Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Barton GellmaN: Der dunkle Spiegel

Einer der meistgesuchten Menschen der Welt

Die gute Nachricht: Edward Snowden wird bald Vater, oder ist es in diesem Moment sogar schon, und ist jetzt (Anfang Dezember 2020) dabei, seine Papiere zur Erlangung der russischen Staatsbürgerschaft einzureichen. Vor einiger Zeit hieß es noch, dass er und seine Frau Lindsay Davis US-amerikanische Bürger bleiben wollen, aber nun haben sie es sich wohl anders überlegt oder es wird eine doppelte Staatsbürgerschaft daraus. Jedenfalls sagt sein Anwalt Anatoli Kutscherena, dass sein Schützling inzwischen ganz passabel Russisch gelernt hat, wie es nötig ist, um russischer Staatsbürger zu werden. Er habe überhaupt eine schnelle Auffassungsgabe.

Was wir sofort glauben wollen: Der Mann ist ein Genie — und der meistgesuchte Whistleblower der Welt. Nach einem Enthüllungsbuch über ihn dürfte sich jeder Verlag die Finger lecken. Oder nicht, weil es US-amerikanischen Interessen entgegenläuft? Ach, was weiß denn ich… Der Autor Barton Gellman jedenfalls hat drei Pulitzerpreise gewonnen und diverse andere Awards noch. Er ist einer von drei Journalisten, denen sich Edward Snowden 2013 anvertraut hat. In der „Washington Post“ hat er dessen Leak begleitet und ihn auch persönlich getroffen.

Daraus hat er einen regelrechten Spionagethriller gemacht , der sich auf „Hunderte von Gesprächen mit Snowden und weitere Hunderte mit Entwicklern, Betreibern, Kunden, Rebellen und Dissidenten“ stützt. Der Titel bezieht sich auf das reflektierende blauschwarze Glas, mit dem die NSA-Zentrale in Fort George C. Meade, Maryland, verspiegelt ist. Man kennt solche Einwegspiegel aus Kriminalfilmen. Der Beschuldigte ist genau zu beobachten, während seine Beobachter im Verborgenen bleiben. Nur dass wir, die unbescholtenen Bürger, nicht in der Lage von Beschuldigten sein wollen. Darin besteht das Problem.

Am Rande der spannenden Lektüre erfährt man auch konkret, was es alles für Möglichkeiten gibt, ausgespäht zu werden. Nun, nicht „alles“. Trotz Snowden, hinter dem schwarzen Glas wird doch weiter gearbeitet, und es gibt sicher noch andere kluge Leute dort. Und anderswo natürlich ebenfalls. Auch die Bundeswehr rüstet sich für den „Cyberkrieg“.

Da lässt die Lektüre auch ein bitteres Gefühl zurück: Mit meinen kläglichen Passwortlisten, wie sollte ich dem gewachsen sein. Jede Webseite fragt mich, ob ich mit Cookies einverstanden bin. Lehne ich ab, kann ich die Seite nicht nutzen. Snowden würde darüber lachen. Technisch können ihm wohl nur ganz wenige Leute das Wasser reichen; ihn wird man wohl kaum ausspionieren können. Unter dem Schutz des russischen Staates braucht seine Familie keine Angst zu haben. Aber können sie denn einfach mal so über den „Arbat“ spazieren oder später mit dem Kind auf die Eisbahn gehen? Als einer der meistgesuchten Menschen der Welt ist Snowden eine Legende. Für sein Verantwortungsgefühl nicht dem Staat, sondern den Bürgern gegenüber zahlte er einen hohen Preis.

Barton Gellman: Der dunkle Spiegel. Edward Snowden und die globale Überwachungsindustrie. S. Fischer Verlag, 511 S., geb., 25 €.

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