Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Oliver Schlick: Der geheimnisvolle Fall der Braut

„Dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt“

Irmtraud Gutschke

Was gute Krimis ausmacht und wie man sie schreibt – Oliver Schlick liefert zu Beginn seines neuen Buches sogar eine Anleitung dafür. Besser gesagt, es Matilda Bond, die man schon aus seinen vorigen Krimis kennen mag. Inzwischen 13 Jahre alt, erzählt sie aus eigener Erfahrung, was Krimilektüre einem bedeuten kann. Nun ist dieses Genre ein weites Feld. Es reicht vom klassischen „Whodunit“ bis zur „Hardboiled“-Sorte, von gemütlichen Regionalkrimis bis zu Thrillern, die einem nachts den Schlaf rauben. Zu letzteren gehören die Kinderkrimis von Oliver Schlick auf keinen Fall. Wobei seine spannenden Bücher keinesfalls nur Kindern Freude machen dürfte. Eher könnten sie dem Genre der momentan sehr beliebten „all-age-Literatur“ zugerechnet werden. Von 12 bis 99 sozusagen, bzw. so lange, wie Lesen glücklich macht.

Um Unterhaltsamkeit geht es. Wobei man zwischen den Zeilen merkt, dass der Autor sehr wohl über gesellschaftlichen Durchblick verfügt. Er hat Sozialarbeit studiert und ist seit mehreren Jahren ist er in der stationären Jugendhilfe und der Flüchtlingsarbeit aktiv, informiert uns der Verlag. Wir können also davon ausgehen, dass er auch das Leben auf der Schattenseite kennt. Umso souveräner kann er uns ins noble Hotel „Wasserschloss Mück“ einladen, wo sich eigentlich nur Leute mit einer bestimmten Gehaltsklasse wohlfühlen bzw. solche, die für ihr Geld überhaupt nicht zu arbeiten brauchen. Der „schüchterne Detektiv“ Rory Shy wird dort wie ein Ehrengast begrüßt, immerhin hat er es durch mehrere spektakulär gelöste Fälle zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Matilda muss sich Achtung immer erst noch erringen. Viele glauben ihr zunächst nicht, dass sie als „Assistentin“ des berühmten Ermittlers fungiert. Aber wenn sie den Mund auftut …

Wer erst zum achte Band dieser fulminanten Buchreihe greift, keine Bange: Für alle „Neuankömmlinge“ ist bestens gesorgt. Und wer wie ich die früheren Bände kennt, wird staunen, wie geschickt der Autor schon auf den ersten Seiten alles unterbringt, was man über Rory Shy, seine Freundin, die reiche Erbin Charlotte Sprudel, über Matilda und ihren Cockerspaniel Dr. Herkenrath wissen muss, über ihre oft abwesenden Eltern, die Tierfilmer sind, die Haushaltshilfe Frau Zeigler, welche dann das Regiment führt und von Matilda belogen werden muss. Zudem war der Verlag so freundlich, weitere handelnde Personen auf dem Vorsatzpapier zu porträtieren, sodass selbst die Unaufmerksamsten noch die Übersicht behalten.

„Der geheimnisvolle Fall der Braut“: „Das Wort Geheimnis kommt gefühlt im Titel jedes zweiten Kriminalromans vor“, weiß Matilda, die, wie gesagt, schon sehr viele Krimis gelesen hat. Zudem habe ja jeder Mensch Geheimnisse, was sich im Laufe der spannenden Handlung ja bewahrheitet. Spannend, wirklich, aber keinesfalls würde man das beschriebene Geschehen mit der Realität verwechseln. Das ist ja der Reiz. Das Wasserschloss ist eine bezaubernde Kulisse, so beschrieben, dass man es vor Augen hat. Und die Gestalten sind klug ausgesucht, um uns auf richtige oder eben meist falsche Fährten zu locken. Denn die braucht jeder gute Kriminalroman. Also traue man nicht dem ersten Verdacht, auch wenn man schon mal stolz ist, etwas herausgefunden zu haben.

„Wer dem wahren Verantwortlichen für ein Verbrechen auf die Spur kommen will, sollte sich auf die scheinbar unverdächtigen Figuren mit einwandfreiem Charakter konzentrieren“, rät Matilda. Aber hat denn in diesem Nobelhotel wirklich ein Verbrechen stattgefunden? Wurde Rebecca Kehl, die den Fabrikantensohn Raffael Danzer heiraten sollte, vom Balkon gestürzt, wie dieser glaubt? Oder war es ein Unfall, wie dessen Mutter beinahe hysterisch behauptet? An die hundert illustre Gäste – ein Zufall kommt Rory Shy entgegen, dass er sich nur auf die im dritten Stock wohnenden zu konzentrieren braucht. Wieder sehen wir, wie Matilda durch freche Fragen seine Schüchternheit ausgleichen muss und er seine Gabe spielen lassen kann, Gegenstände zum „Sprechen“ zu bringen.

Ein Meister der streng rationalen Schlussfolgerung wie auch der Intuition. Manchmal ist es ja nur „dieses Gefühl, das irgendwas nicht stimmt“, dem er vertrauen muss. Wie wichtig diese Fähigkeit überhaupt ist, heutzutage, kommt mir beim Lesen in den Sinn. Wie oft gibt es da einen Vorhang, hinter den man schauen muss, einen Zusammenhang, der einem nicht sofort auffiel. Um die Ecke denken lernen: Was man in Krimis üben kann, ist folglich auch für den Alltag von Nutzen. Natürlich leben derlei Romane davon, dass es noch mehr Verwicklungen und folglich mehr Beteiligte gibt, als zunächst angenommen. Aber es muss auch alle plausibel sein. Darin besteht die Kunst. Wobei in diesem Falle von Anfang an klar ist: Es handelt sich um ein Spiel, das wir genießen sollen. In der ruhigen Gewissheit, dass sich alles aufklären wird, worauf man in der Realität nicht unbedingt zählen kann. Hier ist am Ende wirklich alles gut. Die Braut erliegt ihren Verletzungen nicht, allerdings gerät noch jemand anderes in Lebensgefahr. Warum? Und ein Bösewicht wird verhaftet.

„Bei den meisten Krimis kann ich spätestens nach zwei Dritteln des Buches vorhersagen, wer der Täter ist“, meint Matilda Bond. Ich habe es ihr gleichzutun versucht, aber es gelang mir nicht. Wär auch schade gewesen, wenn das Vergnügen so früh zu Ende gewesen wäre.

Was mir immer noch ein Rätsel ist: Warum hat sich denn bisher noch niemand gefunden, nach Oliver Schlicks Manuskripten eine Fernsehserie zu machen? Als Handlungsort könnte man ja Schloss Dyck in Jüchen nehmen, für das der Autor auf Seite 293 unverhohlen Reklame macht. Eine Einladung für ihn, um dort mal zu lesen, wäre das mindeste, um sich zu revanchieren.

Oliver Schlick: Rory Shy, der schüchterne Detektiv: Der geheimnisvolle Fall der Braut. Ueberreuter, 293 S., geb., 16 €.

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