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Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

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Avi Loeb: Ausserirdisch

Wenn wir nicht allein wären im All…

Avi Loeb glaubt an „intelligentes Leben jenseits unseres Planeten“

Von Irmtraud Gutschke

Gerade befindet sich ein US-amerikanischer „Mars-Rover“ auf Erkundungsfahrt, um auf dem Roten Planeten vielleicht Spuren von Leben zu entdecken. Keine menschenähnlichen Wesen. Das gehört bislang in den Bereich der Phantastik. Wo es Avi Loeb, Professor für Astrophysik an der Harvard University, allerdings nicht belassen will. Zumindest seit im Oktober 2017 ein unbekanntes Flugobjekt durch unser Sonnensystem schoss, glaubt er an intelligentes Leben außerhalb unseres Planeten. Und gemäß seiner Überzeugung, dass die Wissenschaft nicht erst auf Grund völlig gesicherter Erkenntnisse die Öffentlichkeit informieren muss, hat er mit „Außerirdisch“ ein Buch darüber veröffentlicht.

Es ist packend geschrieben, verbindet leicht verständliche Erklärungen zur Astrophysik mit seiner Biographie. Vor allem aber geht es um jenen Flugkörper, der dann „Oumuamua“ genannt wurde und der ebenso ein Asteroid oder Komet gewesen sein könnte. Mit dieser Meinung stimmt der Autor dieses Buches nicht überein, weil sich das Objekt auf seiner ungewöhnlichen Flugbahn keinen  Schweif aus Gas und Staub hinterließ. Auch seine extrem dünne Form unter einem Millimeter und seine Helligkeit sprechen für ihn dafür, dass es ein künstliches Produkt gewesen sein muss. Könnte die Lichtsegeltechnik dafür genutzt worden sein? Und was war seine Funktion? Ein Erkundungsflug? „Ein Netz von Aggregaten zur Kommunikation“?

„Alle meine Untersuchungen zeugen von einem unerschütterlichen Leitprinzip: dem Kontakt mit Daten.“ Und doch vereidigt Avi Loeb vehement die Notwendigkeit, über bereits Bestätigtes hinauszublicken. „Wenn man Naturwissenschaftler wird, bietet das das große Privileg, unsere Neugier aus der Kindheit beizubehalten und ungerechtfertigte Vorstellungen infrage zu stellen.“ Stattdessen beobachtet er eine große Trägheit im Wissenschaftsbereich, die sogar junge Menschen ergreift, einen, wie es an anderer Stelle heißt, „außergewöhnlichen Konservativismus“. So ist sein Buch auch eine Polemik gegen den eigenen „Betrieb“. Wobei es wohl auch eine Sache des Charakters, der Mentalität ist. Wie das Staunen „die unermessliche Weite“ des Kosmos dem Verstand Flügel gibt, diese Faszination will Avi Loeb an Leser weitergeben.

Wenn es aber nun „intelligentes Leben außerhalb unseres Planeten“ gäbe, was würde eine solche Entdeckung für die Menschheit bedeuten? Avi Loeb kennt Tschingis Aitmatows großen Roman „Ein Tag länger als ein Leben“ nicht. Darin empfangen zwei Kosmonauten, ein sowjetischer und ein US-amerikanischer ,eine Botschaft von einem fernen Planeten namens „Waldesbrust“. Sie erfahren von  einer hochentwickelten Zivilisation ohne Kriege und ohne Klassen, die in wunderbarem Einvernehmen lebt, allerdings noch mit der Erwärmung ihres Planeten zu kämpfen hat. So sehr die Kosmonauten bitten, der Kontakt zu „Waldesbrust“ wird seitens der Bodenstation verboten. Mehr noch: UdSSR und USA kommen überein, die Erde mit einem Ring von Kampfrobotern gegen jeden Einfluss von außen abzuschirmen, um den Status Quo, das fragile Gleichgewicht, nicht zu gefährden.

Welche Herausforderung ein außerirdischer Kontakt wäre, ist auch Avi Loeb bewusst. Doch sieht er darin, zu Recht, eine Herausforderung, uns „als Teil eines einzigen, einheitlichen Teams, der Menschheit“ zu begreifen, damit wird aufhören, „Kriege zu führen wegen so banaler Fragen wie geografischer Grenzen und getrennter Volkswirtschaften“ … Damit unsere Zivilisation reifer werden kann, müssen wir uns in den Weltraum wagen und nach anderen suchen. Da draußen könnten wir entdecken, dass wir nicht nur nicht die Einzigen sind, sondern dass wir auch weit davon entfernt sind, die Klügsten zu sein.“ Das sollte uns, sagt Avi Loeb, mit einem  „Gefühl der Bescheidenheit“ erfüllen, zumal noch nicht ausgemacht ist, ob unsere Zivilisation, unsere Erde fortbestehen kann.

Seit 2012 ist Avi Loeb übrigens Vorsitzender des Beratungskomitees für das Forschungsprojekt „Breakthrough Starshot“, das sich zum Ziel gesetzt hat, Forschungssatelliten in das der Sonne nächstgelegene Nachbarsternsystem Alpha Centauri zu entsenden.

Avi Loeb: Außerirdisch. Intelligentes Leben jenseits unseres Planeten. Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Deutsche Verlags-Anstalt, 264 S., geb., 22 €.

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