Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Ingo Schulze: Das Wasser im August

„Vielleicht Hoffnung“

Erkundung einer Sehnsucht: „Das Wasser im August“ von Ingo Schulze

„Worum geht es Ihnen, wenn Sie schreiben?“, wird der Ich-Erzähler auf Seite 26 dieses Romans gefragt. „Um alles“, antwortet er. Da ist er zu einer Lesung im Mecklenburgischen unterwegs, und er hat Glück: Fremde Leute – ein Arzt und eine Pastorin – nehmen ihn in ihrem „Skoda Yeti“ mit, denn sein „Polo“ hatte nach der Autowäsche schlapp gemacht. Dieses „Alles“ und die sorgfältig ausgemalten Einzelheiten: Wie sich das im Text verbindet, darf man beim  Lesen genießen. Was nicht heißt, dass alles glattgeschliffen sei.

Der Schriftsteller sitzt also mit zwei Interessierten im Auto. Er hat sie neugierig gemacht, sodass sie auch zu seiner Lesung bleiben. Bei dieser handelt es sich um eine – gut bezahlte – Privatveranstaltung. Die Frau eines Klassenkameraden will mit illustrem Publikum dessen 63. Geburtstag feiern. Er möge etwas vortragen, was noch niemand gehört hat. Die Bitte kommt ihm entgegen. Er würde die Wirkung einer noch unfertigen Novelle erproben.

Es sind also in diesem Roman zwei Ebenen ineinandergeschoben: das Jetzt und das Einst. Denn besagte Novelle handelt 1979. Pikanterweise ebenso am Tollensesee. „Das Wasser ist wunderbar, es wird mit jedem Tag weicher“, bekommt der 16-jährige Thomas da von der 29-jährigen Sonja zu hören, die ihn auf eine erschreckende Weise fasziniert. Ärztin ist sie, den Kindern des Pfarrers eine Vertraute, seitdem deren Mutter an Krebs gestorben ist. Thomas ahnt nichts von den Verwicklungen, in die er hineingeraten wird. Eine Verliebtheit packt ihn, bevor er sich dessen bewusst werden kann. Dabei ist er mit seinem eigenen Werden beschäftigt. Wie Ingo Schulze das beschreibt, fühlt er sich selbst beflügelt, das Unwiederholbare von einst zurückzuholen, diese jugendliche Sehnsucht, strebend in eine Weite, die noch unbekannt ist. Dazu gehört für Thomas auch das Schreiben, was ihn dem Autor noch näher bringt. 

Wie entsteht Literatur, wie wird sie den Lesenden lebendig, fragt sich der Junge. Welcher Bezug ergibt sich zur bildenden Kunst? Denn Paul und Emmy, die Thomas zu sich eingeladen haben, sind Maler. Sie verweisen ihn auf das Visuelle, welches ja auch für das Literarische von Belang ist. „Beobachten und beschreiben“, also: „Nicht behaupten, sondern zeigen“. Der hohe Mecklenburger Himmel, wie malt man ihn in Gedanken so, dass andere ihn beim Lesen vor sich sehen? Dieser Junge – er blickt einen mit großen Augen an, fragend und fordernd sich selbst gegenüber. Will sich von literarischen Meistern etwas abschauen. Kauft Ilja Ehrenburgs Memoiren und Valentin Katajews „Gras des Vergessens“ in einem Antiquariat und schleppt die Bücher im Einkaufsbeutel mit sich herum. Zweifelt und entschließt sich immer wieder, an sich zu glauben. Vielleicht noch an etwas Höheres, was ihn mit dem über 60-jährigen Ich-Erzähler verbinden mag.

„Eine verborgene Liebesgeschichte und die Anfänge des Schreibens“ – der Klappentext bietet eine griffige Deutung. Also lehnen wir uns zurück und genießen? Möglich ist’s, aber dabei könnte uns manches entgehen. Die 22 Kapitel der Novelle sind ja in die Gegenwartshandlung eingebettet. Der Autor sitzt einem freundlichen, neugierigen Publikum gegenüber. Die Lesung dauert bis in die Nacht und wird am nächsten Tag fortgesetzt. Wobei dann auch etwas Enttäuschung aufkommt. Die Novelle ist ja noch unvollendet. Unwillkürlich wird man darüber nachdenken, wie die Handlung weitergehen könnte. Wird die Verliebtheit des 16-Jährigen Erfüllung finden? Irgendwie wünscht man es ihm ja. Oder hat der Autor gar ein diesbezügliches Bekenntnis im Text versteckt?

Das Pikante ist, wie ihm im Publikum eine Grauhaarige gegenübersitzt, die ihn sofort fasziniert und die auch etwas verstimmt ist: Wie konnte er es wagen, sie, die Ärztin Angelika Richter, in Sonja zu verwandeln? Ihm aber wird bewusst, dass sie – Ehefrau Carola hin oder her – zeitlebens seine große Liebe war. Und jetzt endlich das befreiende schicksalhafte Zusammentreffen? Es wird noch manch Spannendes geschehen, so viel sei versprochen. Und es werden auch Rätsel bleiben. Während der Ich-Erzähler meint, seinem einstigen Klassenkameraden böse sein zu müssen, wartet dieser auf eine Entschuldigung von ihm. Ob das der Sinn der Einladung war? „Stasi“-Nebel: Was ist damals wirklich geschehen? Das Reale und das Erfundene – was für ein Spannungsfeld. Schon bei der Hinfahrt im fremden Auto hatte der Autor über die Schwierigkeit gesprochen, sich für die Ich-Form oder die Er-Form zu entscheiden. „Man sollte schon ‚Ich‘ sagen“, erklärt er, „da riskiert man etwas.“ Und trotzdem ist Thomas für ihn „Er“ geworden. Hat er da zu wenig riskiert? Weil er nicht alles über sich ausplaudern will und vor allem wohl: Weil ihn die Jahre verändert haben, weil er die Zuversicht nicht mehr hat, mit der dieser Junge so selbstverständlich lebte.

Etwas ist vorüber gegangen, und erst jetzt merken wir den Verlust, meint Angelika. Da stecke in der Novelle „noch so eine unausgesprochene Hoffnung drin, so eine unglaubliche Hoffnung, dass wir etwas verändern können“. Damit spricht sie dem Autor aus dem Herzen. Er habe versucht, „über einen Sechzehnjährigen zu schreiben, der eigentlich nur an sich und sein Schreiben denkt, aber allmählich begreift, dass er anders leben muss, dass er Wissen sammeln und Freunde gewinnen muss, wenn er etwas verändern will.“ Es geht also wirklich um „alles“ in diesem Roman.

Nur punktiert, so wie Emmy malt, sieht man die Ängste und Ohnmachtsgefühle der Gegenwart, die Ukraine, den Iran, die Aufrüstung, den falschen „Common Sense“, die Weltlage, die „verfluchte Zeit“, wie Angelika sagt, welche alle Gestalten des Romans untergründig umtreibt. „Die Welt taumelt, und ich beschriebe Wolken, eine Wiese oder eben Menschen, die genau das täten, was ich tue.“ Auf diesen Vorwurf muss der Schriftsteller reagieren.  „Ich hätte Hoffnung, in dieser Zeit, in die ich da zurückging, noch etwas zu entdecken, das ich vermisste, das mir fehlte, womöglich nicht nur mir“, überlegt er. Ja, „vielleicht Hoffnung“, habe er in der Vergangenheit gesucht. Zu jenen gehört zu haben, „die noch bezeugen konnten, dass sie dieses Land einmal für veränderbar gehalten hatten“, das empfinde er als Glück. Nicht auf ein Wort zurückstutzen ließe sich diese Gewissheit, so wie es auch unmöglich war, das „Wasser im August jenen zu erklären, die nie darin geschwommen waren“.

Am 18. September erhält Ingo Schulze für diesen Roman den Uwe-Johnson-Preis.

Ingo Schulze: das Wasser im August. Roman. S. Fischer Verlag, 313 S., geb., 26 €.     

Weiter Beitrag

Antworten

 

© 2026 Literatursalon

Login