Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Steffen Martus: Erzählte Welt

Was mit uns geschieht

Anhand der deutschen Literatur von 1989 bis heute gelingt Steffen Martus ein großes Gesellschaftsbild

Irmtraud Gutschke  

Die gesellschaftlichen Veränderungen von 1989 bis heute im Prisma der Literatur: Steffen Martus ist ein scharfsinniger Essay gelungen, mutig in den Einschätzungen, die man beim Lesen treffen wird.

Im allgemeinen Lob soll allerdings ein Mangel nicht verschwinden: Für mich als Ostdeutsche ist es ärgerlich, wie deutsche Literatur nach 1989 bis auf Ausnahmen über weite Strecken als westdeutsch wahrgenommen wird. Das erklärt sich wohl daraus, dass Werke ostdeutscher Autoren in der westdeutsch dominierten Öffentlichkeit eine geringere Rolle spielten. Steffen Martus interessiert ja vor allem, wie Literatur in der Gesellschaft wirkt und umgekehrt, welche Auswirkungen gesellschaftliche Vorgänge auf die Literaturrezeption haben. Aber dabei bleibt er eben in der gewohnten westdeutschen „Blase“. Wie so viele. Dagegen hätte es ein Korrektiv gebraucht – eine absichtsvolle Hinwendung zu Literaturproduktion und -kritik im Osten, die beide zu wenig zur Kenntnis genommen werden.

1968 in Karlsruhe geboren, wurde er 1998 an der Humboldt-Universität promoviert, lehrte an mehreren deutschen Universitäten, ehe er 2010 den Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität übernahm. Dabei ist er, wie gesagt, nicht eingeschlossen ins Nur-Literarische, sondern wahrscheinlich auch immer schon politisch wach gewesen. Dass er seine Ausführungen mit der großen Demonstration vom 4. November 1989 in Berlin beginnen lässt, ist bezeichnend dafür. denn hier war noch einmal aufgeblüht, was dann zusehends dahinwelken sollte: Kunstschaffende waren in ihrem aufbegehrenden kritischen Bewusstsein eins mit ihrem Publikum.

Damals war der Autor Student in Regensburg, also nicht in Berlin dabei. Vielleicht hätte er auch nicht wie ich das Gefühl gehabt, dass in dieser großartigen Manifestation für eine erneuerte DDR auch etwas rosarot Utopisches, ja Unwirkliches steckte. Aber die Grenzöffnung am 9. November durch Günter Schabowski nennt er eine „Bühnenimprovisation“, eine „Aufführung mit hohem Unterhaltungswert“, die dann vornehmlich mit Hilfe des Fernsehens zur Wirkung kam. „Die Wende war die erste Revolution, die ohne das Fernsehen nicht zustande gekommen oder zumindest nicht in dieser Dynamik verlaufen wäre“, heißt es im Buch.

Nun mag ich den Begriff Revolution nicht anwenden, da es letztlich um die Ausdehnung der BRD-Machtverhältnisse auf das Territorium der DDR ging. Aber dass Steffen Martus von „Polittheater“, ja von einer „Fernsehkomödie“ spricht, findet meine Zustimmung. Beides ist nur kurz so benannt. Das Buch will aufmerksame, gewitzte, mitdenkende Leser, die sich selbst einen Reim darauf machen, was der Autor aus Mangel an Beweisen nur andeuten kann. Zumindest das kann man aus der Lektüre mitnehmen: Welch riesige mediale Steuerungsmacht uns gegenübersteht.

Ging es denn im sogenannten deutsch-deutschen Literaturstreit 1990 etwa nur um die Erzählung „Was bleibt“ von Christa Wolf? Waren die Angriffe gegen sie etwa nur die Rache dafür, dass sie sich am 4. November 1989 für eine reformierte DDR ausgesprochen und später mit Stephan Heym den Appell „Für unser Land“ initiiert hatte? Das Ziel war viel größer, wie Steffen Martus feststellt. Zu verabschieden war die politisch engagierte Literatur, also auch die der Bundesrepublik. Mit der Rolle von Schriftstellern als Sprecher und Repräsentanten der Nation sollte es vorbei sein. „Gesinnungsästhetik“ – Christa Wolf würde nicht die einzige bleiben, die auf diese Weise künstlerisch diskreditiert wurde. Weil ihre Popularität als politische Gefahr verstanden wurde? Ich neige dieser Meinung zu. Einer kompletten Vereinnahmung der DDR sollte nichts im Wege stehen. Mit der Beseitigung ihrer Machtstrukturen war es nicht genug. Auch sozialistische Utopien sollten verstummen.

Steffen Martus stellt das Erzählen nach 1945 dem nach 1989 in Literaturanalysen gegenüber, betrachtet dabei viele einzelne Werke und deren öffentliches Echo, hebt aber als maßgeblich für die Gegenwart die zunehmende Bedeutung des Marketing im Literarturbetrieb hervor. „Gelesen wird, was gefällt, und nicht, was Lehrer, Germanisten und Rezensenten dekretieren,“ so zitiert er den Literaturkritiker und Lektor Uwe Wittstock. Literatur sollte fortan vornehmlich als Erlebnis und weniger als Erkenntnis- und Diskussionsangebot wirken. Autorinnen und Autoren werden auf Fotos wie Schauspieler stilisiert. Und Schauspieler werden zunehmend zu Romanautoren. Die Konkurrenz um ein Lesepublikum, das unter dem Einfluss digitaler Medien immer kleiner wird, will sich hohe literarische Qualitätsmaßstäbe nicht mehr leisten.

Bücher als Konsumgut: Da beleuchtet Steffen Martus auch Tendenzen, die bislang abseits seriöser Literaturbetrachtung standen: von der  Popliteratur der 1990er Jahre bis hin zum „New Adult“-Hype der Gegenwart, wo man mit Selfpublishing sogar prominent werden kann. .     

„Literatur als Event“, lautet eine Kapitelüberschrift im Buch. Das Publikum, wird zur „Menge von Erlebnissubjekten“. Am Beispiel von Amazon wird die „Phantasie des digitalen Kapitalismus“ anschaulich. Die hat eine eindrucksvolle Schauseite, „in der überraschende Individualität die entscheidende Rolle spielt“, – jeder kann sein Glück versuchen, für Publikationen braucht man nicht länger einen Verlag. Es gibt aber auch „eine verschattete Rückseite, in der das berechenbare Gleichmaß herrscht“.

Im Buch wird Juli Zeh zitiert, die eine „fast flächendeckende De-Politisierung von Nachwuchsschriftstellern und anderen Intellektuellen“ registriert. Politik galt als „etwas Altmodisches, Verstaubtes, je Peinliches“, was bei der Bundestagswahl 2013 eine „zweite Stufe“ erreicht habe: eine „öffentlich inszenierte Radikalablehnung des Politischen an sich“. Inzwischen habe sich diese Haltung weiter radikalisiert.  „Unliebsame Meinungen würden seitdem immer öfter niedergebrüllt oder anderweitig zum Schweigen gebracht. Die Bereitschaft, vom eigenen Weltbild abweichende Meinungsäußerungen zu ertragen, sei auch im Privaten „gegen null gesunken“.

Da macht Steffen Martus auf einen interessanten Zusammenhang aufmerksam: „Literatur wirkt an der Aufwertung persönlicher Empfindlichkeit mit, ja stimuliert sie vielleicht sogar und macht gerade auch dann unterschwellig Politik, wenn sich die Autorinnen und Autoren für unpolitisch halten.“ Auch in Bezug auf das Politische würden ästhetische Aspekte zunehmend in den Vordergrund treten. „Das ganze Register von Sympathie- und Antisympathiefaktoren, das sehr schnell, eher vorreflexiv und mit erheblichen sozialen Langzeitfolgen gezogen wird.“ Davon würde gerade die Neue Rechte profitieren, die im Namen „einer Habitus- und Stilgemeinschaft“ auftritt, als Stellvertreter „einer Ansammlung von Leuten, die das eigene Unwohlsein als Individuum auf die politische Agenda setzt“.

Autosoziobiographien, Texte zum Thema Migration brachten Politisches zurück in die Literatur und waren zugleich Ausdruck von Selbstverwirklichungsansprüchen, die in Konkurrenz mit anderen gerieten.  Steffen Martus: „Demokratisierung und Egalisierung bedeuten für einige Mitspieler einen Relevanzgewinn. Andere aber erleiden dadurch einen Bedeutungsverlust.“ Und das in einer prekären Situation des Literaturbetriebs, der mit der Corona-Pandemie umso deutlicher wurde. Eine „große Selbstverständlichkeitsstörung“ nennt sie Steffen Martus. „Die Pandemie machte bewusst, wie außergewöhnlich und eben auch fragil das normale Leben ist.“

Andere Autoren haben zu Recht darauf hingewiesen, wie damals autoritäre Regierungsformen eingeübt wurden, die einer Krisenhaftigkeit des Systems entsprachen. Die Ankündigung einer „Zeitenwende“ am 27. Februar 2022 durch Olaf Scholz und die Folgen des Ukraine-Kriegs kann man damit im Zusammenhang sehen. Die wachsende Unsicherheit, ja Kriegsangst in Zeiten einer Neuordnung der Welt, die gegen den Willen Europas vonstattengeht, haben zweifellos ihren Einfluss auf die „ästhetischen Seiten von Politik und Gesellschaft“, von denen Steffen Martus spricht.  Der Begriff Ideologie kommt im Buch nicht vor. Wenn von medialen Diskursen die Rede ist, muss man sich ihn hinzudenken. Ein politisches System hat über das andere gesiegt und hat nun Mühe, sich gegen innere und äußere Konflikte zu behaupten. Das wirkt auf den Literaturbetrieb zurück.

Im Epilog erinnert Steffen Martus daran, dass die Autorinnen und Autoren, die im Herbst 1989 auf die Bühne gerufen wurden, „nicht umsonst zur Vorsicht“ mahnten, das „Bewahrenswerte nicht im Veränderungsrausch aufs Spiel zu setzen“. Doch die „Mahnungen verhallten“.

Wie damit auch eine „Phase der Literaturgeschichte“ zu Ende ging, die von der Zweistaatlichkeit geprägt war, ist ihm bewusst. Auf bezeichnende Weise zitiert er aus dem Gedicht „DAS EIGENTUM“ von Volker Braun: „was ich niemals besaß, wird mir entrissen./ was ich nicht lebte, werd ich ewig missen.“ Zu diesen „Verlustschüben“, deren Wucht enorm zugenommen habe (hier zitiert er Andreas Reckwitz) „zählt auch der Statusverlust der Literatur“.

Steffen Martus: Erzählte Welt. Eine Literaturgeschichte der Gegenwart, 1989 bis heute. Rowohlt Berlin, 701 S., geb., 38 €.

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