Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Lasst alle Hoffnung fahren

Hoffnungslos hoffen

„Zornige Blicke“ von Peter Brandt bis Hans-Eckardt Wenzel – ein Aufruf zu nüchternem Denken und mutigem Handeln

Irmtraud Gutschke

„Lasst alle Hoffnung fahren“: Wem mag bloß in den Sinn gekommen sein, das berühmte Zitat aus Dantes „Göttlicher Komödie“ zum Titel dieser Flugschrift zu machen?  Ausdruck von Resignation, die ohnehin schon Boden gewinnt? Wonach man sich sehnt in diesen dunklen Tagen ist doch das Gegenteil: Zuversicht. Aber vielleicht kann der Titel gerade deshalb auf Resonanz stoßen, weil er Ohnmachtsgefühle nicht verleugnet, das Grollen aufnimmt im Wissen, dass der Mut zur Revolte eher nicht hoffnungsvollem Wohlgefühl entspringt, sondern einer Verzweiflung, die wehtut und die man deshalb von sich wegschieben möchte.

„Die hoffnungslosen Zustände der Gesellschaft, in der ich lebe, erfüllen mich mit Hoffnung.“ Dieser Marx zugeschriebene Satz wird von Daniela Dahn in ihrem Essay „Das Prinzip Hoffnungslosigkeit“ zitiert. Ebenso wie die Aussage von Günter Gaus: „Wenn man alt genug geworden ist, um alle Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung des Menschen aufgegeben zu haben, dann bleibt einem als intellektuelle Anstrengung nur noch das Vergnügen, sich selbst nichts mehr vorzumachen.“

Solch nüchterner Einsicht sind die zehn Texte dieser Broschüre verpflichtet. Ganz unterschiedlich in der Machart. Elegisch ist Ingo Schulzes Gang über den Kriegsgräberfriedhof in Mülheim-Broich. Wie ein grandioses Sprachgewitter dagegen Hans-Eckardt Wenzels „Von der Dekonstruktion zur Destruktion. Tragödie im neuen Stil“. Stoff zum Nachdenken noch und noch. Warum hat sich Michael Brie gerade jetzt Gedanken über die Kriege zwischen Athen und Sparta 457–446/445 v. Chr. gemacht? Was hat der attische Militär Thukydides uns heute zu sagen, der den Grund des Krieges im Machtzuwachs der Athener sah, welcher Sparta und seinen Verbündeten Furcht einflößte?

„Kommt der Faschismus wieder?“, fragt Peter Brandt. Ausgehend von der Analyse des Hitlerfaschismus in Deutschland, die allein schon ein Gewinn dieses Bandes ist, kommt er zu klugen Erwägungen, heutige rechtspopulistische Kräfte betreffend.

Wie eine Replik darauf liest sich die Feststellung von Petra Erler: „Was einmal wirklich war, bleibt immer möglich.“ Fatal ist tatsächlich, wie alte Vorurteile und Feindbilder weiterleben, nachdem „das Feindbild Russland in den 1990er Jahren nur in den Winterschlaf gefallen war. Weltherrschaft ist ohne Verfügung über das Riesenreich der ‚Russen‘ und deren natürliche Reichtümer nicht zu haben. Alle, die je gen Osten in den Krieg zogen, wussten: Wer Russland ausplündert, kann die Welt beherrschen. Dazu sollte es zerschlagen werden. So dachte der deutsche Kaiser, so dachte Hitler-Deutschland. Auch dieser Gedanke blieb erhalten und geistert weiter im westlichen Denken herum.“

Die Ukraine, im geopolitischen Tauziehen zerrissen. „Ohne Friedensvertrag, der den Sicherheitsinteressen aller in Europa genügt, wird der große Krieg in Europa nur vertagt werden. Das ist das, was alle, die nur einen Waffenstillstand in der Ukraine fordern, von Friedensgarantien allein für die Ukraine reden und gleichzeitig die andauernde Feindschaft mit Russland postulieren, im Auge haben.“

Mein Leseexemplar ist voller Haftnotizen, weil ich mir kluge Formulierungen merken will. Wie die von Alexander Rahr: „Der nichtgelebte Traum eines vereinten Europas hinterlässt Wellen von historischen Konflikten, Unversöhnlichkeit und schließlich Kriegen, die bis in die Gegenwart reichen. Während die westliche Welt im nachsichtigeren Schein eines kulturell Überlegenen schwelgte, schürte sich im Osten das Gefühl von Ungerechtigkeit und Bevormundung. Eine neue Mauer erhob sich …“

Was kann die Linke dem entgegensetzten? (Dieter Klein) Wie könnte eine Friedensbewegung über Parteigrenzen hinweg erstarken? (Marco Bülow) Wieviel Mut würde es gerade jetzt bedeuten? Sind wir, bin ich dazu in der Lage?

Alexander Rahr/ Antje Vollmer/ Daniela Dahn/ Dieter Klein/ Hans-Eckardt Wenzel/ Ingo Schulze/ Marco Bülow/ Michael Brie/ Peter Brandz/ Petra Erler: Lasst alle Hoffnung fahren. Zornige Blicke. Eine Flugschrift. VSA Verlag, 126 S., br., 12 €.

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