Das Verwerfliche verhüten
Irmtraud Gutschke
Das Interessante ist, wie man beim Lesen diesen 2500 Jahre alten Text mit Vorgängen von heute vergleicht. Sunzis Traktat würde auch in „Westpoint“ und anderen amerikanischen Militärakademien zur Pflichtlektüre gehören, schreibt Volker Klöpsch im Nachwort. Der derzeitige US-Präsident hat ja dort nicht studiert. Sonst hätte er … Ach, was weiß denn unsereins? Sicher ist, Kriege werden heute anders geführt als nur mit Fußtruppen und Reiterei wie im alten China. Wobei es schon erstaunlich ist, wie damals schon Grundlagen von Strategie und Taktik ausgearbeitet wurden, inklusive der psychologischen Kriegsführung, die heute an Bedeutung gewinnt.
Dieser Sunzi – wenn es ihn überhaupt als Person unter diesem Namen gegeben hat – war ein Mahnender. Seine „Kunst des Krieges“ entstand in einer Zeit, als auf dem Territorium des heutigen China ein „Flickenteppich von weit über hundert kleinen Ländern und Klangebieten“ bestand, wie man dem Nachwort entnehmen kann. Dieses Zeitalter der Streitenden Reiche ab 475 v.u.Z. ging dann 221 v.u.Z. zu Ende. Nach dem chinesischen Altertum beginnt die Kaiserzeit. Das Prinzip tian-xia „alles unter dem Himmel“, welches sich damals begründete, steht durchaus mit heutigem chinesischen Selbstverständnis im Zusammenhang. Zhao Tingyang, einer der bedeutendsten chinesischen Philosophen der Gegenwart, hat das in seinem 2020 bei Suhrkamp erschienenen Buch „Alles unter dem Himmel: Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“ in der Auseinandersetzung mit westlichen Theorien ausgeführt.
„Bis heute ist ‚Die Kunst des Krieges‘ das weltweit einflussreichste Handbuch zur Bewältigung verschiedener Konfliktsituationen“, wirbt der Insel Verlag für die schön gestaltete Ausgabe mit rotem Farbschnitt. Auch andere Verlage haben sich um das Werk verdient gemacht. Doch sei dies die „einzige vollständige Übersetzung aus dem chinesischen Urtext ins Deutsche“. Tatsächlich geht es hier nicht nur um die Kriegführung, bei der dem „Prinzip der Täuschung“ eine wichtige Bedeutung zukommt, sondern immer wieder auch um die Schadensbegrenzung. Also eine Warnung an alle Heißsporne, die ohne Überlegung losschlagen. „Wer sich über den Schaden eines militärischen Einsatzes nicht völlig im klaren ist, der vermag auch den Nutzen eines solchen Einsatzes nicht vollständig zu begreifen.“
Das Wichtigste: keine blindwütige Raserei. „Belasse einer umzingelten Armee in jedem Falle einen Ausweg. Setze einem Feind in äußerster Bedrängnis nicht weiter zu.“ Wobei es eben damals um die Vereinigung von Reichen ging, deren Zerstörung vermieden werden sollte. Doch grundsätzlich kann es auch für heute gelten: Man fasse schon im Kampf ist die Zeit nach dem Krieg ins Auge. Gewarnt wird vor langen Abnutzungsfeldzügen und Hassgefühlen, sodass die Aufgabe aus dem Blick gerät, im momentane Feind einen künftigen Verbündeten zu erkennen.
Im Nachwort zitiert wird der 31. Spruch des legendären chinesischen Philosophen Laozi, der im 6. Jahrhundert vor Christi gelebt hat: „Waffen sind Geräte des Unheils,/ Keine Geräte des Edelmanns./ Nur wenn er nicht umhin kann, gebraucht er sie./ Friedliche Milde ist sein Höchstes./ Siegt er, so findet ers nicht schön.“
Etwas Verwerfliches verhüten: „Die kriegerische Maßnahme wurde nicht als Norm verstanden, sondern eher als die Normverletzung, als das letzte Mittel, wenn alle denkbaren politischen Maßnahmen nicht mehr griffen“, heißt es im Nachwort. Vielleicht sei die „Überlegenheit des Zivilen über das Militärische ja auch ein Grund dafür, daß trotz des Reichtums der chinesischen Literatur das Heldenepos darin keinen Platz gefunden hat“.
Sunzi: Die Kunst des Krieges. Aus dem Chinesischen und mit einem Nachwort von Volker Klöpsch. Insel Verlag, 136 S., geb., 14 €.