Literatur, das war etwas Eingreifendes
„Was bleibet aber“: Klaus Bellin porträtiert „Schriftsteller in der DDR“
Irmtraud Gutschke
Autoren wie ihn wird man im deutschen Feuilleton mit der Lupe suchen müssen. Nicht nur ein profunder Kenner der deutschen Literatur ist Klaus Bellin, er ist auch ein wunderbarer Erzähler. So inspirierend eingängig liest sich seine Sammlung von Schriftstellerporträts, dass man bei der Lektüre bleibt, fast, als wäre es ein Spannungsroman.
Szenen, die man vor sich sieht: Müde erträgt Arnold Zweig die Gratulation nebst Ordensverleihung zum 80. Geburtstag. Sehr schmal und schwach, im Sessel in Decken gehüllt, sitzt der Schriftsteller und Verleger Wieland Herzfelde in einem Seniorenheim in Berlin-Friedrichshagen. Dieser Mann, „der einst zu den Berühmtheiten Deutschlands gehörte“, empfand sich nun als „eigenes Denkmal“. Anna Seghers kommt 1954 nach Mainz zurück und verwandelt sich, während sie durch die Straßen spaziert noch einmal in Netty, das Mädchen aus behütetem Haus. Wir sehen Louis Fürnberg im Sommer 1955 in einem Krankenzimmer und dann auch Walter Kaufmann in einem solchen. Aber das war viel früher, bevor es ihn als Jude in die raue Welt hinaustrieb. „Er erlebte und beschrieb, wie der Vater 1938 verhaftet und die Wohnung verwüstet wurde und wie er mit einem Kindertransport nach England gelangte“, wo er eines Tages „aus der Schule geholt und mit vielen anderen, die im Krieg nun feindliche Ausländer waren, auf ein Schiff verfrachtet und in Australien ausgesetzt“ wurde. „Da war er sechzehn Jahre alt.“ Dass er anschließend achtzehn Monate in einem Wüstencamp zwischen Stacheldraht und Wachtürmen verbrachte, war mir nicht bewusst gewesen, wenn ich später mit dem gestandenen Schriftsteller im Gespräch war.
Und Brigitte Reimann habe ich nie persönlich kennengelernt, aber sie war wohl eine Frau, mit der ich gerne befreundet gewesen wäre. Gut vorstellen kann ich mir, wie ihr im Januar 1966 während einer Vorstandssitzung des Schriftstellerverbandes der Kragen platzte.
Selbstbewusste Menschen im Wechselbad: Am 19. Mai 1985 sehen wir Fritz Rudolf Fries in seinem Garten sitzen. „Den Stock zwischen den Knien“, genoss „er die Huldigungen seiner Gäste. Man saß in Gruppen unter den Bäumen, die reichlich Schatten spendeten, die Hausfrau schleppte Kaffee, Kuchen, Flaschen und Gläser, und Fries, der Jubilar strahlte, redete, lachte.“ So hat ihn Klaus Bellin erlebt. Als ich den bewunderten Schriftsteller 1996 in seinem Garten besuchte, war die Stimmung anders. Da war er von seiner Frau verlassen und bestand darauf, dass er mit einem intelligenten Mann vom MfS spannende Gespräche geführt hatte über Gott und die Welt. Keine Denunziationen von Kollegen, sondern Überlegungen zur Lage des Landes. Aber wer glaubte ihm das damals schon. „Stasi, das Schreckenswort, das Fallbeil“, schreibt Klaus Bellin.
Man muss sich das erst wieder in Erinnerung rufen: Wer wurde damals nicht alles irgendwelcher MfS-Verbindungen bezichtigt, musste sich juristisch wehren, und trotzdem hing es ihm an. Sogar Stefan Heym. Tatsächlich habe auch ich ihn am 4. November 1989 Richtung Alexanderplatz gehen sehen, „leicht gebeugt“, wie es im Buch heißt, und die Menschenmenge teilte sich vor ihm.
„Mutiger Citoyen. In der Isolierstation“ nennt ihn Klaus Bellin. So wie er überhaupt nach charakterisierenden Überschriften für seine Autorenporträts suchte. Über dreißig Texte sind es, jeder getragen vom Wunsch, hinter dem Werk zugleich auch den Menschen zu erkennen, mehr noch, zu verstehen. Wobei Klaus Bellin immer auch eine bewundernswerte Werkkenntnis hat, verbunden mit Einsichten in die Umstände der jeweiligen Zeit.
Da merke ich, wie mir 15 Jahre „Film“ fehlen und nicht nur das: Ich kam ja 1971 ins ND als Redakteurin für Auslandsliteratur. Mit der heimischen beschäftigten sich mindestens fünf beschlagene Kollegen. Erst Anfang der 90er Jahre betreute ich allein das ganze Literaturressort und war immer wieder glücklich, dass es in Klaus Bellin einen so klugen, verlässlichen und sprachbegabten Autor gab für fast alles, was sich zwischen Goethe und Fürnberg in der deutschen Literatur so zugetragen hatte.
Wie viele Namen inzwischen dabei sind, in der Vergangenheit zu verschwinden, überlegt man beim Lesen. Und dass sie unbedingt wieder in die Gegenwart müssen, weil in ihnen ein geistiger Reichtum ist, der nicht verloren gehen darf. Johannes R. Becher und Anna Seghers, Edith Anderson (erst kürzlich in der „Anderen Bibliothek“ wiederentdeckt) und Max Schroeder, Ludwig Renn und Bertolt Brecht, Jeanne Stern und Rolf Schneider, Fred Wander und Peter Huchel, Franz Fühmann und Christa Wolf, Stephan Hermlin und Hermann Kant (wie eng beide befreundet waren, wissen wenige), Armin Müller und Heinz Knobloch, Walter Victor und Hans Mayer, Johannes Bobrowski und Günter de Bruyn, der Kunsthistoriker Elmar Jansen und der großartige Verleger Elmar Faber, Thomas Brasch und Volker Braun …
So viele verschiedene Biographien, verbunden durch einen künstlerischen Eigensinn, der gerade in der frühen DDR (später allerdings auch) immer wieder an Grenzen stieß. Insofern hatten es alle diese Autoren schwer und haben es sich selber auch schwer gemacht. Sie haben nicht nur Texte verkaufen, sondern etwas bewirken wollen. Literatur wurde in der DDR als etwas Eingreifendes betrachtet und in den Machtetagen entsprechend ernst genommen. Wer schrieb, wollte verändern. „Sie alle, voller Zuversicht, glaubten an ein Deutschland ohne Nazis, Ausbeutung und Kriege, an ein menschenfreundliches Land, das sie mitgestalten wollten.“ Was Klaus Bellin über die zurückgekehrten Emigranten schreibt, gilt auch für die Jüngeren. Sie lebten mit einer Utopie und litten darunter, wie die diversen Abhängigkeiten des „real existierenden Sozialismus“ auch nach ihnen selber griffen.
Auf ihre Weise kluge, nachdenkliche Leute waren sie, die einem als Beispiel dienen können für Wollen und Widerstehen.
Klaus Bellin: Was bleibet aber. Schriftsteller in der DDR. Porträts. quartus-Verlag, 197 S., br., 16 €.