Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Hermann Kant und das ND

Schreiben als Befreiungsübung

Der literarische Weg von Hermann Kant begann im ND

Irmtraud Gutschke

Ein Scharfsinniger, der stolz auf seinen Sprachwitz war: An diesem Sonntag wäre Hermann Kant 100 Jahre alt geworden. Da fällt vielen sofort der Roman „Die Aula“ ein, der in der DDR Schullektüre war, „Das Impressum“ und natürlich „Der Aufenthalt“. Was die wenigsten wissen: dass sein literarischer Weg in der Zeitung „Neues Deutschland“ begann, wo er nach seinem Studium an der Humboldt-Universität freier Mitarbeiter war. Hermann Axen, der damalige Chefredakteur, zahlte ihm ein Fixum von 500 Mark. Und Marcel Reich-Ranicki setzte in der „Zeit“ noch ein giftiges Lob obendrauf. „Ein intelligenter, ein schlauer Bursche, ein vielseitiger, ein wendiger Journalist, ein professioneller und temperamentvoller Polemiker, ein lustiger Bruder vom traurigen Feuilleton des ‚Neuen Deutschland‘, eines der flinksten Pferdchen aus dem Elitestall der SED-Presse.“

Ein lustiger Bruder, ein flinkes Pferdchen – das hat er gern gehört. Ein Lob vom „Klassenfeind“, während er sich doch als „Schandmaul erster Güte“ sah. Am Germanistischen Institut hatte er die Studentenzeitschrift „Tua Res“ herausgegeben, ausdrücklich an Kommilitonen in Westberlin gerichtet. Er stand zu DDR – vom Anfang bis zum Schluss. Aber anders als andere vielleicht verschloss er nicht die Augen vor dem, was da alles falsch lief. Er meinte nur, dass man es irgendwie „hinkriegen“ könne und dass er, Kant, dabei eine ganz persönliche Verantwortung hätte. Überschätzte er sich? Wahrscheinlich. Von früh an war ihm wohl eine besondere Tatkraft zu eigen, seiner Umgebung zu trotzen –  seiner ärmlichen Herkunft ebenso wie dem Selbstmitleid seiner Mitgefangenen im polnischen Lager, das sich auf dem Boden des zerstörten Warschauer Ghettos befand. Dort wurde er zum antifaschistischen Agitator, nicht ahnend, wie ihn das später zum Kader machen würde.

Sich aufs Private zurückzuziehen – undenkbar. In seiner selbstbewusst auftrumpfenden Art mochte er bisweilen arrogant erscheinen. Sein zunehmend ziselierter Schreibstil wirkte auf manche manieriert. Aber damit spekulierte er nicht auf Kritikerlob, obgleich er dieses in Ost und West bekam. Diese Art zu schreiben hat er für sich selbst gebraucht. Unablässige Verfeinerung des Gedankens – anders hätte ihm Wortarbeit keinen Spaß gemacht. „Leben heißt Nüsseknacken … Wir langweilen uns nicht gerne.“ So hieß es schon in seiner frühen Erzählung „Gold“, die in der Sammlung „Ein bisschen Südsee“ von 1962 enthalten, 2011 in den Band „Lebenslauf, zweiter Absatz“ kam. Der wurde wie alles von ihm natürlich im „nd“ rezensiert, ebenso wie sein verschmitzter Roman „Kennung“ von 2010 und die großartige Kant-Biografie „Nicht ohne Utopie“ von Linde Salber (2013). Letztere ist inzwischen vergriffen, während der Aufbau Verlag Kants Werk dankenswerterweise lieferbar erhält.

Was das ND von einst  und das nd von heute betrifft, sind kleinere Text von ihm immer wieder erstveröffentlicht worden, bevor sie zwischen Buchdeckel kamen. Beginnend mit der frühen Erzählung „Auf einer Straße“, in der er sich auf hintergründige Weise mit einem Grundthema seines Lebens auseinandergesetzt hat – den vier Jahren Kriegsgefangenschaft in Polen für sechs Wochen Soldatsein. Nach 1990 sind weitere Texte hinzugekommen. Ihre Veröffentlichung im Band „Therapie“ 2021 hat der Autor dann schon nicht mehr erlebt.

Dem Zentralorgan der SED war er, ab 1978 Präsident des Schriftstellerverbands, mal genehm und mal nicht. Wenn er in seiner auftrumpfenden Art im Politbüro Argwohn, gar Missfallen erregte, hatte das Auswirkungen. Und nach 1990, so erinnere ich mich, gab es auch eine kurze Phase, in der er, von der nunmehr gesamtdeutschen Medienöffentlichkeit als Verfechter der DDR geächtet, es nicht mehr so leicht mit uns hatte. Denn nun richtete sich der Blick auf jene, die aus der DDR weggegangen waren. Diese Autoren wollten wir mit unserer (gut honorierten) Serie „Sonntagsgeschichte“ wieder für uns gewinnen. Neue, andere Namen wünschten wir uns. Er aber blieb der Zeitung treu. Und nur durch die Herausgeberschaft von „Neues Deutschland“ ließ er sich 2007 zu unserem Gesprächsband „Die Sache und die Sachen“ überreden, der dann am Beginn einer ganzen Reihe mit Interviews stand. Friedrich Schorlemmer fand damals in seiner ND-Rezension einen „selbstkritischen Kant: Offenheit gegenüber seinen Kränkungen, den aktiven wie den passiven, einer Verletztheit ohne Bitterkeit, zuweilen mit unerwartbarer Weisheit und einem bestechenden Realitätssinn bezüglich der Zukunft der Menschheit.“

„Ich will, wie lustig von mir, Herr über mein Leben sein“ – dieses Zitat aus dem Roman „Okarina“ (2002) hat Kant zum Motto seines letzten Werkes gemacht: „Ein strenges Spiel“ (2015) meint ein ganzes Leben, das auch, wenn es manchmal „puppenlustig“ daherkommt, von Anfang bis Ende voller Zwänge ist. Dagegen ist sein selbstironisches Schreiben immer wieder Befreiungsübung gewesen.  

Irmtraud Gutschke: Hermann Kant. Die Sache und die Sachen. Aufbau Taschenbuch, 256 S., br., 9,95 €.
Irmtraud Gutschke (Hg.): Hermann Kant. Therapie. Erzählungen und Essay. Aufbau Verlag, 160 S., geb., 22 €.

Literatursalon im FMP1 anlässlich des 100. Geburtstags von Kant am 30. Mai, 18 Uhr im Haus am Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin, moderiert von Wolfgang Hübner.

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