Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Thomas Reschke zum Gedenken

„Wie Margarita als Hexe über Moskau fliegt …“

Beflügelnde Arbeit am Wort: In Erinnerung an Thomas Reschke

Irmtraud Gutschke

In letzter Zeit hatte er nicht mehr viel zu tun. Übersetzungen aus dem Russischen sind seit Beginn des Ukraine-Kriegs fast völlig vom  Buchmarkt verschwunden. Der Band „Der schwarze Magier“ von Michail Bulgakow, im Oktober 2024 bei Voland & Quist neu aufgelegt, war da eine Seltenheit und wird Thomas Reschke umso mehr gefreut haben, weil er aus gemeinsamer Arbeit mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Renate hervorgegangen war.

Dass im Moskauer Bulgakow-Archiv noch über als tausend Seiten Material, zu „Der Meister und Margarita“ lagern, feuerte ihn umso mehr an, weil er bereits ein Kenner war. In den Arbeitsprozess des Autors eintauchend, konnte er den Roman noch tiefer verstehen, den er 1967 erstmals übersetzt hatte. Damals für den Verlag Volk und Welt. Heute unvorstellbar: In diesem Haus gab es eine Abteilung von zwölf Leuten, die im Russischen und teils auch in anderen Sprachen der UdSSR zu Hause waren. Gut bekannt mit den Autoren, lasen sie Manuskripte oft schon, bevor sie gedruckt waren, und konnten Kürzungen der sowjetischen Zensur bisweilen gar rückgängig machen.

Wie Thomas Reschke seinen Spaß daran hatte, lässt sich vorstellen.  Er war ein Mensch, der innere Freiheit schätzte. Offen, unverstellt – so habe ich ihn schon im DDR-Schriftstellerverband erlebt. Einer, der den Mund aufmachte,  weil er ehrlich und integer war. Schaut man sich die Liste seiner über 150 Übersetzungen an, wird einem ein Selbstverständnis vor Augen geführt, das die russische Literatur schon seit Zarenzeiten prägte: Gewissen der Nation zu sein.

In genauer Betrachtung des Bestehenden zugleich darüber hinaus zu weisen, den Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit tapfer zu erleiden – solche Schriftsteller hat Thomas Reschke geliebt. Isaak Babel, Vassil Bykau, Jewgeni Jewtuschenko, Daniil Granin, Bulat Okudschawa, Boris Pasternak, Anatoli Pristawkin, Wassili Schukschin, Wladimir Tendrjakow … Er fand in diesen Autoren, was ihn auch  selber umtrieb: das Tabu Stalinismus, überhaupt all das, was zu DDR-Zeiten nicht ins offizielle Bild der UdSSR passte, was viele Leser suchten und was auch weh tat.

Hinzu kam seine Leidenschaft für Sprache. Schon als ich vor über dreißig Jahren das erste Mal bei ihm zu Besuch war, habe ich seine vielen Wörterbücher bewundert – zu technischem, militärischem, juristischem Vokabular, eine ganze Enzyklopädie über die russischen „Mutterflüche“, vier Bände „Verbrechersprache“, zwei über den „Diebesjargon“ … Schnell-schnell-Übersetzungen gab es bei ihm nicht. Es galt, den Ton eines Autors zu finden, ihn ganz zu verstehen, ja sich so in ihn hineinzuversetzen, dass er gleichsam selbst in deutscher Sprache zu uns kommen konnte.

In ein literarisches Werk einzutauchen, sich ganz und gar davon packen zu lassen, das hat er genossen und hat es auch von jeder guten Übersetzung verlangt. Was seine liebste Arbeit war, habe ich ihn einmal gefragt. Und da hat er eben „Der Meister und Margarita“ aus dem Bücherschrank geholt. Seine Begeisterung, wie sich im Roman verschiedene Stilebenen überlagern, ist mir noch heute im Ohr: Satire, biblische Reminiszenzen und Fantastisches. „Wie Margarita als Hexe über Moskau fliegt: unsichtbar und frei.“ Das Wort „frei“, in der russischen Ausgabe damals gestrichen, habe zu den 180 Stellen gehört, die er mit Hilfe von Bulgakows Witwe in die Übersetzung von 1967 „hineinoperiert“ hat. Die vollständige Fassung ist dann 1975 erschienen.

Ein starker Mensch im Auf und Ab der Leidenschaften, ein Leben, das dann doch irgendwann enden musste. Im Alter von 93 Jahren ist Thomas Reschke am 3. März nach zwölf Tagen im Krankenhaus gestorben. Die Nachricht erhielt ich von seiner Übersetzer-Kollegin Ganna-Maria Braungardt, der unter anderem die deutschen Ausgaben von Ljudmila Ulitzkaja und Swetlana Alexijewitsch zu verdanken sind. „Er war nicht allein, ich konnte bis zum Ende bei ihm sein“, schrieb sie mir.

Der Text wurde am 9. März 2026 in der Zeitung „junge welt“ veröffentlicht.

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