Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Elif Shafak: Liane und das Land der Geschichten

Überall ist Phantasia in Gefahr

Von Irmtraud Gutschke

„Wo kommt ihr den her?“, fragt Liane. „Aus dem Land der Geschichten“, sagt Zeliş. Blaue Haare hat sie und riesige rosafarbene Augen. Neben ihr steht ihr rundlicher Bruder Asutay, der stottert und noch eine wichtige Rolle im Buch spielen wird. Ob die türkische Autorin Elif Shafak wohl „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende kennt, in der das Land „Phantasia“ gerettet werden muss? Sie ist in Strasbourg geboren, hat aber auch in Ankara, Madrid und Amman gelebt und wohnt inzwischen in London. Gleich, wo ihr Buch spielt, überall ist „Phantasia“ in Gefahr, wenn Kinder nur noch vor Computerspielen sitzen oder fernsehen, sich also mit Fertigprodukten zufrieden geben. Bücher indes verlangen mehr: Vom Entziffern eines Textes bis zum vielschichtigen Verstehen vollzieht sich ein schöpferischer Prozess von geradezu magischer Kraft. Aus einer Anordnung von Buchstaben entstehen lebendige Bilder. Die Textvorgabe wird so in gewisser Weise zu einer ganz eigenen Inszenierung, die eine Verbindung eingehen kann mit allem, was man vorher fühlte, wusste. So kann man bei Elif Shafak Säcke voller Buchstaben sehen. „Die müssen wir so bald wie möglich in unser Land bringen“, sagt Zeliş. „Dort werden aus den Gedanken neue Geschichten und Gedichte entstehen, und die verbreiten sich dann überall auf der Welt.“

Ja, wahrscheinlich hat das Erwachen der Phantasie auch mit Momenten der Entrückung zu tun, wenn man aus dem Alltag nach Phantasia geht. Viele Abenteuer erleben Liane, Zeliş und Asutay auf ihren Wegen durch das „Land der Geschichten“. Einmal treffen sie einen Vogel mit bunten Flügeln und goldenem Schnabel, der sich Umay nennt. „Einen Vogel wie mich gibt es sonst nirgends“, klagt er. „Manche spotten über mich und werfen sogar Steine nach mir.“ „Ich bin auch so wie du“, sagt Liane, die ihres Namens wegen in der Schule oft gehänselt wurde. Doch nach Hause zurückgekehrt, fühlt sie sich nicht mehr so verloren wie früher. Wenn sie jetzt liest oder gar selber in sich Texte formt, weiß sie, dass im „Land der Geschichten“ ein Baum ergrünt oder eine Blume aufblüht.

Mir geht Umay nicht aus dem Kopf – irgendetwas verbinde ich damit. Im Buch „Mythopedia“ findet sich der Name nicht. Da gebe ich ihn in kyrillischer Schrift ins Internet ein. Wie hatte ich, mit Tschingis Aitmatows Werk und kirgisischen Legenden vertraut, vergessen können, dass die irdische Umaj das weibliche Pendant zum Himmelgott Tengri ist. Sie ist Beschützerin der Mütter und der Kinder, die auch als Erwachsene in ihrer Obhut bleiben, wenn sie die Sprache der Götter nicht vergessen.

Elif Shafak: Liane und das Land der Geschichten. Ein Buch über die Magie des Lesens. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Illustrationen Zafer Okur. Ars Edition, 154 S., geb., 12 €.

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