Und trotzdem das Verliebtsein
Irmtraud Gutschke
„Jeden Tag nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein langsam einsetzt, der Schock: Du bist alt, du wirst bald sterben.“ Dies ist nicht das erste Buch zu einem in der Öffentlichkeit gern verdrängten Thema, das ich lese. Doch es hielt mich fest, gleich von der ersten Seite an. Ich höre eine warme Stimme, in der die Weisheit eines langen Lebens ist. Achtzig Jahre – da merkt man das Altern wohl, und dennoch kann noch viel Zeit sein, damit zu leben. Das muss man können, besser gesagt, das muss man lernen. Und dazu eignet sich dieses Buch wohl in seiner so aufrichtigen Nüchternheit.
Natascha Wodin, schon durch mehrere Romane bekannt, ist als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Bayern geboren worden und wuchs in deutschen Lagern für „Displaced Persons“ auf, später in einem katholischen Mädchenheim, weil ihre Mutter Selbstmord begangen hatte. Davon erzählt sie in ihrem Buch „Sie kam aus Mariupol“. Eigentlich hieß sie Natalja Nikolajewna Wdowina. Ihre Kenntnis des Russischen führte sie nach Moskau, und dann auch zur Übersetzungskunst. Ein unstetes Leben mit zwei Ehemännern, von denen einer der DDR-Schriftsteller Wolfgang Hilbig war. In den achtziger Jahren begann sie selbst schriftstellerisch tätig zu werden. Die ist ihr 15. Roman, autobiografisch grundiert wie alles, was die schreibt. Also gibt es diesen Mann namens Friedrich wirklich, der ihr früher ein „energischer, unermüdlicher Helfer“ war und der ihr nun Angst macht, sie könne ihn überleben.
Ich weiß nicht, ob ich es jungen Menschen empfehlen soll, dieses Buch zu lesen, sollen sie sich doch ruhig noch ohne das „Carpe Diem“ abmühen und vergnügen. Aber allen ab sechzig empfehle ich es unbedingt. Weil man all jene oft geheim gehaltenen Gedanken darin wiederfindet, von denen man glauben mag, sie würden nur einem selbst gehören. Die Belastung eines Alltags, der nicht für alte Menschen gemacht ist, die Sorge um einen geliebten Menschen und um sich selbst.
„ich erinnere mich noch gut daran, wie ich alte Menschen in meinen jungen Jahren wahrgenommen habe. Ich fühlte etwas zwischen Grauen, Mitleid, Verständnislosigkeit und Aversion bei ihrem Anblick, und ich hielt es für ausgeschlossen, dass ich irgendwann genauso werden würde wie sie.“
Das Buch ist ein langer Monolog, der auf ein Gegenüber aus ist. Ich kann nicht aufhören zu lesen, weil mir Natascha Wodin etwas erzählt, das ihr aus dem Herzen kommt. Diese Vertrautheit kann ich nicht unterbrechen. Und natürlich bleibt es auch nicht bei der Gegenwart, ihre Erinnerungen gehören schließlich dazu. Ihr ganzes Leben ist in diesem Buch. Manches davon hat sie schon erzählt, anderes nicht. Und auch von Friedrichs Vergangenheit ist die Rede. Sie gab ihm ja seine eigenen Welt, in der nun auch sie wohnt.
Doch immer wieder geht es um diese Liebe, die manchmal so leicht ist und dann wieder so schwer. Eine Liebe, die so viel Kraft zu geben vermag. Bei all dem Schweren und Beängstigenden: „Und trotzdem gab es das Verliebtsein, das Brennen, das Wunder, noch einmal das Unsterblichsein.“
Natascha Wodin: Die späten Tage. Roman. Rowohlt. 288 S., geb.,
24 €.