So viele verschiedene Leben!
„Die DNA des Ostens“ – ein großes Medienprojekt wurde zum Buch
Irmtraud Gutschke
Es war ein riesiges Projekt, das unter Leitung von Michael Schönherr ab Oktober 2021 im MDR ins Leben gerufen wurde: Was heißt es heute noch, „ostdeutsch“ zu sein? Um das in seiner Differenziertheit zu ergründen, wurden zahlreiche Interviews geführt. 16 von ihnen – von September 2024 bis Dezember 2025 entstanden – sind jetzt in einem Band aus dem Mitteldeutschen Verlag nachzulesen. Der verspricht viel geistigen Gewinn. Denn es sind allesamt kluge Leute, die Matthias Hoferichter und Dennis Wagner hier befragen, auf eine ebenso eindringliche wie verstehende Weise. Der eine aus dem Osten, der andere aus dem Westen, beide, wie mir scheint, an der Interviewkunst eines Günter Gaus geschult.
Hartnäckiges Nachfragen in einer vertrauten Atmosphäre – so sitzt man diesen Frauen und Männern gleichsam beim Lesen selbst gegenüber, vergleicht die eigenen Erlebnisse und Ansichten mit den ihren. Was das Verhältnis zur DDR betrifft, gibt es eine große Spannweite. Joachim Gauck, Bundespräsident a.D., und Anna Kaminsky, Direktorin der „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ (welche das Projekt dankenswerterweise getragen hat), stehen für jene, die sich in der DDR nicht wohlfühlten und am liebsten im Westen gelebt hätten. Auf die Mehrzahl der Interviewten trifft allerdings der Titel zu: „Die DNA des Ostens. Was uns ausmacht“.
Klar, wer im Westen Erfolg hat wie die Unternehmerin Fränzi Kühne, dem mag die ostdeutsche Zuschreibung nicht so wichtig sein. Allerdings auch sie, Jahrgang 1983, begreift das „Sich-abgehängt-Fühlen“ als Problem, das „Nicht-gehört-Werden, was nicht zuletzt auch durch die Medienpräsenz stattfindet“.
Beginnend mit der 1995 geborenen Nhi Le, deren Eltern aus Vietnam in die DDR gekommen waren, zeichnet das Buch ein ganzes Panorama ostdeutscher Lebenswege auf, wobei der Journalist Christoph Dieckmann, Jahrgang 1956, der Älteste ist. Der Schwerpunkt liegt auf jüngeren Leuten. Was interessant ist: Denn nicht nur der Webvideo-Produzent und Autor Alexander Prinz, geboren 1994, ist ein Beispiel für „Oststolz“, wie er sein 2025 erschienenes Buch nannte.
Mir besonders aus dem Herzen spricht Grit Lemke, geboren 1965 (von ihr stammt der dokumentarische Roman „Kinder von Hoy“), die ein grundliegendes Lebensgefühl benennt, das tatsächlich aus der DDR kommt: Wichtig ist ihr bis heute „eine Art gesellschaftlichen Nützlichkeitsmaßstab“ ans eigene Handeln anzulegen. „Es geht hier nicht nur um mich – und das lernt man im Westen anders. Da geht es immer ‚um mich‘ , und so bin ich überhaupt nicht aufgewachsen, das fällt mir nach wie vor schwer zu denken.“ Da kann man überlegen, woran es liegt, dass es so an Gemeinsinn mangelt. „Kritik am kapitalistischen System des Westens“ – Michael Schönherr ist zugute zu halten, dass er in seinem Vorwort für derlei Unbehagen deutliche Worte findet.
„Vorurteile abbauen“ sei Ziel des Projekts gewesen. Aber ob im Westen Sozialisierte sich diese Sammlung von Interviews zu Gemüte führen werden? Die eigentliche Zielgruppe dürfte ostdeutsch sein: Menschen, die Selbstvergewisserung suchen. Die werden beim Lesen zustimmend nicken, vielleicht auch mal zweifelnd den Kopf wiegen, ins Nachdenken geraten. Und tief durchatmen, wenn sie auf der letzten Seite angelangt sind. So viele verschiedene Leben! Da fühlt es sich befreiend an, nicht nur in der Blase der eigenen Erfahrungen gefangen zu sein.
Olaf Jacobs und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.): Die DNA des Ostens. Was uns ausmacht. Mitteldeutscher Verlag, 348 S., br., 24 €.