Allein und nicht mehr sicher
In Zeiten, da mit Angst Politik gemacht wird, sucht Harald Welzer nach Weltbeziehungen, die Halt geben
Irmtraud Gutschke
Es ist wahr: In Kinderzeichnungen spielt das Haus eine wichtige Rolle. Auch wenn sie in Hochhäusern leben, hat das gemalte Haus ein spitzes Dach, Fenster und eine Tür mit Klinke. Darüber findet sich oft eine Sonne, und davor steht ein Kind mit seiner Mama. Mit dieser Vorstellung gelingenden Behaustseins beginnt Harald Welzer sein Buch „Das Haus der Gefühle“. „Wir wohnen in unseren Gefühlen wie in Häusern. Sie haben eine Architektur, in der leben wir.“ So zitiert der bekannte Sozialpsychologen den nicht weniger bekannten Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge.
Überhaupt wird in diesem Buch viel zitiert, fließen vielfältige Leseerlebnisse mit ein. Der Autor schreibt aus seinem Ich heraus, taucht ein in einen Gedankenstrom und lässt sich mitreißen, freut sich über ungeplante Geistesblitze, lässt es sich wohlgehen mit seinen sprachlichen Einfällen. Und so soll auch das Leseerlebnis sein. Trotz vieler Zitate nicht theorieüberlastet. In ein Mitdenken und Mitfühlen sind wir einbezogen und dürfen erwarten, Bestärkung zu erfahren.
Die Bestandsaufnahme einer Gegenwart, in der mit Angst Politik gemacht wird, ist somit verbunden mit geistigen Hilfsangeboten. Die finden sich schon, indem der Autor an unheilvolle deutsche Geschichte erinnert, als Menschen Mut finden mussten zum Widerstand und Kraft, um unter schwierigen Bedingungen zu überleben, indem sie anderen die helfende Hand reichten.
Immer wieder werden im Buch konkrete Beispiele angeführt, wie Menschen heute einander unterstützen, wie lebenswerte Räume entstehen. „Wir sind soziale Wesen, existieren in Ergänzung zueinander, sind buchstäblich Zwischenlösungen.“ Da wird für Harald Welzer der Begriff „Resonanz“ wichtig, den der Soziologe Hartmut Rosa als Beziehungsmodus erklärt, als etwas, das sich ereignet und nicht designet werden kann. Im heutigen Bestreben, jeden Aspekt von Welt verfügbar zu machen, würde die lebendige wirkliche Erfahrung verlorengehen.
„Zeitenende. Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr“ hieß Harald Welzers Buch vom August 2023. Dessen politische Aussagen denke ich mit, wenn ich „Haus der Gefühle“ lese. „Als Individuum kann ich weder den Krieg in der Ukraine noch die Klimakrise lösen. Aber ich kann dem Geflüchteten vor meiner Tür Hilfe anbieten“, wird hier die Psychiaterin Katharina Domschke zitiert. Die politische Ohnmacht, die viele fühlen, wird nicht kleingeredet. Aber die Verantwortung, das Bedürfnis, wirksam zu werden, verschwindet dadurch nicht.
Harald Welzer: Das Haus der Gefühle. S. Fischer Verlag, 303 S., geb., 25 €.