Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Das große Handbuch der Drachen

„Zusammen steigen wir empor!“

Irmtraud Gutschke

Wenn dieses Buch unterm Tannenbaum liegt oder auf dem Geburtstagstisch, haben sich Eltern oder Großeltern schon in den Umschlag verliebt: Leinen mit Goldfolienprägung, Rotgold auf Grau, in der Mitte das farbige Bild eines feuerspeienden Drachen vor einer alten Burg und darüber ein prächtiger Mond am Nachthimmel. Von fern ist man an alte Buchmalerei erinnert und wird auch, wenn man das Buch aufschlägt, aus dem Staunen nicht herauskommen. Ist das wirklich ein „Handbuch“ oder nicht doch eher eine spannende phantastische Geschichte. Wie alt müssten Kinder sein, um sich dafür zu interessieren?

Sie müssten fließend lesen können und phantasiebegabt sein. Vielleicht werden sie sich an „Harry Potter“ erinnern, denn auch hier ist von einer ganz besonderen Schule die Rede. Kaum jemand kennt sie, denn sie befindet sich auf einem abgelegenen Berg in Transsilvanien, und Geheimhaltung ist ihr oberstes Gebot. Wobei dieses Gebot offensichtlich von einem Herrn namens Thaddäus Qinn gebrochen wurde. Seiner Enkelin hat er außergewöhnliche Geschichten aus seiner Schulzeit erzählt, und nach seinem Tode hat sie beim Aufräumen des Dachbodens sogar sin Tagebuch gefunden. 1898 hat er an der Drachenreiter-Akademie zu studieren begonnen. Die Schulordnung war streng. Fernsehen und Handys gab es ja damals noch nicht. Aber der Unterricht muss spannend gewesen sein. Denn auf der „Drachenreiter-Akademie“ lernt man Drachen aufzuziehen und zu reiten. Aber gibt es die überhaupt?

Wer das abfällig verneint, für den ist dieses Buch nicht gemacht. Es ist zum Staunen da, ein wenig vielleicht auch zum Gruseln. Dass wir von so vielem nichts ahnen, das zwischen Himmel und Erde möglich ist, diese Mutmaßung sollte man schon in sich tragen, um Freude am Lesen und Schauen zu haben. „Es ist schwierig, den Ursprung der Drachen genau zu bestimmen, da noch keine Drachenfossilien gefunden wurden.“ Mit Dinosauriern, Krokodilen oder Schlangen haben sie jedenfalls nichts zu tun. Aber wenn sie in den Mythen verschiedener Völker so lebendig sind, warum soll es sie nicht gegeben haben?

Das Buch ist opulent illustriert. Erst einmal werden in Wort und Bild verschiedene Drachenarten vorgestellt, wie sie in verschiedenen Ländern der Welt, wie es heißt bis zum 16. Jahrhundert, gelebt haben. Sie tragen phantastische Namen: Zum „Gemeinen Lindwurm“ und dem „Westlichen Waldschleicher“ aus Europa gesellen sich der Indische, Chinesische und Japanische Drache, aus Afrika der „Wüstenwürger“, aus Nordamerika der“ Smagragdgrüne Wanderer“, aus Lateinamerika die „Gefiederte Schlange“, auch der „Australische Flammenkugler“ ist nicht vergessen.

Und das sind nur einige von vielen, die uns hier in ihrer Schönheit vor Augen kommen. Ja, schön sind sie, auch wenn sie spitze Zähne haben und Feuer speien können. Einige sind zum Liebhaben wie der kleine Flit, der sich gern in der Gesellschaft von Menschen aufhält und für Schüler der Drachenreiter -Akademie oft zum Gefährten wird. Auch Thaddäus Qinn hat damals ein Drachenei bekommen und sehnlichst gewartet, dass ein kleines Wesen schlüpfte. Pünktchen nannte er es, und man sieht, wie es auf seiner Schulter sitzt. Und eines Tages begann es gar, Feuer zu speien …

Wie machen Drachen das? Wie zieht man sie auf? Wie gewinnt man ihr Vetrauen, sodass man auf ihnen reiten kann? Wie kann man sie lenken? – ja, und wozu macht man das überhaupt? „Einige, die ihren Abschluss an der Akademie machen, werden für eine ehrenvolle Aufgabe ausgewählt: Sie dürfen Solomonari werden.“ Sie gehören dann zu einer „heiligen Gemeinschaft“, die sich um das Wetter kümmert, Stürme abzuwenden und für die richtige Menge Regen zu sorgen. Wie wichtig wäre das heute in Zeiten des Klimawandels. Und es hat sogar noch einen allgemeineren Sinn.

Bis auf den chinesischen Glücksdrachen, den es auch in Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ gibt, galten Drachen gemeinhin als Inbegriff von Gefahr, gegen die jede Art von Gewalt gerechtfertigt war. Denken wir allein schon an den Heiligen Georg, den Drachentöter mit der Lanze, an den griechischen Mythos vom Goldenen Vlies, in dem Jason einen Drachen besiegen muss, an die Wikingersage von Fafnir, der einen Goldschatz bewacht, dann aber vom Krieger Sigurd getötet wird. Auch darüber erfährt man in der Drachenreiter-Akademie viel. Doch grundsätzlich dient sie einer anderen, friedlichen Philosophie: Menschen können sich mit Drachen verbünden, um Gutes zu tun „und für ein harmonisches Miteinander zu sorgen“. Da erinnert die Schulleiterin Anastasia Wladislaw, die auch für dieses Handbuch verantwortlich zeichnet, an das Motto der Akademie: „Simul adsurgimus – Zusammen steigen wir empor!“

Das große Handbuch der Drachen. Ein Nachschlagewerk für angehende Drachenreiter*innen von Anastasia Wladislaw. Zusammengestellt von Emily Hawkins. Illustriert von Jessica Roux. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. Prestel Verlag, 64 S., geb., 26 €.:

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