Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Nadia Narain u.a. Everyday Glimmers

Kleine Glücksfeuer

Irmtraud Gutschke

Zwei Schwestern, die sich in London beruflich um gestresste Frauen kümmern: Nadia Narain als gefragte Yoga-Lehrerin und Katja Narain Philipps arbeitet vornehmlich im Bereich Ernährung und Massage. Also wieder nur so ein Wellness-Buch, wie es schon so viele gibt? Nein, dieses ist besser, weil sehr viel Fachwissen dahinter steht. Zunächst einmal das Nervensystem betreffend, das dem Körper wohl „Befehle erteilen“ kann, aber 80 Prozent der Informationen kommen umgekehrt vom Körper ins Gehirn. Der Vagusnerv spielt eine große Rolle dabei. Grundsätzlich dürfe man davon ausgehen, dass das Nervensystem „versucht, uns zu schützen“, wenn wir uns nicht ruhig und sicher fühlen. Das funktioniert nach uralten Mustern. Wir geraten in einen Kampf-Flucht-Modus, wie er für unsere fernen Vorfahren lebensnotwendig war, oder in einen der Erstarrung. Es kann sein, so füge ich hinzu, dass man sich in solchen Momenten neben der Spur fühlt, womöglich sogar krank. Wie viele Leute mag es wohl geben, die deshalb Psychopharmaka nehmen?

Aber sollte man nicht eher lernen, solche Zustände bewusst wahrzunehmen, über Ursachen nachdenken, Verhaltensmustern nachspüren und überlegen, wie man sich selber – will sagen: dem Nervensystem – helfen kann? Bedenke: „Dein Nervensystem ist immer in Habachtstellung, gleichzeitig ist es aber auch irgendwo in der Steinzeit stehen geblieben und auf alte Gefahren fokussiert … In Ermangelung eines Löwen oder eines Tigers in unserem Alltag kann unser Nervensystem so etwas wie Stress in der Arbeit oder Kommunikationsprobleme durchaus für eine lebensbedrohliche Situati9n halten. Wer hat nicht schon einmal die gefürchtete ‚Wir müssen reden‘-Mail von einem Chef oder Kollegen erhalten und buchstäblich gespürt, wie ihm das Blut in den Adern gefror?“

Im Hintergrund des Buches wabern die Konflikte der heutigen Arbeitswelt: Gefühle der Überforderung, des Ungenügens, Selbstvorwürfe, statt die Verhältnisse zu durchschauen und schließlich wohl auch die Scham, nicht so zu funktionieren, wie es erwartet wird. Der neoliberalen Selbstertüchtigung dient dann eine ganze Fitnessindustrie, an der beide Autorinnen ja auch teilhaben. Mit professionellen Erfahrungen können sie glänzen. Und nicht zuletzt auch mit Vertrautheit in ihrem Miteinander. Sie reden miteinander, so, wie man es selber auch öfter tun müsste. Immer wieder sprechen sie auch von sich selbst, ihrer Kindheit und dem, was sie mitunter belastet. Eine Fülle konkreter Ratschläge bieten sie an. Wie man sich beruhigen kann zum Beispiel, was zum Einschlafen hilft. Was tun, wenn der Puls hochgeht? Bauchatmung, Gähnen, sich „erden“, Aufmerksamkeit auf den Körper lenken, „Schmetterlingsumarmung“ gegen Angstzustände, „Self-Parenting-Routine“, schreien, summen, sich abklopfen, Kopfkreisen, Bauchatmung …

Den Buchtitel „everyday glimmers“ würde ich mit „Alltägliches Schimmern“ übersetzen. Trivial ausgedrückt, sind die kleinen Glücksmomente gemeint, welche allzu oft von Hektik überdeckt werden, so dass man sie gar nicht richtig spüren kann, die aber bewusst wahrzunehmen für eine Stärkung des Nervensystems sorgen. Viele solcher „Mikromomente“ sind im Buch aufgeführt. Lesend wird man eigenes hinzufügen. Kurzzeitig mag sich auch der kritische Verstand einmischen: Schau dir den Mond an, und alles ist gut? Was das denn für Trostpflaster seien, die uns ruhigstellen, während wir uns doch auflehnen müssten. Aber das Buch hindert ja nicht am Tätigsein und an kritischer Überlegung schon gar nicht. Wir sollen lediglich lernen, immer wieder Kraft zu schöpfen. Denn was immer wir uns vornehmen, wir dürfen uns nicht selbst zerfleischen, sondern müssen versuchen, intakt zu sein.

Nadia Narain, Katia Narain Phillips: everyday glimmers. Mit bewussten Mikromomenten das Nervensystem stärken. Knaur, 336 S., br., 20 €.

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

 

© 2026 Literatursalon

Login