Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung

„Der Lack ist ab, so einfach ist das“

1989 war auch der Todesstoß für die alte BRD: „Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“, herausgegeben von Cornelia Geißler

Irmtraud Gutschke

Vor drei Jahren veröffentlichte der Leipziger Germanist Dirk Oschmann sehr erfolgreich „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“. Nun hat die Berliner Journalistin Cornelia Geißler einen Sammelband herausgegeben, der eine Antwort darauf zu sein scheint: „Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung“. Wobei sich der Leipziger Literaturprofessor die lobenden Worte auf dem Cover keinesfalls widerwillig abgerungen hat: „So vielfältig und vielstimmig wie der Osten selbst“ sei dieses Buch, „zugleich eine Tiefenbohrung in die deutsch-deutschen Bewusstseinslagen unserer Gegenwart“.

16 Autorinnen und Autoren hat Cornelia Geißler zusammengebracht, über das Thema nachzudenken. Einfach wäre es gewesen, sie dem Titel gemäß drauflosschreiben zu lassen. Aber da wäre wohl nicht jene Vielstimmigkeit zustande gekommen, die Oschmann zu Recht lobt. Auch die Herausgeberin ließ sich überraschen, aber sie hatte  auch eine Konzeption im Kopf. Im Anhang sind die Fragen aufgeführt, mit denen sie die einzelnen „Beiträgerinnen und Beiträger“ zu ihren Texten hinlenkte, anknüpfend an ihre jeweilige Biographie und das bisherige Schaffen.

Cornelia Geißler, geboren 1965 in Berlin, ist eine erfahrene Literaturkritikerin. Sie studierte Journalistik in Leipzig und Moskau und ist lange Jahre schon Kulturredakteurin bei der Berliner Zeitung. Daneben ein Buchprojekt zu verwirklichen, das weiß ich aus eigener Erfahrung, braucht jede freie Minute. An einem milden Abend auf einer Dachterrasse in Prag sei die Idee entstanden. „Was ist eigentlich mit dem Westen?“, habe er Verleger Gunnar Cynybulk sie damals gefragt. Nun ist der Band in seinem Verlag erschienen, und er hat auch selbst einen Text beigetragen. Mit durchaus heiteren Pointen erzählt er, wie er mit 14 seinem 1985 aus der Haft freigekauften Vater in den Westen nachreiste. Aus dem Zugfenster blickend, ist damals alles so „bunt, so frisch, so lecker“ erschienen. „Schokokuh, Schokokuh, Flickenkuh.“

Persönliche Wahrnehmungen gegen gängige Verallgemeinerungen: Da blickt Kerstin Hensel  am Beginn des Bandes „Über den Zaun“ und entdeckt in pointierter Kürze 15 ganz unterschiedliche West-Befindlichkeiten. „Ich versteh die Ossis nicht“, bekommt sagt Aron Boks von einem Bekannten aus dem Westen angesichts der AfD-Plakate zu hören. „Hast du mal Gelsenkirchen gesehen? Und gab es da einen Soli? Nö. Furchtbar sieht es da aus.“ Daraufhin hat sich der Schriftsteller, 1997 in Wernigerode geboren, tatsächlich dort umgesehen. Die „ärmste Stadt Deutschlands“ – die „AfD holte bei der Bundestagswahl hier 25,4 Prozent der Stimmen“. Aber beim Sieg von „Schalke 04“ lagen sich die Leute in den Armen. „Wo kommst du eigentlich her?“, wird er in der Vereinskneipe gefragt. „Ich … äh … ich komme aus Sachsen-Anhalt.“ „Kannst du auch nicht für.“

Wie jemand dazukommt, die ostdeutsche Herkunft zu verleugnen, darüber kann man mit Katja Lange-Müller und Anett Gröschner nachdenken. Die prekäre Existenz eines Zauberkünstlers führt Heike Geißler vor Augen. Frau Hunts Nöte im Fahrstuhl – die Bildgeschichte „ausgerottete augen“ von Anke Feuchtenberger handelt von jenem Ausgestoßensein inmitten von Wohlstand, das es überall gibt.

Constanze Neumann war sechs, als ihre Eltern 1979 mit ihr die DDR verließen. „Am westlichen Rand des Landes, dort, wo ich groß wurde, war der Osten so fern, dass er ignoriert werden konnte. Man fuhr nicht hin, und dann gab es ihn auch einfach nicht.“ Aber die Eltern, die vom Westen geträumt hatten, träumten nun von Leipzigs Straßen. Und sie selbst fand später in Palermo etwas aus ihrer frühen Kindheit wieder. Der westliche Blick auf den Osten „verletzte mich“.

Susanne Schädlich, die ab 1977 in der Bundesrepublik aufwuchs, fragt: „Warum geht es so selten um ‚Westalgie?“. 1989 sei doch auch der Todesstoß „für die alte Bundesrepublik“ gewesen. Damals war sie in Los Angeles. „Während in Deutschland zusammenwachsen sollte, was zusammengehört, feierte Amerika seinen Triumph über die Sowjetunion.“ Als ob das „Gute“ über „das Schlechte“ gesiegt hätte.

Sagen wir es nüchtern: Der Versuch einer anderen, gerechteren, aber wirtschaftlich unterlegenen Gesellschaftsordnung ist gescheitert. Kapitulation im Kalten Krieg. Von der DDR sollte nichts übrig bleiben, und das bekamen die Leute auch zu spüren. Dazu gibt es schon zahlreiche Analysen. Aber hier wird nach Empfindungen gefragt, und die Antworten sind literarisch.

Da geht es immer wieder um Enttäuschungen. Tom Jonas Müller macht einen gebrauchten Golf GTI dafür zum Sinnbild. Gekauft, als die Grenze offen war, blieb er wenig später auf einer Kreuzung stehen.

„Der im Osten erfundene Westen“ nennt Jakob Hein seinen Befund. Aber das Traumland auf den Bildschirmen kam doch aus dem Westen. „Kinder aßen pausenlos Süßigkeiten, Familien verreisten nach Spanien, Männer fuhren mit halben Rennautos zur Arbeit und Frauen hängten lächelnd blitzblanke Wüsche an endlos durch sattgrüne Landschaften verlaufende Leinen.“ Der Glaube galt diesem Erfolgsmodell: „Eine zutiefst rechtsstaatliche Demokratie mit einem blendend funktionierenden Wirtschaftssystem und hervorragenden internationalen Verbindungen, die ja schließlich auch zu den osteuropäischen Staaten bestanden. Denn während ein Staatsbesuch in den USA ein unerfüllter Traum des Politikers Honecker blieb, reiste Kohl natürlich nach Moskau.“

„Der goldene Schein ist verschwunden.“, sagt Julia Franck. Wie soll da die DDR zum Komödienstoff werden? Thomas Brussig weiß es auch nicht so recht. Als „Angehöriger eines kleinen, unterschätzten Landes“ habe er sich „wohler gefühlt denn als Teil einer großen, wichtigen Nation“.

Aber ist dieses Deutschland denn überhaupt groß und wichtig? Sind nicht auch die prekären Verhältnisse zu bedenken, in denen immer mehr Menschen leben? Die himmelschreiende soziale Ungerechtigkeit – der Essay „Der Wert der Arbeit“ von Domenico Müllensiefen handelt davon.

„Der Lack ist ab, so einfach ist das“, heißt es bei Thorsten Schulz. Mit dem Ende der DDR brauchte die BRD ja auch nicht mehr die Projektionsfläche für alle möglichen Hoffnungen zu sein. Dass Schlimme ist, wie nun Ohnmachtsgefühle und Hoffnungslosigkeit grassieren. Für mich, in Karl-Marx-Stadt und dann in Weimar aufgewachsen, befand sich das System, in dem ich nun lebe, nie in rosarotem Nebel. Doch seine Zerbrechlichkeit habe ich so nicht vorausgesehen. Was mich wirklich schmerzt – Steffen Popp bringt es auf den Punkt – ist der „Wegfall eines utopischen Horizonts“.  

Dirk Oschmann schaffte es mit seinem zornigen Essay auf die Bestsellerlisten. Das hat auch Cornelia Geißler mit ihrem nachdenklich stimmenden Band verdient.

Cornelia Geißler: Der Westen. Eine ostdeutsche Empfindung. Kanon Verlag, 206 S., geb., 22 €.

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