„Lebe, wie du bist“
Irmtraud Gutschke
Erstaunlich, wie nah sie einem sind diese Frauen. Ungeachtet dessen, dass sich in den letzten 300 Jahren so viel geändert hat. Die Emanzipation der Frauen ist in einem Maße vorangeschritten, wie es sich Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Sophie von La Roche, Dorothea Veit-Schlegel und die anderen acht Frauen der Romantik, die hier zu Wort kommen, niemals hätten vorstellen können. „Lange bevor das Konzept der Achtsamkeit in der Moderne seinen kulturellen Höhepunkt erreichte, füllten es die Dichterinnen und Philosophinnen der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts mit Leben“, schreibt Barbara Brüning im Vorwort zu diesem kleinen, schönen Band. In der berühmten Reihe der Minibücher im BuchVerlag Leipzig erschienen, ist er in seiner Gestaltung mit zahlreichen Illustrationen tatsächlich ein Kleinod. Wie zum Verschenken gemacht, aber möchte man es nicht lieber selbst behalten?
Zum Gebrauch wie bei anderen Sammlungen dieser Art: Aufschlagen und es dem Zufall überlassen, welches Zitat einem ins Auge fällt. Das soll dann das Motto für den Tag oder den Abend sein. Es nistet sich einem ein zum Bedenken. Die Herausgeberin kann uns einiges über die Romantik erzählen und uns die einzelnen Autorinnen in ihren Biografien nahebringen. Aber ihre wichtigste Leistung ist, wie sie deren Zitate gefunden und geordnet hat, so dass auch heutige Leserinnen angesprochen werden. Sich selbst finden, den anderen spüren, Augenblicke im Alltag erleben, die Schönheit der Natur empfinden – das sind doch Bedürfnisse, die gerade auch junge Menschen haben. Die Gesellschaft in den Blick nehmen, Leben und Sterben, Erinnerungen in Hoffnung verwandeln – dazu bedarf es der Ermutigung ein ganzes Leben lang.
„In der Eile haben wir Weiber gewöhnlich bessern Verstand als in der Ruhe.“ So seltsam das klingt, Caroline Schlegel-Schelling könnte darin Recht haben. „Man wird nur gesund, wenn man gesund werden will.“ Erstaunlich: Da dringt Rahel Varnhagen ja zum Grund der modernen Psychosomatik vor. „Lebe, wie du bist, ohne Kunststücke mit dir zu probieren und ohne dich zwingen zu wollen, Dinge zu lieben, die du nicht lieben kannst“, rät Karoline von Günderode. Tausend Leben haben, wie Sophie Mereau es sich wünschte – man kann es ihr nachtun, doch damit wäre das Kunststück verbunden, diese tausend Leben in ein einziges zu packen. Man kann es ja versuchen. Die höchste Form von Lebenskunst aber wäre, der Weisheit von Germaine de Stael zu folgen: „Man kann auch leben, ohne ein einziges Mal gefragt zu haben, was der Tod ist.“
Barbara Brüning (Hg.): Zitate von Frauen der Romantik. Minibibliothek im BuchVerlag Leipzig, 127 S., geb.,
6 €.