Spur des Vergessens
Mia Couto wirft ein ganz besonderes Licht auf deutsch-portugiesische Kolonialvergangenheit
Irmtraud Gutschke
Wie kann es sein, dass plötzlich von allen Drucksachen die Buchstaben verschwinden? Nur noch weiße Seiten. Mehr noch: Niemand ist mehr in der Lage zu schreiben. Weder die Portugiesen noch die Deutschen, die bald auf mörderische Weise zusammentreffen würden. „Keine Münzen, keine Banknoten. Alles Müll.“ Ja, auf der ganzen Welt „war die Tinte verblasst, und das Papier war zu Brei zerflossen“. Gelöschte Schrift – gelöschtes Gedächtnis, doch in Wahrheit geht es um etwas, das totgeschwiegen werden soll und mühsam aus dem Nebel der Geschichte hervorgeholt werden muss.
Mit diesem Vorgang beschäftigte sich Mia Couto bereits in seinem Roman „Der Kartograf des Vergessens“, 1923 veröffentlicht im Unionsverlag. Darin ging es um das Massaker der portugiesischen Armee 1973 an der einheimischen Bevölkerung im Ort Inhaminga auf Mosambik, um die FRELIMO, die marxistisch orientierte Befreiungsbewegung, zu treffen. Der neue Roman spielt wieder in Mosambik, aber greift weiter zurück. Ein Kanu mit einem Europäer und fünf Afrikanern in der Uniform der deutschen Armee steuert auf den portugiesischen Militärposten Madziwa zu. Feldwebel Bruno Estrela erkennt den Deutschen als Hadrian Schreiber und will den bekannten Arzt willkommen heißen. Doch der zückt die Pistole. Alle sind tot, bis auf Nataniel Salasi, der sich unter der Leiche seines Vorgesetzten versteckt hatte. Mit dieser Eingangsszene entfaltet sich eine spannende Abenteuergeschichte mit allem, was in diesem Genre zu erwarten ist: Schießerei, Flucht, Gefahr, wundersame Rettung und jede Menge Rätsel. Aber der „Actionfilm“ hat einen realen Hintergrund. Mit dem Überfall auf Madziwa begann im August 1914 „in Mosambik der Erste Weltkrieg“.
Verschüttete Kolonialgeschichte. Diesen Roman lesend, wird man ihr nachgehen wollen. Das Gefecht am 24. August 2014 lässt sich im Internet ja sogar finden. Die Schrift ist nicht gelöscht, aber die Papiere lagern gleichsam in einer Abstellkammer. Fakten türmen sich zu einem riesigen Berg. Da kann man sich etwas herausklauben und ins Gedächtnis nehmen, das immerzu aufnimmt und dafür insgeheim auch löscht. „Der blinde Fluss“ – der Romantitel bietet auch dafür ein Bild. Der Autor ist ja sogar Biologe. Wobei sein Schreiben generell von verwickelten, verborgenen Zusammenhängen lebt. Ich musste beim Lesen an den Kolumbianer Gabriel García Márquez denken. Magischer Realismus, der sich hier eben aus afrikanischen Quellen speist.
Mia Couto ist 1955 als Sohn portugiesischer Einwanderer in Beira, Mosambik, geboren und lebt heute als vielfach preisgekrönter Schriftsteller in Maputo. Dass in seinem Land, das über zweimal so groß ist wie Deutschland, etwa 70 bis 78 verschiedene Völker und Ethnien mit ihren Sprachen und Überlieferungen zusammenleben, ist für ihn selbstverständlicher Lebenshintergrund. Die 93 Kapitel des Roman haben jeweils ein Motto: Überlieferungen, Sprichwörter, Gedichtzitate aus dem Nyanja, dem Ciyao, dem Makua, dem Swaheli und aus der Weltliteratur. Von Platon bis Fernando Pessoa, von Wisława Szymborska bis Mahmud Darwisch versammelt Mia Couto Dichter und Denker um sich, sodass ein riesiger geistiger Kosmos entsteht.
Und darin Verwicklungen noch und noch: alte Wunden, alte Feindschaften, Sehnsüchte, Liebe. Fast alle im Buch tragen irgendwelche Geheimnisse mit sich herum. Allen voran Pater Sisnando aus dem Dorf Milepa. Ein von den Leuten verehrter Missionar oder ein Scharlatan? Er schreibt an einer „Bibel“, will die Geschehnisse um Madziwa unbedingt vertuschen, damit der Krieg nicht in sein Dorf kommt, und ist mit einer ganz besonderen Frau liiert. Aluzi Msafiri, Königin, Hellseherin, Heilerin, Zauberin. Immer wieder kommt sie im Buch zu Wort. Erstaunlich mag man es finden, dass sie mit einer portugiesischen Aristokratin sofort im Einvernehmen ist. Constança Sá de Mireile ist aus Portugal angereist, um in Bruno Estrela den Geliebten ihrer Tochter Flavia zu treffen, den diese keinesfalls heiraten darf. Aber ihre Mühen erübrigen sich ja, denn der Feldwebel wurde, wie gesagt, von dem deutschen Arzt zusammen mit seinen Untergebenen erschossen. Warum? Auch das wird sich klären. Und dazwischen Nataniel Salasi, die mehrere Sprachen spricht und als Schwarzer den Weißen ebenbürtig werden möchte. „Willst du wirklich wie die Europäer sein?“, fragt ihn sein Bruder Matias, mit dem er auf verschiedenen Seiten stand. „Ich will bloß das Gleiche wie du. Respekt.“
Respekt vor etwas Unbekanntem: Auch darum geht es im Buch. Gleich beim ersten Seite stutzte ich, als ich das Wort „Sipaio“ las. Das ist ein einheimischer Soldat in einer fremden Armee, wie ich schnell herausfand. Aber generell: Warum hat der Verlag auf ein Glossar verzichtet? Ein wortgewaltiger Roman: Barbara Mesquita hat ihn so übersetzt, dass er einem ganz zu eigen wird. Fast, bis auf diese fremden Wörter. Vielleicht mussten sie ja bleiben, damit wir den Text nicht leichthin vereinnahmen? Die Grafiken zu Beginn jedes Kapitels beziehen sich auf Initiations-Zeremonien der Yao (jene von Nataniel und Matias kommt im Buch auch vor), und die Zitate sind so, dass man erst einmal stutzt, weil darin ein magisches Bewusstsein steckt, welches uns schon sehr fern gerückt ist. Etwas, worüber man nachdenken muss, wie auch über sich selber: Wieviel Kolonialismus steckt wohl noch in einem, dass man meint, sich all das Fremde so einfach einverleiben zu können. Wieviel Respekt ist noch zu lernen in diesem kleinen, größenwahnsinnigen Land.
Mia Couto: Der blinde Fluss. Roman. Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Unionsverlag, 256 S., geb., 24 €.