Gordischer Knoten
Irmtraud Gutschke
Keine klassische Detektivgeschichte mit Wohlfühleffekt und auch kein Thriller mit Gänsehautgarantie – die Krimis von Petros Markaris handeln im Polizeimilieu, sind aber insoweit etwas Besonders, als da immer ein gesellschaftskritischer Aspekt in ihnen ist. Ein Stück Analyse der griechischen Gegenwart und Vergangenheit, also auch etwas, das man vielleicht so nicht wusste. Zugleich aber entsteht bei der Lektüre zwischen Griechenland und Deutschland eine Brücke, vergleicht man Markaris‘ Befunde mit eigenen Erfahrungen.
„Ein Fall für Kostas Charitos“: Nun schon zum 16. Mal sind wir bei den Recherchen dabei. Stück für Stück ist der schrullige Kommissar inzwischen die Dienstleiter emporgeklettert. In diesem Buch hat er es schon zum Leitenden Kriminaldirektor gebracht. Er hat Untergebene, ist aber auch selber einer. Gleich am Anfang des Romans sitzt er beim neuen Bürgerschutzminister, zusammen mit dem Polizeipräsidenten und dessen Stellvertreter. Berichte werden angemahnt, die schon längst geliefert wurden. Der Amtsschimmel wiehert. Aber Charitos ist das offenbar längst gewöhnt. Zum Polizeipräsidenten hat er einen guten Draht, aber der steht immer unter Druck seitens des Ministers. Und eben auch der Presse mit ihrer täglichen Aufregungsproduktion. Denn vor nichts hat die Regierung mehr Angst als vor Unruhen, die dadurch abgewiegelt werden, dass jemand seinen Sessel räumen muss.
Irgendwie kennt man das ja alles. Aber Griechenland ist nur etwa ein Drittel so groß wie Deutschland, die staatlichen Strukturen wirken enger, persönlicher. Und so kritisch wie Kommissar Charitos ihnen gegenübersteht, ist er letztlich doch ihr treuer Diener, überzeugt von der Aufgabe der Polizei, für Recht und Ordnung zu sorgen. Da gab es nach den legendären Studenten-Protesten gegen das Obristen-Regime 1973 immer wieder Gründe, dass es an den Hochschulen brodelte. Dass dafür extra eine Campus-Polizei eingerichtet wurde, wusste ich bislang noch nicht.
So sehen wir gleich zu Beginn des Romans einen martialischen Aufmarsch an der Universität Athen: Das Eingangstor zum Gelände ist „von zwei Polizeieinheiten blockiert, eine innerhalb des Geländes, dort steht die Universitätspolizei, die andere auf der Patission-Straße, dort steht die Motorradstaffel.“ Dazwischen Transparente: „Bullen raus aus der Uni!“ und „Kein Zurück zur Junta!“ Charitos hätte damit nichts zu tun, wenn nicht ein Mord geschehen wäre: Der Wirtschaftsmathematiker Prof. Rodakis wurde in seinem Dienstzimmer zuerst erschlagen und dann aufgehängt.
Ein Protest gegen den verbreiteten Trend, zulasten humanistischer Bildung an Schulen und Universitäten Bereiche zu fördern, die der Wirtschaft dienen? Ein Bekennerschreiben könnte darauf hindeuten. Da spürt man beim Lesen durchaus, dass sich dahinter ein Problem verbirgt, das auch Petros Markaris selbst Sorgen macht: Die jungen Leute drängen sich auf Studienplätze, die einen gut bezahlten Job in der Privatwirtschaft in Aussicht stellen. Ein Studium im geisteswissenschaften Bereich erscheint dagegen wenig lukrativ.
Aber was ändert der Mord an einem Professor daran, muss man sich fragen. Und es ist, wie sich herausstellt, auch nur der Anfang einer ganzen Mord-Serie. Die ist umso schwieriger aufzuklären, weil es verschiedene Täter sind. Warum wurden die Mörder des Professors auf offener Straße erschossen? Wer konnte ein Interesse daran haben? Der Romantitel „Zorn der Verlierer“ deutet darauf hin, dass sich aus Zurücksetzung Rachegefühle entwickeln. Da bringt der Autor auch das Problem Mobbing an Schulen ins Spiel.
Spannend ist es wohl, die minutiöse Polizeiarbeit zu verfolgen, die zur Aufklärung der Gewaltverbrechen führt. Aber dahinter verbirgt sich ein „gordischer Knoten“, wie es an einer Stelle des Romans heißt. Einladung zum Weiterdenken, ob oft beklagte gesellschaftliche Krisenerscheinungen nicht mit einer Bildungsmisere im Zusammenhang stehen. Denn was wird aus einer Gesellschaft, die zunehmend aufs irtschaftliche (und man muss hinzufügen: auch das Militärische) setzt? „In einer Demokratie werden die Bürger durch schulische Allgemeinbildung und Geisteswissenschaften gesellschaftlich sensibilisiert“, heißt es im Roman. „Wenn die Allgemeinbildung zu einseitig wird und sich nur noch auf die Vorbereitung einer bestimmten Studienrichtung beschränkt, das Angebot der Geisteswissenschaften gleichzeitig auch noch reduziert wird, dann sinkt somit die Zahl der gesellschaftlich sensibilisierten Bürger.“
Wohl wahr. Aber braucht man denn „sensibilisierte Bürger“ zum Machterhalt?
Petros Markaris: Zorn der Verlierer. Ein Fall für Kostas Charitos. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, 277 S., Leinen, 25 €.