Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke

Wie einer den Boden unter den Füße verliert

Cynthia Häfliger malt und beschreibt es so, als habe sie es selbst erlebt

Von Irmtraud Gutschke

Wenn du erleben muss, wie dir ein naher Mensch entgleitet und du dich hilflos fragst, was da wohl vorgeht, dann stellt sich dir mit diesem Buch eine ähnliche Erfahrung tröstend zur Seite. Nicht dir allein geht es so. Auch andere kennen diese Hilflosigkeit, wenn man gleichsam in verschiedenen Realitäten lebt und eine ganz andere behauptet wird als die, die man selber für selbstverständlich hält. Das betrifft indes ebenso den Kranken. Ich nenne das mal so. Auch Lars in diesem Buch fühlt sich im Recht, wenn er sich bedroht fühlt – von seinem Nachbarn, der den Rasen mäht. Und die Eltern zaudern. Sollen sie ihn gegen seinen Willen zum Arzt bringen? „“Aber es geht ihm nicht gut! – „Trotzdem hat er Rechte, Gefühle. Und seine Würde? Er ist erwachsen. Wie würdest du dich fühlen?“

Wie sich Menschen in dieser vertrackten Situation fühlen, das ringt uns die Künstlerin in sprechenden Bildern vor Augen. Erst sind sie noch bunt, dann verlieren sie die freundlichen Farben. Der Sohn ist abgehauen. Wo mag er sein? Der Eltern werden sich gegenseitig Vorwürfe machen und keinen Schlaf finden. Die Nerven werden blank liegen, auch wenn er wieder auftaucht. Und sich natürlich wehrt: „Geh doch du in die Klapse!“ Die Farben explodieren: Rot, Schwarz, Dunkelblau.

Alles scheint auseinanderzubrechen. Ja, auch die Wirklichkeit der Eltern ist zerbrochen. Die Vorwürfe, die fremden Blicke. In der Psychiatrie möchte der Sohn nicht mit ihnen sprechen. Doch eines Tags ruft er an. „Sie sagen, es sei eine Psychose gewesen … Manchmal war es, als ob jemand anderes meinen Körper und meinen Geist führn würde … Reize, Sinneseindrücke überfluten mich…. Die Grenze zwischen meinem Selbst und der Welt gab es nicht mehr.“ Doch langsam werden die Farben im Buch wieder bunter.

„Wie gerne hätten wir gewusst, was in ihm vorging und wie wir hätten helfen können.“ Auf den letzten Seiten bietet das Buch jede Menge Adressen, an die man sich um Erklärungen und Hilfe wenden kann. Dabei ist diese Graphic Novel selbst schon eine Hilfe. Cynthia Häfliger erkennt die innere Zerrissenheit, die Ohnmachtsgefühle an und macht sie dadurch ein Stück handhabbar. In der künstlerischen Umsetzung ist das eine große Leistung.

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke. Graphic Novel. Kunstanstifter Verlag. 136 S., geb., 24 €.

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