Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Jakob Hein: Der Hypnotiseur

Rezension im „Freitag“:

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/per-hypnose-verreisen-jakob-heins-roman-macht2019s-moeglich

Podcast auf https://dasnd.de/buecherberge

Mit Alain Delon im Odertal

„Der Hypnotiseur“ von Jakob Hein ist ein DDR-Panoptikum

Von Irmtraud Gutschke

Ein Ausflug in die DDR, der eine Menge Spaß verspricht, zumal auch viel Spielerisches dabei ist. Das allein schon ist ungewöhnlich, denn dieses Thema ist von ernsten Kontroversen dominiert. Die DDR wird verdammt und verteidigt. Wer jenseits der Grenze aufgewachsen ist, hat meist die  Vorstellung eines irgendwie grauen, tristen Landes vor Augen. Manche Städte sahen ja tatsächlich so aus und scheinen jetzt wie neugeboren. Was aber nicht heißt, dass es dort allen gut geht. Immer gibt es unerfüllte Wünsche, kaum jemand vermag sich alle Träume zu erfüllen. Aber in diesem Roman, oh Wunder, kann jede, jeder Träume wahr machen.

 „Anika legte sich auf die Ottomane. Sie war am Ende der Welt in einem Haus ohne fließendes Wasser gelandet“ – nur, um endlich einmal nach Paris zu kommen. Und es gelingt ihr sogar. Im Flugzeug sitzt sie neben Alain Delon. Später stehen sie zusammen auf dem Tour Eiffel, und sie hält ihren breitkrempigen Sommerhut fest. Am Grab von Jim Morrison auf dem Père-Lachaise dann der erste Kuss …

Ein renovierungsbedürftiges Haus ohne fließendes Wasser, wo man zu einer Reise nach Paris aufbrechen kann, die noch viel schöner ist als in Wirklichkeit? In einem Dorf im Unteren Odertal spielt der Roman „Der Hypnotiseur“ von Jakob Hein. Seltsam Kurioses ereignet sich dort. Im Bauernhaus seiner verstorbenen Großmutter lebt Michael, zufrieden mit sich und der Welt. Er hat sein Psychologiestudium nicht beenden können. Eine Hausarbeit über Arthur Schopenhauer erschien wohl irgendwie nicht sozialistisch, parteilich. Also wurde er von der Universität Rostock exmatrikuliert. Vorher aber hatte er bei einem Professor die Technik der Hypnose erlernt. Das eröffnet ihm ganz neue Möglichkeiten.

Neue Möglichkeiten sprachen sich in der DDR in Windeseile herum. Ein Flüstern und Wispern ging durch das Land. Wo alles so bescheiden war, waberte die Sehnsucht, etwas Besonderes zu ergattern. Wobei man im Dorf Soldin auch irgendwie misstrauisch war, wenn da etwas außerhalb der Norm verlief, aber so ist es wohl in vielen Dörfern. „So ein Dorf besteht aus lauter Widersprüchen. Keiner will was sagen, aber alle wollen alles wissen. Niemand gönnt den Nachbarn den Dreck unter den Fingernägeln, aber wenn jemand Fremdes auftaucht, halten alle zusammen“, sagt Lieselotte Sawidski, Michaels ältere Nachbarin. Sie hat Annikas Erscheinen 1983 im Dorf beobachtet – alle scheinen dort neugierig hinter ihnen Gardinen hervorzuschauen – und mokiert sich über die junge Frau, die da so  herausgeputzt durchs Dorf stolzierte wie aus der Modezeitschrift „Sybille“: „Eine schwarze Kurzhaarfrisur, ein langer Mantel, Absatzschuhe, Lippenstift und so ein Köfferchen aus Kunstleder.“ Ach ja, die Modezeitschrift „Sybille“ mit ihrer selbstbewussten Eleganz, der „Burda“ aus dem Westen weit überlegen, aber wie alles Gute Mangelware. Man staunt, dass Großmutter Sawidski die kennt. Aber Jakob Hein, das wird man im Laufe der Lektüre noch merken, hat Spaß an solchen Details, die zum Leben in der DDR gehörten.

Auch ich hatte eine Klassenkameradin, die nicht nur von Paris träumte – mehr noch, alle ihre Wünsche gingen dorthin, und schließlich schaffte sie es sogar, nach Frankreich zu heiraten. Annika, ebenso begeistert von allem Französischen, macht ihre Traumreise bei Micha, der nun wirklich kein Traumprinz ist, wie er da in abgewetzten Arbeitsklamotten vor ihr steht. Aber als Hypnotiseur öffnet er bereitwillig die streng bewachte Grenze, einfach aus Freundlichkeit, weil er es kann. Wie diese Fähigkeit auf einen Riesenbedarf trifft im eingemauerten Staat DDR, könnte zu einem witzig-unterhaltsamen Film taugen. Und tatsächlich kann man bei der Lektüre von Jakob Heins Roman so einen Film vor sich sehen.

Zuerst sitzt man bei Lieselotte Sawidski, die frei von der Leber weg von den seltsamen Vorkommnissen damals erzählt. Dann ziehen einen weitere Frauen ins Gespräch. Simone, damals Sekretärin des LPG-Vorsitzenden, befürchtete eine Art Sekte in Michaels Haus. „Nicht dass im ganzen Dorf die Psychos herumrennen …“ Dass ihr Chef bald selber bei Micha zu Gast ist, bringt sie besonders auf. Peggy, konnte Robert Smith von The Cure im Konzert begegnen und ist davon so begeistert, dass sie sich irgendwann selbst in Hypnose versucht. Ein neues Leben eröffnet sich ihr: „Vorher gab es nur dieses Gefühl, lebenslänglich in einem sehr ordentlich ausgestatteten und weitgehend anständig geführten Gefängnis leben zu müssen, mit der vagen Hoffnung auf eine befristete Haftverschonung bei Erreichung des Rentenalters. Aber die Hypnose befreite mich von diesem Gefühl. Ich konnte mich zwar nicht nach außen befreien, aber der Weg nach innen stand mir offen. Niemand konnte mir verbieten, mich wohlzufühlen, glücklich zu sein, in meinen Gedanken das zu erleben, wovon ich träumte, außer mir selbst.“

Selbstermächtigung. Nicht zuletzt durch Annikas Tatkraft wird mit Hilfe der anderen Frauen aus dem Bauernhof eine Art Pension, und es fließt sogar Geld, wozu die Glasobjekte eines versoffenen „Künstlers“ beitragen. Der gibt den Frauen eine Scheinanstellung, damit sie ihre SV-Beiträge bezahlen können und nicht „offiziell asozial sind“. Allerdings erweist er sich im Nachhinein als ziemlich redselig, was die Vorgänge auf dem Hof betrifft. Und jemand machte auch von sich aus Meldung gemacht, wobei das staatliche Interesse dem eigenen vorgeschoben war. Dass das Hypnose-Treiben  von den „zuständigen Stellen“ beobachtet wurde, ist somit nicht verwunderlich. So kommt Anneliese ins Spiel. Peggy versuchte eine Hypnose bei ihr und glaubte dann, sie auf dem Gewissen zu haben. Zwölf Männer in drei Autos kommen an und nehmen sie in Untersuchungshaft.

Was sie, inzwischen selbst Psychotherapeutin, damals in Haft erlebte und wie sie die schöne  Zeit auf dem Hof durchdenkt, gehört zu den stärksten Seiten des Buches. Sie erzählt, wie sie aus der Gefängniszelle nach innen flieht, erklärt uns sogar, wie man besser einschlafen kann (erst auf die Zimmerdecke schauen und einatmen und sich dann mit geschlossenen Augen auf ein langsames Ein- und Ausatmen konzentrieren). Schließlich kommt es zu einer überraschenden Gegenüberstellung …

In verschiedenen Tonarten, aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt Jakob Hein. Auf geradezu selbstverständliche Weise fügt sich aus vielen winzigen Details und privaten Befindlichkeiten der Mikrokosmos eines ostdeutschen Dorfes, vielleicht gar überhaupt der DDR. Wie die nach außen hin egalitäre DDR-Gesellschaft im Inneren auch von Kungelei lebte nach dem Motto „Eine Hand wäscht die andere“, wie jede, jeder versuchte, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen nach dem Motto „privat geht vor Katastrophe“, es macht Spaß, wie Jakob Hein das pointiert vor Augen führt. Beim Schreiben mag er wohl auch ein Publikum vor sich gesehen haben, das sich im Wiedererkennen amüsiert. Immer wieder gibt es im Text kursiv gesetzte Begriffe wie „Egri Bikavér“–  an diesen ungarischen Rotwein erinnere ich mich gut – „öffentlicher Fernsprecher“, die Schreibmaschine „Erika“, die Zigaretten „Duett“, der Weinbrand „Goldkrone“ und, und, und. Doch dies ist mehr als ein  DDR-Panoptikum. Dass wir in etwas eintauchen, das für die einen fast vergessen, von den anderen womöglich nie ganz verstanden worden ist, mag tatsächlich zum Reiz dieses Buches gehören. Allerdings ist manches davon auch in die Gegenwart gewandert. Was Juli Zeh in ihrem Romanen „Unterleuten“ und „Über Menschen“ als befremdlich registriert, hier ist es Normalität. Und außerdem: Wer lebt nicht auch heute mit unerfüllten Hoffnungen? Würde man es nicht selber gern erleben, wie sie sich „hinter einem verwitterten Holztor“ ein Ausweg eröffnet?

Flucht in eine gedankliche Freiheit: Stimmt es, dass keine echte Reise „so schön sein kann wie eine in Hypnose“? Michael im Buch, dieser Eigenbrötler auf seinem Bauernhof, hat wie gesagt nur ein abgebrochenes Psychologiestudium. Dr. med. Jakob Hein hat eine Praxis als Psychiater. „Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken.“ – Dieses Zitat von Arthur Schopenhauer stellt er seinem Roman voran. Er kann uns neugierig machen, wie Hypnose im tiefenentspannten Zustand funktioniert und versteht, wie unsere Wünsche mit der Realität zusammenstoßen müssen. „Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken“ – mit diesem Untertitel mag man einverstanden sein oder auch nicht. Aber eine „Gegenrealität“, die man, wenn nicht in einer Gemeinschaft, so doch in sich selber finden kann, haben Menschen doch immer schon gebraucht. Und heute zumal.

Jakob Hein: Der Hypnotiseur. Roman. Galiani Berlin, 207 S., geb., 20 €.

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