Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

Die Kunst der Diplomatie

Worte statt Waffen

Irmtraud Gutschke

Ein passender Titel: Diplomatie ist tatsächlich eine Kunst. Diplomaten müssen zu mehr fähig sein, als Verlautbarungen ihrer Regierungen weiterzugeben. Aber sie sind an ihre Regierungen gebunden. Alleingänge? Wenn sie vorkommen, werden sie vorsorglich nicht kommuniziert. Von einem Diplomaten, der für die DDR in China war, weiß ich, wie er zu Zeiten weniger guter Beziehungen (was am Verhältnis UdSSR-China lag) alles daran setzte, Verbindungen zu pflegen. Dass vergleichbares auch heute geschieht, ausschließen möchte ich es nicht.

Diplomaten sind hochgebildete Beamte, beherrschen oft sogar die jeweilige Landessprache. Die Außenministerinnen und -minister aber kommen und gehen, und drücken der Politik auch ihren persönlichen Stempel auf. Manche der Autorinnen und Autoren dieses Buches hätten da vielleicht brisante Geschichten zu erzählen. Was sie nicht tu, sie sind schließlich Diplomaten.

Den Herausgebern Tobias Bunde und Benedikt Franke ist es gelungen, ein sehr breites Spektrum internationaler Spezialisten zusammenzubekommen, bis zu einer gewissen Grenze, wie noch gesagt werden wird. Es ist ein dicker, schwerer Band geworden, ein blaues Leinen gebunden, mit zahlreichen Fotos man stellt ihn sich als repräsentatives Geschenk vor, mit dem sich die Beteiligten selbst eine Ehre erweisen können.

Die „75 Blicke hinter die Kulissen der internationalen Politik“ haben ja auch einen aktuellen Anlass: den Geburtstag von Wolfgang Ischinger, der von 2008 bis 2022 die Münchner Sicherheitskonferenz leitete. Als Nachfolger von Horst Teltschik, den man indes unter den Autoren des Bandes vergeblich sucht. Wurde er nicht angesprochen? Hat er abgelehnt? Hat es zwischen ihm und Ischinger einen Dissens gegeben? In der Tiefe womöglich schon.

Unter der Leitung von Teltschik öffnete sich die Sicherheitskonferenz ab 1999 für Politik-, Militär- und Wirtschaftsvertreter aus Mittel- und Osteuropa sowie aus Indien, Japan und der Volksrepublik China. Sein Konzept war eine europäische Friedensordnung unter Einbeziehung Russlands entsprechend der „Charta von Paris“, die 1990 von 32 Regierungschefs aus Europa, den USA und Kanada unterschrieben wurde und den Kalten Krieg ein für alle Mal beenden sollte.

Inzwischen hat sich die Tonart geändert. Es wird wohl über Russland, aber nicht mehr mit Russland geredet. Und was China betrifft, ist von „Haltung wahren gegenüber“ und von „Regeln für den strategischen Wettbewerb die Rede“. Immerhin kam noch eine chinesische Diplomatin zu Wort, die für gegenseitiges Verständnis plädiert.

So spiegelt der teilweise auch kurzweilig zu lesende Band ein Weltverständnis, das strikt auf die Verteidigung westlicher Interessen angelegt ist. Eine Abgrenzungs- und Verteidigungsposition, für die es durchaus Gründe gibt. Zu wirtschaftlichen Problemen in der EU und in Übersee kommt eine zunehmend selbstbewusste Haltung aus Ost und Süd. Wie der russische Einmarsch in der Ukraine zeigt, ist das schon auf Konfrontation hinausgelaufen. Harte Fronten. „Den Geist von Helsinki neu beleben“, wie der finnische Präsident Sauli Niinistö betont, schön und gut. Abr sein Land gibt den neutralen Status auf und will in die NATO eintreten…

Schulterschluss und kalte Schulter. Der band zeigt, wie die Lage ist. Da ist Sigmar Gabriels Appell „In die Schuhe des anderen schlüpfen“ ein Lichtblick. Und er enthält sogar den Satz: „Der Dialog mit dem Kreml ist eine der größten Herausforderungen der deutschen Diplomatie.“ Aber dieser Satz bleibt in der Luft hängen. Nun, Diplomaten können wischen den Zeilen lesen. Und nach dem Text ein großes Bild zu drucken, das die Außenminister Russland und der Türkei, Sergej Lawrow und Mevlüt Cavusoglu im trauten Gespräch zeigt, haben sich die Herausgeber immerhin erlaubt. Allerdings stammt das Foto von 2018. Die beiden trafen sich zwar noch oft und jüngst erst wieder, aber die Münchner Sicherheitskonferenz ist nicht mehr der Ort dafür gewesen. Zur Konferenz 2022 textete das Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Der langjährige russische Gast ist nicht da und hat trotzdem alle Aufmerksamkeit.“

Die Kunst der Diplomatie: Worte statt Waffen. Gerade bestünde danach Bedarf.

Tobias Bunde & Benedikt Franke (HRDG.): Die Kunst der Diplomatie. 75 Blicke hinter die Kulissen der internationalen Politik. Econ Verlag, 424 S., Leinen, 78 €.

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