Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment

Hysterie in Hochgeschwindigkeit

Joseph Vogl gelang eine beeindruckende Analyse des heutigen Kapitalismus

Von Irmtraud Gutschke

Anmerkungen und Literaturverzeichnis auf über 40 enggedruckten Seiten – das Buch glänzt mit theoretischem Niveau. Doch wie groß kann seine Reichweite sein? Sowieso verstärkt sich momentan der Eindruck, dass Gesellschaftswissenschaft und öffentliche Debatte sich voneinander entfernen, wenn Journalistinnen und Journalisten im täglichen Arbeitsdruck Meinungen wiedergeben, ohne sich tiefer in deren Voraussetzungen einzuarbeiten, und die Fachwelt weitgehend unter sich bleibt. Als „kurze Theorie der Gegenwart“ dürfte Joseph Vogls Buch „Kapital und Ressentiment“ unverzichtbar für jede  öffentliche Äußerung zur derzeitigen Lage sein. Tiefgründig in seinen Analysen, detailliert hinsichtlich theoretischer und historischer Bezüge und entschieden in seinen Schlussfolgerunge, hat der Autor einer breiteren Rezipierbarkeit allerdings, allein schon sprachlich, Hürden gesetzt. Er möge mir verzeihen, dass ich hier in der Kürze und allgemeiner Verständlichkeit wegen etwas vereinfache.

Der Professor für Neuere deutsche Literatur, Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität Berlin geht der Frage nach, „wie sich der Aufbau neuer unternehmerischer Machtformen im digitalen Kapitalismus mit der Aushöhlung demokratischer Prozeduren und Institutionen kombiniert“. Das Vierteljahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nennt er ein „versunkenes Wirtschaftsidyll“ und zeigt einen Prozess auf, in dem sich seit den 1970er Jahren der industrielle Anteil am Gesamtergebnis unternehmerischer Renditen reduzierte und von der Profitquote der Finanz-, Versicherungs- und Immobiliengeschäfte überholt wird. Geldschöpfung, um Geld zu verdienen: In Don DeLillos Roman „Cosmopolis“, auf den ich wohl noch mehrmals eingehen werde, hat der steinreiche Vermögensverwalter Eric Parker zu extrem niedrigen Zinssätzen Yen geliehen, um in großem Stil mit Aktien zu spekulieren. Wider Erwarten aber steigt der Kurs der japanischen Währung rasant. Während er in seiner weißen Stretchlimousine durch New York fährt, hat er auf mehreren Bildschirmen die Bewegung von Zahlenreihen im Blick, „das Leuchten des Cyberkapitals“, und kann sich bis zum Schluss nicht entschließen, seine Strategie zu ändern. Das würde ihm  heutige womöglich kaum passieren, weil Transaktionen längst schon von künstlicher Intelligenz gesteuert sind.

Joseph Vogl macht plausibel, wie eng wie der heutige Finanzkapitalismus mit der Digitalisierung verbunden ist und sich dabei „als eine transgouvernementale Handlungsmacht“ installierte. Von politischer und ökonomischer Souveränität einzelner Staaten könne nur noch bedingt die Rede sein. Interessant: „Die sogenannte Eurogruppe etwa – bestehend aus den Finanzministern der Euro-Staaten, dem EZB-Präsidenten, dem für Wirtschaft und Finanzen zuständigen EU-Kommissar und einem Vertreter bzw. einer Vertreterin des IMF – … ist keiner regulären europäischen Institution samt Parlament rechenschaftspflichtig.“

Demokratische Prozeduren sind dem Finanzmarkt nur hinderlich. Dass finanzökonomische Risiken auf Staaten, Sozialleistungen und Bevölkerungen abgewälzt werden,  gehört zum System. Auch die  stürmische Entwicklung der Informationstechnologie steht damit im Zusammenhang. Dass wir von den schnellen Informationen aus dem Internet profitieren und uns als Kunden von Internetfirmen gefragt fühlen (der Bedeutung von Plattformen gilt eine ganzes Kapitel), ist ganz im Interesse des Finanzmarkts.

Mathematische Modelle wurden entwickelt, aber es bleibt ein Wetten auf Künftiges, was wohl auch die Faszination ausmacht. Eric Parker aus Don DeLillos Roman lebt in einem manischen Zustand, den er genießt, der ihn andererseits nicht schlafen lässt. Er lebt vom Kick, vom Nervenkitzel – und könnte womöglich auch daran sterben. Dabei weiß er schon nicht einmal mehr, was er mit seinem Geld machen soll. Auf der Höhe seines Reichtums hat es allen Reiz für ihn verloren, was zählt ist nur noch das Casino-Gefühl.

Wobei, so Joseph Vogls treffender Vergleich, „das Wetten auf künftige Kurzverläufe wohl dem Spiel eines Schimpansen gleicht, der mit verbundenen Augen Dartpfeile auf den Börsenteil einer Zeitung wirft; je effizienter die Märkte, umso zufälliger die dort generierten Oszillationen.“ Andererseits könne sich eine Art Gleichgewicht herstellen, „indem sich zufällige Schwankungen um einen Mittelwert herum anordnen“.

Da reagiert der Markt auf Informationen, die nicht etwa nur den realen Wert der Dinge betreffen, sondern Wertschätzungen, die sich durch Meinungen formieren. Meinungen über Meinungen. Funktioniert nicht so auch die Medienindustrie?

Joseph Vogl spricht von einem „Wahrheitsspiel“, in dem Wissen nur noch Information bedeutet und letztlich delegitimiert wird. „Inmitten einer informationellen Explosion hat sich eine Ausweitung von Ignoranzzonen eingestellt.“ Ja, „das Nichtwissen der Subjekte im Aktionsfeld des Marktes“ scheint sogar „wünschenswert“ zu sein, „es muss aktiv hergestellt und konserviert werden“.  

Ich habe zu diesem Buch gegriffen, weil mich der Begriff „Ressentiment“ interessierte, der (noch weitgehend) heimliche Groll in dieser Gesellschaft, der aus einem Gefühl der Ohnmacht kommt, das sich in Corona-Zeiten noch verstärkte. Der Finanzkapitalismus ist eine Zumutung allein schon dadurch, dass er sich für die Masse der Bevölkerung dem Verständnis entzieht. Die EZB „druckt“ Geld, um Schulden zu bezahlen?  Dass man nicht denken solle wie eine „schwäbische Hausfrau“, gut, aber ist das alles nicht ein sehr riskantes Unterfangen? Und wenn die Geldautomaten ausfallen? Was blüht uns? Nichts Gutes wohl. Was können wir glauben? Wie gefährlich ist digitale Kontrolle? Steht Demokratie nur noch auf dem Papier?

Das Ressentiment wurzelt in Entfremdung. Die trifft nicht nur die vielen, für die sich das rechtliche Gleichheitsversprechen in der ökonomischen Realität nicht erfüllt, sondern auch jene, die von ihrer hohen Warte aus die Geister längst nicht mehr beherrschen, die sie gerufen haben. Etwas Unnatürliches tritt in unser Leben. Eric Parker hat sich extra eine Himmelskuppel in seinen Wolkenkratzer bauen lassen, um zur Ruhe zu kommen, was ihm aber nicht gelingt. Wellness wird zum Zauberwort. Aber nur für die, die es sich leisten können. Das sind immer weniger. „2007 besaßen zehn Prozent der reichsten Haushalte zwei Drittel des gesamten privaten Nettovermögens“, schreibt Joseph Vogl, die gesamte untere Hälfte nur 1,4 Prozent.“ Da möchte ich, wieder einmal, den Soziologen Wolfgang Engler zitieren: „In allen vom Neoliberalismus umgegrabenen Gesellschaften herrscht massenweise Wut.“

Interessant, wie der Finanzkapitalismus mit dieser Wut umgeht. Wenn es Not tut, natürlich mit Repression, wobei die Instrumente repressiver Toleranz eine solche Verfeinerung erfahren haben, dass sie fast schon unsichtbar geworden sind. Mögliche Protestpotenziale haben sich zersplittert in „digitale Neogemeinschaften“, wie Joseph Vogl sie nennt, die ganz vom Meinungshaften leben, sich selbst genügen und mit anderen Meinungen im Clinch liegen. In dieser „Feindseligkeit aller gegen alle“ sieht  Vogl „nicht nur ein erfolgreiches Geschäftsmodell“, sondern auch ein „Gemeinschaftsgefühl“, welches „das Ferment einer neuen Vorkriegszeit liefern“ könnte. 

Während die weiße Limousine im Schritttempo durch New York rollt, empfängt Eric Parker nacheinander seinen Technologie-Chef, seine Währungsanalystin, seinen Arzt und schließlich seine Oberste Theoretikerin, eine verschmitzte kleine Frau, mit der er über den Sinn seines Lebens und Trachtens reden kann. Ihr dialektischer Scharfblick hat mich verfolgt, seit ich den Roman 2003 erstmals gelesen habe. Da habe ich mir das Buch jetzt wiederbesorgt. „Sie wissen, was der Kapitalismus hervorbringt. Laut Marx und Engels“, sagt sie, als das Auto von revoltierenden Jugendlichen mit Farbe besprüht und zum Schaukeln gebracht wird. – „Seine eigenen Totengräber.“ – „Aber das hier sind nicht die Totengräber. Das ist der freie Markt selbst .. Die Kultur des Marktes ist total. Sie bringt diese Männer und Frauen hervor. Die sind notwendig für das System, das sie verachten … Deshalb existieren sie, um das System zu stärken und zu perpetuieren.“ Als die Revolte auf den Turm einer Investmentbank übergreift und eine Bombe detoniert, begriff auch er, wie theatralisch das Ganze war. „Zwischen den Demonstranten und dem Staat lag ein Schatten von Geschäftlichem. Der Protest war eine Form systemischer Hygiene, reinigend und schmierend. Er attestierte der Kultur des Marktes ein weiteres, ein zehntausendstes Mal innovative Brillanz und die Fähigkeit, sich selbst… umzugestalten und dabei alles ringsum in sich aufzunehmen.“

Geradezu unangreifbar erscheint der Finanz- und Informationskapitalismus bei Joseph Vogl.  Man zweifelt beim Lesen, ob sich durch den Widerstreit des Meinungshaften etwas ändern lässt. Eher wohl durch die Kraft eines Faktischen, das wir noch nicht kennen. „Sie wenden Mathematik und andere Disziplinen an, okay“, sagt die kleine Frau in DeLillos Roman. Aber letztlich haben Sie es mit einem System zu tun, das außer Kontrolle ist. Hysterie in Hochgeschwindigkeit …“

 Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart. C. H. Beck, 224 S., geb., 18 €.
Don DeLillo: Cosmopolis. Roman. Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert. Kiepenheuer & Witsch, 208 S., geb., 16,90 €.

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