Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Georg Tidl: Nord Stream

Wendepunkt für Europa

Irmtraud Gutschke

Aus für russisches Gas: Mag dies nur eine der Ursachen für den wirtschaftlichen Niedergang unseres Landes sein, aber sie ist gravierend. Zwar wird immer mal berichtet, dass russisches LNG auf Umwegen nach Deutschland kommt, aber das ist auf jeden Fall teurer und ökologisch so bedenklich wie nur irgendwas.

„Die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline war ein Anschlag, der globale Folgen für Macht und Märkte nach sich zog“, heißt es im Buch von Georg Tidl. Der Autor ist Journalist und arbeitet in Wien für den österreichischen Rundfunk. Es empörte ihn, wie die Öffentlichkeit in diesem gravierenden Fall lange im Unklaren und später häppchenweise mit Details versorgt wurde, die für viele in der Flut alarmierender Nachrichten untergingen.

Dieser Band schließt eine Wissenslücke. Knapp und präzise wird vom Bau der Gasleitungen berichtet, die einst von der EU befürwortet wurden: ein riesiges Infrastrukturprojekt im Interesse Deutschlands – aber schon am 7. Februar 2022 „erklärte Joe Biden im Beisein von Olaf Scholz: „Wenn Russland einmarschiert, das heißt, wenn Panzer und Truppen die Grenze zur Ukraine überschreiten, wird es Nord Stream 2 nicht mehr geben.“ Olaf Scholz soll dazu auf der Pressekonferenz nur „säuerlich“ gelächelt haben.

Eindeutig hing es also mit dem russischen Einmarsch zusammen, dass es in der Nacht zum 26. September 2022 nahe der dänischen Insel Bornholm zu mehreren Explosionen kam, „bei denen auch ein Strang der nie in Betrieb gegangenen Nord Stream 2 zerstört und der zweite daraufhin stillgelegt wurde.

„Tagelang strömte Methan aus den beiden Strängen von Nord Stream 1. Laut Satellitenuntersuchungen gelangten bis zu 485000 Tonnen in die Atmosphäre … Zusätzlich wurden 250 000 Tonnen giftigen Sediments vom Meeresboden aufgewirbelt und mit dem Sediment nicht entschärftes Kriegsmaterial, das nach 1945 von den westlichen Alliierten ind er Ostsee entsorgt worden war.

So konkret und präzise, wie hier über die drei Explosionen berichtet wird, geschah das noch nie. Die Sprengladungen seien überdimensioniert gewesen, heißt es, dabei hätte ein mehrmaliges Anbohren gereicht. Und, wie nicht anders zu erwarten, wurde erstmal Russland für den Anschlag verantwortlich gemacht, und danach gab es ein langes Hin und Her, welches hier auch dargestellt ist. Die Vermutung liegt nahe, dass Spuren verwischt werden sollten, welche in die Ukraine und ins Weiße Haus führten.

Die Enthüllungen von Seymour Hersh am 8. Februar 2023 werden hier ausführlich zitiert. Und dazu gibt es ein Zitat von Victoria June Nuland: „Die US-Regierung ist sehr zufrieden, dass Nord Stream 2 jetzt ein Haufen Metall am Meeresboden ist.“ Muss man es noch deutlicher sagen?

„Brodeln von Wahrheiten und Unwahrheiten“: Die Kampfschwimmer auf der „Andromeda“ will niemand gesehen haben. Aber die Crew war bekannt und wird hier namentlich vorgestellt. Noch sind nur zwei von insgesamt sieben in Haft. Die Hintermänner bleiben im Dunkeln, und ist es nicht doch ein Märchen gewesen? Da bietet dieses Buch eine spektakuläre Expertise. Die ist so spannend, dass sie hier nicht vorweggenommen werden soll. Nur so viel: Der Autor hält es für undenkbar, dass Deutschland nichts von den Anschlagen wusste. Zudem stellt sich die Frage, ob nicht auch „nukleare Komponenten“ zum Einsatz gekommen sind.

Die deutsche Geschichte sei voll von verdeckten Aktionen. Und liegt nicht auf der Hand, wem die Sprengung der Pipelines nützt?

Georg Tidl: Nord Stream. Die Sprengung der alten Weltordnung. Das Neue Berlin, 108 S., br., 14 €.

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