Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Der Spaziergang des Herrn Momo

Vom Glück des Augenblicks

„Der Spaziergang des Herrn Momo“ von Judith Auer und Luca Tortolini

Irmtraud Gutschke

Im berühmten Roman von Michael Ende ist Momo ein kleines Mädchen im Flickenrock, das nur zwei zu große, nicht zueinander passende Schuhe besitzt und daher meistens barfuß geht. Im Kinderbuch von Judith Auer und Luca Tortolini heißt so ein älterer Herr, gut gekleidet mit Hut und Stock, der allerdings – ds wird Kindern ab 5 sicher auffallen – Schuhe mit ungewöhnlich hohen Absätzen trägt. Für die Geschichte ist es nur insofern von Belang, dass der Mann sich wahrscheinlich wenig um die Meinungen anderer Leute schert. Er ist ein Gewohnheitsmensch, trägt jeden Tag die gleiche Kleidung, isst dieselben Dinge und macht seinen Spaziergang, egal, wie das Wetter gerade ist. Ein langweiliges Leben, so könnte es scheinen. Aber gerade weil es so geregelt ist, hat es eine Geruhsamkeit. Und weil es diese Geruhsamkeit hat, wohnt ihm eine Achtsamkeit inne, die wir doch so häufig vermissen. „Er grüßt alle, die an ihm vorbeispazieren. Manchmal schließt er sogar neue Freundschaften.“ Bei seinem zweiten Frühstück am Seeufer liest er gern in Ruhe seine Zeitung. Er flaniert – zur Pferderennbahn und zum Zoo.

Ein Höhepunkt ist das Museum, wo er der Museumsfrau jeden Tag eine rote Blume auf den Sessel legt. Danach ist er so beschwingt, dass er gleichsam nach Hause fliegt. Das reicht ihm, und auch uns soll es reichen. es ist ein Stück Lebenskunst. Ob Kinder das begreifen, wird noch auszuprobieren sein. Hier braucht es keine Schildkröte Kassiopeia und keinen Meister Hora, auch keine „Stundenblumen“, die „grauen Herren“, die nur aus gestohlener Zeit bestehen, kommen gar nicht erst zum Zug. Denn hier herrscht das Glück des Augenblicks – auf eine ganz selbstverständliche Weise.

Erst auf der letzten Seite sieht man, wer in diesem Buch wofür zuständig war, und nicht zu Unrecht steht die junge Künstlerin Judith Auer an erster Stelle. Denn mit ihren sanften Aquarellen hat sie dem Text von Luca Tortolini jenen Zauber verliehen, der ihm gebührt.

Judith Auer/ Luca Tortolini: Der Spaziergang des Herrn Momo. Kunstanstifter Verlag, 32 S., geb., 20 €.

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