Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Sara Lundberg: Katzenpfade

Konflikte, Kompromisse

Irmtraud Gutschke

Dass Katzen eigenwillig sind, man weiß es. Und darin besteht auch ihr Zauber. Sie ordnen sich nicht unter. Nähe gewähren sie als Gnade. Und die schenken sie auch im Überfluss. Es könnte ja sein, dass die schwedische Autorin und Illustratorin Sara Lundberg selbst eine Katze besitzt. Aber sie hat wohl auch Erfahrungen in der Liebe.

Dieses faszinierende Buch ist für Kinder zwischen fünf und zehn gedacht. Es lohnt sich auszuprobieren, ab welchem Alter sie den verborgenen Sinn dieser Geschichte erkennen. Denn eigentlich wird eine sehr kluge Beziehungsgeschichte erzählt. Der Ich-Erzähler lebt offensichtlich allein mit seiner Katze, ja eigentlich kann er ohne sie nicht leben, was sich im Laufe der Handlung erweist. Tatsächlich gehen sie was, wie gesagt, bei Katzen selten ist, zusammen spazieren. Der Mann zweifelt nicht daran, dass er den Weg bestimmen darf. Doch eines Tages kommt es zum Konflikt, weil die Katze eine andere entdeckt. Sie spielen, sie kichern. Sara Lundberg hat den Mann gemalt, wie er derweil ausgeschlossen und verknurrt auf einer Bank sitzt. Ob er gar eifersüchtig ist?

„Hört auf damit!“ – er stampft mit dem Fuß auf. „Da flitzt die andere davon.“ Und die eigene zeigt, dass sie gar nicht so eigen ist. Protest: In diesem Buch kann sie sogar sprechen. „Warum darfst du immer bestimmen?“ Sie weendet sich ab, und der Mann erfährt, was Alleinsein bedeutet: Im Regen stehengelassen zu werden, im Blätterfall und im Schneeflockenwirbel. Welches Glück, dass die Katze eines Abends wieder da ist!

Nun ist er zu jedem Kompromiss bereit: Die Katze bekommt das Ruder. Es wird Abend, es wird Nacht. Ob das gut ausgeht, darf man beim Lesen (oder Vorlesen) gespannt sein. Es sind doch zwei so unterschiedliche Kreaturen. Wie sollen sie auf einen Nenner kommen? Aber ist es nicht überhaupt so im Leben? „Was dem einen seine Eule ist, ist dem anderen seine Nachtigall“, so lautet ein altes Sprichwort, das den Unterschied von Bedürfnissen meint. Dem anderen eine Freude gönnen, auch wenn es nicht die eigene ist. Man muss Kompromisse schließen – das wäre die Aussage dieses Buches, welche sich gerade Erwachsene zu Herzen nehmen sollten.

Sara Lundberg: Katzenpfade. Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger, Insel Verlag, 64 S., geb., 18 €.

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