Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Valery Tscheplanowa: Ist es Liebe

Ganz privat und hochpolitisch 

„Ist es Liebe“ von Valery Tscheplanowa – die Lektüre geht unter die Haut und steckt voller Fragen

Irmtraud Gutschke

Das Motto des Romans stammt von Charles Aznavour: „Du musst lernen, vom Tisch aufzustehen, wenn keine Liebe mehr serviert wird.“ Gleich auf den ersten Seiten könnte es so weit sein. „Um vier Uhr sechsunddreißig hörte Anne, wie sich der Haustürschlüssel im Schloss drehte, und hielt den Atem an.“ Aber nur kurz, dann erkannte sie am Geruch, dass der total betrunkene Mann, der neben ihr ins Bett fiel, Sex gehabt, dass er sie betrogen hatte. Man sieht sie leise weinen, um den kleinen Thando nicht zu wecken, fühlt mit ihr den Zorn auf den Mann, der das Glück hat, ein Kind mit ihr zu haben. Denn das rettet ihn vor der Abschiebung.

Ungleiche Liebe: Das sagt sich leicht dahin. Der Roman geht unter die Haut, weil man immer wieder ein Fragezeichen hinter den Titel setzt. Ist es denn Liebe, was uns die Autorin so authentisch vor Augen führt, als sei es selbst erlebt? Oder ist es eher Abhängigkeit seitens der junge Frau? Ihre Freiheit, die ihr immer das Wichtigste war, hat sie für diesen bunten Vogel aufgegeben. Denn Richard aus Kenia ist ein solcher. Wie lebendig die Autorin ihn vor Augen führt – mit seiner impulsiven Eigenwilligkeit, seinem Lachen, seiner Traurigkeit. Man kann sich vorstellen, dass Frauen sich in ihn verlieben können. „Ein Flirren ging von ihm aus, eine hohe Frequenz und etwas Unberechenbares, das nach Spaß und Gefahr roch.“ Dabei ist er offensichtlich ein Egoist.

Ganz privat und dabei hochpolitisch ist dieser Roman. Valery Tscheplanowa, Schauspielerin wie Anne, aus deren Sicht sie erzählt, reißt einen Konflikt auf, mit dem wir beim Lesen klar kommen müssen. Wenn Richard ein Deutscher wäre, würde Anne ihn verlassen? Wahrscheinlich ja. Geht es nur darum, dass sie ihm verfallen ist? Oder spürt sie auch seine Abhängigkeit? Denn, wie gesagt, die Existenz ihres gemeinsamen Sohnes Thando ist die Garantie, dass er in Deutschland bleiben kann, diesem immer noch wohlhabenden Land.

Welchen Anteil hat ihre Mutter daran, dass Anne in jungen Jahren auf eine „Achterbahn aus Verzicht und Völlerei“ geriet? Gitte hatte sich vorgenommen, noch zu studieren, und überließ ihre Tochter der Großmutter, die alle Goldstück nennen. Worin unterscheidet sich Gittes Ehrgeiz denn von dem Richards, der seine Arbeit in einer Bäckerei aufgibt, weil er Designer werden will? Im Hunger aufgewachsen in einem Slum, als Sklave verkauft, unter Entbehrungen geflohen, war er geübt im Kampf ums Überleben. Wie selbstverständlich liegt er nun Anne auf der Tasche. Denn seine große Familie in Kenia ist darauf angewiesen, dass er Geld schickt. Und er selbst darf sich schließlich auch mal Spaß gönnen. „I wanted to have a little fun.“ Ist das nicht nachvollziehbar angesichts seiner elenden Vergangenheit? Und ist ihm etwa nicht zuzugestehen, dass er wie Anne einen Beruf sucht, in dem er sich selbst ausdrücken, sich verwirklichen kann?

Aber nimmt er sich ihr gegenüber nicht zu viel heraus? „Du zerreißt dich für ihn“, sagt ihre Mutter. „Anne, du kannst nicht die ganze Welt retten.“ Ist es vielleicht auch Schuldgefühl, das die junge Frau treibt? Weil sie weiß, dass wir auf Kosten des armen Südens leben und weil das mit Richards schmerzhafter Vergangenheit verbunden ist. Er hatte gedacht, alles würde gut, wenn er dem Kibera-Slum entronnen ist. „Aber ich habe Kibera mitgenommen, Kibera ist in mir drin.“ Beim Lesen kann man überlegen, was das überhaupt für Geflüchtete heißt, die instinktiv wissen, dass ihnen nichts geschenkt wird.

„Das Recht wie Glut im Kraterherde nun mit Macht zum Durchbruch dringt“ – was in der „Internationale“ prophezeit wird, ist eine Umverteilung. Dass die nicht eben gemütlich vonstattengeht, habe ich früher ausgeblendet, wenn ich mich vom Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung mitreißen ließ. „Wir haben mehr als genug, wir können teilen“, sagt Goldstückchen in ihrer Altersweisheit. Wenn die Autorin Stellung bezieht in einem gesellschaftlichen Konflikt, so weiß sie doch, wie schwierig es ist, wenn Ansprüche zusammenstoßen.      

1980 in Kasan geboren, ist sie als Achtjährige nach Deutschland gekommen, weil ihre Mutter einen Deutschen kennengelernt hatte. Als Schauspielerin hat sie wie Anne am Deutschen Theater begonnen und ging dann, wie sie nach Frankfurt am Main. Dass Anne die Alice in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ spielt, ist selbst erlebt. Das Werk wird ja oft als Nonsens-Spiel betrachtet, aber Tscheplanowas Roman bringt mich dazu, es nach langer Zeit nochmal zu lesen. Denn es „war kein Märchen. Es handelte sich vielmehr um eine präzise Beschreibung des Daseins mit seinen Unwägbarkeiten und Unergründlichkeiten. Sie fand alles darin wieder, was sie mit Richard tagtäglich erlebte.“  Bis hin zu jener Szene, in der drei Leute „an einem riesigen, für fünfzig Leute gedeckten Tisch … sagen: Kein Platz! „Ist euch bewusst wie politisch das ist?“, ruft der Regisseur. „Ich will, dass ihr das so sagt, dass sich den Zuschauern die Nackenhaare aufstellen.“

Valery Tscheplanowa: Ist es Liebe. Roman. Rowohlt Berlin. 236 S., geb., 24 €.

Weiter Beitrag

Antworten

 

© 2026 Literatursalon

Login