Ein Hundertjähriger in neuer Perspektive
Irmtraud Gutschke
Mark Niebuhr, Hauptgestalt aus Hermann Kants Roman „Der Aufenthalt“ kann wohl als Alter Ego des Autors gelten, der im Dezember 1944 zur Wehrmacht eingezogen, bald in Gefangenschaft geriet. Vier Jahre brachte er erst in einem Warschauer Zuchthaus und dann in einem Kriegsgefangenenlager zu, das sich bezeichnenderweise auf dem Boden des zerstörten Warschauer Ghettos befand. Dass der achtzehnjährige Buchdrucker Niebuhr aus Marne stammt, werden viele überlesen haben. Eine Stadt in Schleswig-Holstein im Kreis Dithmarschen – dort kam man aus der DDR ja sowieso nicht hin. Aber Frank Trende lebt in Schleswig-Hollstein und hat sich für diese Verbindung interessiert.
Sein Buch „Hermann Kant, Dithmarschen und ein Roman“ ist eine bemerkenswerte Neuerscheinung zum 100. Geburtstag des Schriftstellers, der sich auf jeden Fall sehr darüber gefreut hätte. Nicht nur, dass Frank Trende auf einfühlsame Weise dem Schicksal Mark Nieburs nachspürt, er hat zu Kants Lebzeiten auch Verbindung zu ihm aufgenommen und ihn 1980 nach Brunsbüttel zu einer Lesung eingeladen. Die endete allerdings nicht harmonisch, wie man aus dem Buch erfährt. Das erstaunt nicht, denn beide deutsche Staaten haben sich ja an einer Frontlinie des Kalten Krieges befunden. Da hat ein Besucher die DDR gar mit dem Dritten Reich verglichen. Eine Provokation, mit der Kant umzugehen wusste. Dass sie „hoffentlich nicht zu erschrocken über den Husten“ war, „den der starke Tobak auslöste“, schrieb Kant der Bibliothekarin ins Gästebuch.
Später hat Frank Trende von Kant ein druckfrisches Exemplar seines publizistischen Bandes „Zu den Unterlagen“ erhalten. Darin war auch seine Reportage unter dem Titel „Dithmarschen“ enthalten, die 1962 im „Magazin“ erschien. „Kant spricht offen und offensiv die Geschichte des Diesanderkoogs als Adolf-Hitler-Koog an und erkennt die soziologische Planungsabsicht der Nationalsozialisten, die mit der Anlage des neuen Ortes verbunden war.“ Damit setzt sich Frank Trende ausführlich auseinander, insbesondere auch, was das apologetische „Heimatbuch“ von Wilhelm Stock betrifft. Das kannte Kant ebenso. Ihm war klar, dass es den Nazis mit diesem Siedlungsvorhaben um die Inszenierung einer Volksgemeinschaft aus Bauern, Handwerkern und Arbeitern ging. Frank Trende findet es zu Recht bezeichnend, dass dieser Text in der westdeutschen Ausgabe von „Zu den Unterlagen“ weggelassen wurde.
Brückenschlag zum Film „Der Aufenthalt“ und zum Erinnerungsband „Abspann“: Was es mit dem Namen Niebuhr auf sich hat, werden viele nicht wissen. Der Arabienreisende Carsten Niebuhr (11733-1815) war eine Berühmtheit im Dithmarschen – sein Haus ist im Band auch abgebildet, zusammen mit einer Gedenktafel für dessen Sohn, den Altertumswissenschaftler Barthold Georg Niebuhr. Im Roman „Okarina“ von 2002 steht ja ebenfalls Mark Niebuhr im Mittelpunkt.
In ausgiebiger Arbeit ist Frank Trende hier eine literarische Spurensuche gelungen, an der Hermann Kant seine Freude gehabt hätte. Als Zuckerstück obenauf gibt es ausführliche lobende Zitate von Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz zum Roman „Der Aufenthalt“, welche man wahrscheinlich nur hier findet, so man nicht in Archiven gräbt.
Frank Trende: Hermann Kant, Dithmarschen und ein Roman. Boysens Buchverlag, 124 S., geb., 22 €.