Mann-Ausgabe. Aber Jorghi Poll ist Jahrgang 1978. Und schaut man sich seine Gestaltung an, ist sie alles andere als altväterlich. Auch jüngere Leser für Thomas Mann zu interessieren, man kann nur hoffen, dass es gelingt!

Thomas Mann: Der Tod in Venedig und andere Novellen. Illustriert von Jorghi Poll. arsEdition, 335 S., geb., 30 €.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

 

© 2025 Literatursalon

Login