Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Rainer Mausfeld: Hegemonie oder Untergang?

Im „Nebel der Verwirrung“

Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens?“: Rainer Mausfeld analysiert Mechanismen des Machterhalts

Irmtraud Gutschke

Auf dem Titelbild ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Manifestación“, des argentinischen Malers Antonio Berni. Verzweifelte Menschen, die    nicht anders können, als sich im Aufbegehren zusammenzuschließen. Solch eine mächtige Masse würde man sich heute wünschen im Protest gegen Sozialkürzungen und vor allem in der Forderung, dem Friedensgebot des Grundgesetzes zu entsprechen. Es ist ja durchaus ein Grollen im Land, überall ist es zu hören.

Zukunftsangst, verbunden mit Gefühlen politischer Ohnmacht – in seinem neuen Buch „Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens?“ analysiert der Psychologe Rainer Mausfeld, wie dieses Gemisch Herrschaftsinteressen entgegenkommt. Wie mit Furcht Politik zu machen ist, hat er schon im Band „Angst und Macht“ (2019)  dargestellt. „Warum schweigen die Lämmer?“ (2021) galt den Methoden, mit denen sich oligarchische Strukturen auch in westlichen Gesellschaften etablieren.

Seit der Frühzeit des Kolonialismus hat der „Westen“ seine Identität „aus einer Konstruktion des Anderen“ bezogen, stellt er fest. Besitzgier, Gewalt, Rassismus, Heuchelei: Europäischer Reichtum, als selbsterworbene Überlegenheit dargestellt, verdankte sich immer schon der Ausbeutung ärmerer Länder. Das Fatale sei, wie uns das korrumpiert. Als säßen wir mit jenen in einem Boot, die doch in Wirklichkeit über uns bestimmen.

„Wacht auf Verdammte dieser Erde – der kämpferisch triumphale Text der „Internationale“ fiel mir dazu ein. Auch wer hierzulande vergeblich eine Wohnung sucht, den Job verloren hat oder auf Preiserhöhungen schimpft, die Fernsehbilder von Notleidenden in aller Welt zeigen, dass es vielerorts viel schlimmer ist als hier. Wenn wir um den parasitären Charakter der westlichen Lebensform wissen, können, wollen wir uns denn davon verabschieden? Wie „die kolonialen Ausbeutungsmuster mit dem Abzug von Truppen, Flaggen, Bürokraten ganz offensichtlich nicht verschwunden“ sind, wird im Buch faktenreich dargestellt. Insbesondere „die Kontrolle der Finanz- und Währungspolitik schwächerer Länder“ gehört zum derzeitigen „imperialen Zeitalter“.

Die „gegenwärtige Krise des Westens“ erklärt sich für Rainer Mausfeld auch dadurch, dass aufstrebende Nationen heute auf mehr Einfluss und eine gerechtere Weltordnung drängen. „Es geht um das Ganze der Sicherung einer Lebensform, die sich über hunderte von Jahren auf Kosten der übrigen Welt herausgebildet hat.“ Von den US-Angriffen auf Venezuela und den Iran wusste er noch nichts, aber der Hintergrund war ihm klar. Bisherige Machtpolitik maskiert sich nicht mehr. Politik nationaler Stärke pfeift aufs Völkerrecht.

Man beachte das Fragezeichen im Untertitel. Unklar ist, ob es wirklich die „letzte Krise des Westens“ ist und wie lange sie dauern wird. Sicher ist nur, dass die sogenannte „Zeitenwende“ von globaler Aufrüstung begleitet ist. Im Buch wird aus dem Jahresbericht des Stockholmer „International Peace Research Institute“ zitiert, demzufolge Deutschland in der Rangliste der Länder mit den höchsten Militärausgaben auf Platz vier hinter den USA, China und Russland geklettert ist. Dass dies zu Lasten der Bevölkerung geht und somit ein innenpolitisches Machtrisiko ist, liege auf der Hand.

Über lange Jahre sei es gelungen, „Menschen sozial und gedanklich zu fragmentieren und sie durch Konsumismus, Überflutung mit Nichtigkeit und durch billige Unterhaltung in einem permanenten gedanklichen Nebel der Verwirrung zu halten“, so Mausfeld. Sie waren mit „einer Illusion von Demokratie“ zufrieden, weil sie durch die „Privilegien eines vergleichsweise hohen Lebensstandards“ ruhig gestellt waren. Was, wenn dieser Deal nicht mehr funktioniert?

Da fällt für viele die Überzeugung, im Großen und Ganzen „frei von Indoktrination und Propaganda“ zu leben. Da wird Angst zum Herrschaftsinstrument, wobei die „da oben“ ihre Angst vor Machtverlust auch auf die „da unten“ projizieren. „Die Machteliten schafften sich mit all ihrer psychischen Kraft ein Scheinbild der Wirklichkeit, das ihre Wünsche, ihr Denken und Handeln wieder zu einem Sinnganzen macht.“

Es stimmt: „Wir neigen dazu, uns für ‚normal‘ zu halten und den psychischen Prägungen durch die herrschenden Machtverhältnisse keine Aufmerksamkeit zu schenken.“ Noch würden viele meinen, in einer freien Gesellschaft zu leben. Der Übergang zu autoritären Strukturen ist zunächst unbemerkt von jenen, die nicht direkt betroffen sind. „Und wenn die Menschen es schließlich bemerken werden, werden sich totalitäre Verhältnisse bereits so verfestigt haben, dass es für eine Änderung praktisch zu spät sein wird.“ 

In einer sozial atomisierten Gesellschaft von Konkurrenten und Konsumenten hat es kollektiver Widerstand schwer. Subjektiver Aktionismus ohne politischen Durchblick laufe ins Leere, ja ordne sich letztlich gar in Machtverhältnisse ein, heißt es hier. „Vorgebliche Systemkritik oder begriffslose Empörung werden zu einer marktkonformen Inszenierung von Opposition innerhalb des ideologischen Gewölbes.“ Eine solche „politisch folgenlose Simulation von Dissens“ sei „geradezu erwünscht, weil sie dazu beiträgt, die Illusion von Demokratie aufrechtzuerhalten“.

Da fügt das Titelbild dem Text noch einen wichtigen Aspekt hinzu. Bernis Gemälde entstand 1934, im sogenannten „berüchtigten Jahrzehnt“ das 1930 mit einem Militärputsch begann, wie es später weitere geben sollte. Vom Massenprotest gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit hat schließlich Juan Domingo Perón profitiert. Sein Einsatz für Arbeiterrechte verband sich mit Nationalismus und  Antikommunismus. Bereits in den 30er Jahren hatte es in Argentinien deutsche NS-Organisationen wie die Auslands-NSDAP gegeben. Nach 1945 hieß Perón NS-Verbrecher willkommen, in denen er politisch Verfolgte sah.

Rainer Mausfeld: Hegemonie oder Untergang. Die letzte Krise des Westens? Westend Verlag, 210 S., br., 24 €.Im „Nebel der Verwirrung“

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