„Militär stürmte die Intensivstation“
Samar Yazbek hat mit Überlebenden des Genozids in Gaza gesprochen
Irmtraud Gutschke
Überlebende eines Genozids: verwundet, gezeichnet, entkräftet und in unstillbarer Trauer, weil sie so viele Menschen hatten sterben sehen. Dunkle Schatten in der Mittagssonne von Doha: Wie einem Schwarm schwarzer Vögel sah sich die Autorin einer Menge von Rollstühlen gegenüber, die von Frauen in Schwarz geschoben wurden. „Menschen mit abgetrennten Gliedern, mit fehlenden Organen, halbe menschliche Körper, die am Rande der Existenz lebten, als seien Sie Relikte einer vergangenen Zeit. Es kam mir vor, als befänden wir uns an Bord eines Schiffes, das im Himmel hängt, ohnmächtig und verloren, inmitten von Trugbildern und Gespenstern, die ich nicht deutlich erkennen konnte.“
So wortmächtig ist dieses Buch, dass man es als ein literarisch-künstlerisches bezeichnen könnte, obgleich es ein dokumentarisches ist. Samar Yazbek, 1970 in Syrien geboren, hat die Erinnerungen an den Bürgerkrieg dort mit nach Paris genommen. Seit 2011 lebt sie mit ihrer Tochter m Exil. Mehrere internationale Literaturpreise erhielt sie für ihr Schaffen. Ein Höhepunkt war ihr Roman „Wo der Wind wohnt“ von 2024: Zauber einer leuchtenden Prosa vor düster, traurigem Hintergrund. Dies nun ist ihr sechstes Buch, von Larissa Bender und Leonie Nückell auf beispielhafte Weise aus dem Arabischen ins Deutsche gebracht.
„Warum habe ich wieder begonnen, über den Krieg zu schreiben?“, überlegt sie. „Gerade jetzt muss die Sprache die Fessel lösen, die uns umschlingt und uns daran hindert, den Fluch zu begreifen, der sich über unsere Länder gelegt hat. Was machen wir mit diesen beängstigenden Geschichten? Kann das Schweigen unter diesen schrecklichen Umständen ein Ausweg sein?“
Wie sie beobachtet und dabei immer wieder fragend ins sich hineinhorcht, hebt dieses Buch über andere dokumentarische Werke hinaus. Tiefgründige Gedankenarbeit: „Um zu verstehen, wie Opfer zu Tätern werden und umgekehrt wie Gerechtigkeit herbeigeführt werden kann, dürfen wir uns nicht nur auf die Historie beziehen und den Willen zur Dokumentation mitbringen, sondern müssen das, was in Syrien und Gaza passiert, durch das Prisma jener Menschen betrachten, deren Leben ausgelöscht wird.“
Sie ist nach Doha gereist, um Zeugenaussagen über den 7. Oktober 2023 zu sammeln, als die Hamas Israel mit Raketen angriff und eine so heftige Gegenreaktion auslöste, dass man von einem Vernichtungskrieg gegen die im Gaza-Streifen lebende Zivilbevölkerung sprechen muss. Die Fassbomben, „mit denen auch in Syrien bombardiert worden war, kann man sich vorstellen. Sogar die Feuergürtel-Kaskaden von Raketen, die pausenlos auf eine bestimmte Region fallen, ganze Wohnviertel auslöschen“, wie es bisher noch nirgendwo geschah. „Was jedoch unvorstellbar ist, ist der enthemmte Algorithmus des Tötens, die Verwendung künstlicher Intelligenz. Die Angst des Menschen vor Maschinen, die auf sie losgelassen werden, ist in Gaza Wirklichkeit geworden.“
Auf erschreckende Weise zeichnet das Buch ein Bild dessen, was in modernen Kriegen möglich ist. Wie Drohnen durch die Straßen fliegen, auf Frauen und Kinder zielen, Quadkopter in Schlafzimmer eindringen. Und wie der Schrecken den Menschen die Lippen verschließt aus Scham über das, was ihnen angetan wurde. Die Autorin hatte befürchtet, mit ihren Fragen auf Ablehnung zu stoßen, und war überrascht von der Großzügigkeit, Freundlichkeit, mit der man ihr begegnete. Diese Menschen wollten ihre Geschichten erzählen, damit die Welt ihnen zuhört. „Und sie glaubten noch immer an die Möglichkeit, dieser Realität einen Sinn abzugewinnen.“
27 Frauen und Männern hat Samar Yazbek befragt. Aus ihren Antworten hat sie Geschichten gemacht, die einen beim Lesen an die Seite dieser Menschen holen. Mit der 41-jährigen Nasma Al-Farra steht man vor dem eingestürzten Haus, aus dem sie nur zwei ihrer fünf Kinder lebendig bergen konnte. Wie der 54-jährige Samer Al-Agha das abgetrennte Bein seiner Tochter sucht – sie war am Leben geblieben, aber er wollte es begraben – wie Khaled Abu-Samra, 30-jähriger Arzt im Schifa-Krankenhaus, wehrlos zusehen musste, als Militär die Intensivstation stürmte, wie die 23-jährige Sadschar Yasser Saleh sich als glücklichste Frau auf Erden fühlte, ehe sie unter Trümmern lag – so viele Schicksale bringt Samar Yazbek an uns heran.
Nach der Lektüre sind diese Menschen keine Fremden mehr, die weit weg von uns leben. Die Zahlen der Opfer, von denen wir lesen, hören auf, anonym zu sein. „Das Geringste, was wir tun müssen, um dem Akt der Zerstörung etwas entgegenzusetzen, ist, die Welt mit Worten wiederaufzubauen.“ Bei allem Schrecken ist Samar Yazbek auch ein Buch der Hoffnung gelungen.
Samar Yazbek: Gaza. Überlebensberichte aus einem zerstörten Land. Übersetzt von Larissa Bender und Leonie Nückell. Unionsverlag,
266 S., geb., 24 €.