Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Alexander Rahr: Die verschlüsselte Chronik der Menschheitsgeschichte

Der Wahrsager und die Wahrheit

Irmtraud Gutschke

Goethes „Faust“ schlägt „ein geheimnisvolles Buch von Nostradamus’ eigner Hand“ auf , um in seiner Studierstube den Erdgeist zu beschwören. Jahrhunderte später bekommt ein Student der Geschichte in der Münchner Staatsbibliothek eine Schrift über den berühmten Brief von Nostradamus (1503-1566) an den französischen König Heinrich II. zu lesen. Die Faszination wird er sein Leben lang nicht mehr los.

Michel de Nostredame, der legendäre Arzt und Astrologe, ist bereits in Episoden der Romane „2054. Putin decodiert“ und „Das Goldene Tor von Kiew“ von Alexander Rahr aufgetaucht. Nun widmet er ihm ein ganzes Buch: „Die verschlüsselte Chronik der Menschheitsgeschichte. Eine 500 Jahre alte Schrift von Nostradamus neu decodiert“. Es geht darin vornehmlich um besagten Brief an Heinrich II. von 1557. Bei der wortgetreuen Übersetzung des altfranzösischen Originals half die KI. Und dennoch blieben erst einmal Rätsel, was Nostradamus wohl auch bezweckte, schrieb er doch damals unter den Augen der Inquisition.

In einem seiner prophetischen Verse, so heißt es im Buch, habe er behauptet, der Schleier des Geheimnisses seiner Prophezeiungen würde 500 Jahre nach seinem Tod gelüftet werden. Er starb 1566. Das heißt, in 40 Jahren wäre Großes zu erwarten?

Spannend, nicht wahr? Wobei, das gebe ich zu, die Lust an Prophezeiungen auch immer wieder mit anerzogenem Rationalismus kollidiert. Vor Spekulativem scheut man zurück, umso mehr, als man medial doch die ganze Zeit davon umgeben ist. Fremd sind die symbolische Verdichtung und vor allem der religiöse Duktus, die ja für Nostradamus damals eine nicht so ungewöhnliche Denk- und Darstellungsweise waren. Wieder einmal wird spürbar, wie Gewinn und Verlust der europäischen Aufklärung zusammenhängen. So vieles, was unseren Vorfahren noch selbstverständlich war, ist nicht mehr präsent und nur noch schwer wiederzugewinnen. Auch ist man gewarnt durch all die mediale Scharlatanerie, die es um Nostradamus immer wieder gibt.

Dass er sich in den Tradition der Propheten des Alten Testaments bewegen wollte, was hilft es jenen weiter, die überhaupt keine Ahnung mehr von der Bibel haben? Da hat der Autor dieses Buches vielen seiner Leser eben manches voraus, die Russland schwerlich verstehen könnten, wenn sie dem Verhältnis zur Religion, zur Orthodoxie, fremd, abwertend gar, gegenüberstehen. Man muss begreifen: In unserem Weltbild ist etwas abgeschnitten, mit dem andere Völker auf alltäglich normale Weise umgehen. Je weiter man nach Osten kommt, wird da eine Herausforderung spürbar, ohne das analytisch Rationale zu verlieren, sich vor dem Irrationalen, das es zweifellos ebenso gibt, sich wenigstens nicht zu fürchten.

In dieser Hinsicht lebt Alexander Rahr etwas vor. Einer ihm  selbstverständlichen Spiritualität, gönnt er ihren Zauber, um dann wieder mit seinem Wissen als Historiker und Politologe eine Balance zu schaffen. Das sind eurasische Denkweisen, ohne die wir auch China nicht verstehen.  

Es ist frappierend, wie Alexander Rahr, im ganz Konkreten und im Detail den Prophezeiungen folgend, mit seinen Deutungen einen Aha-Effekt erzeugt. Immer wieder zeigt sich, wie Vorhersagen eingetroffen sind. So ist tatsächlich eine geschichtliche Chronik entstanden, die manches auffrischt, was man nicht mehr präsent hatte. Wobei man lesend ja vor allem auf die Zukunft gespannt ist. Wie das Buch auch diesem Bedürfnis entgegenkommt, soll hier im Einzelnen nicht enthüllt werden. Die Neugier soll schließlich erhalten bleiben.

Nur so viel: An diesem Punkt kommt auf besondere Weise die wissenschaftliche Kompetenz des Autors zum Tragen. Dass momentan eine „düstere Epoche“ europäischer Geschichte angebrochen scheint, jenes Gefühl der Unsicherheit, das uns quält, hat es auf andere Weise immer wieder in der Geschichte gegeben. „Aufstieg, Fall und Konflikt“ war ein wiederkehrendes Muster. Natürlich würde man gern in einer Phase des Aufstiegs verharren, aber aussuchen kann man sich das nicht.

„Die Weltordnung formiert sich neu“. Vor den Zeichen der Zeit sollten wir die Augen nicht verschließen. „Europa muss lernen, inklusivere Ordnungen zu schaffen, innere Spaltungen zu überwinden und seine Abhängigkeiten zu reduzieren, bevor äußere Mächte und innere Zerfallsprozesse unwiderruflich werden.“

Alexander Rahr: Die verschlüsselte Chronik der Menschheitsgeschichte. Eine 500 Jahre alte Schrift von Nostradamus neu decodiert. Ancient Mail Verlag, 147 S., br., 16,90 €.

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