Willkommen in meinem Literatursalon
Irmtraud_Gutschke

Lesen macht glücklich, weil es uns sagt, wer wir sind und wer wir sein wollen, weil wir über uns hinauswachsen, in fremder Haut erleben dürfen, was uns sonst verschlossen bliebe. Heutzutage scheinen wir ja in Informationen zu ertrinken und haben doch das Gefühl, dass uns Wichtiges fehlt. Was ich suche, sind Bücher, die in diesem Sinne nachdenklich machen, ja auch solche, von denen ein Leuchten ausgeht. Viele Jahrzehnte habe ich als Literaturredakteurin mit Hunderten, ja Tausenden von Texten zu tun gehabt, auch selber Bücher geschrieben. Die Neugier auf Neues will ich hier mit anderen teilen.

„literatursalon.online“: Stellen Sie sich vor, wir sind zusammen in einem schönen Saal, und Sie möchten von mir wissen, was sich zu lesen lohnt. Was interessiert Sie denn, frage ich zurück. Politische Sachbücher? Gute Romane und Erzählungen? Spannende Krimis? Bildbände, die man immer wieder betrachten möchte? Mit meiner Auswahl lade ich Sie zu Ihren eigenen Entdeckungen ein.

Irmtraud Gutschke

Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen - meine Biografie, meine Bücher und Veranstaltungen - , schauen Sie auf meine Webseite www.irmtraud-gutschke.de

„Ich denke immer nur an dich“

„Mein lieber Engel“

Die Frau an Dostojewskis Seite

Von Irmtraud Gutschke

Ein rettender Engel ist Anna Grigorjewna Snitkina für den Schriftsteller vom ersten Augenblick an gewesen. Wäre sie am 4. Oktober 1866 nicht als Stenographin bei ihm erschienen, hätte er den Roman „Der Spieler“ nicht fertig bekommen. Aber er stand in seines Verlegers Schuld. Sie kamen einander näher. Am 9. Dezember nennt er sie in einem Brief schon „meine liebe Anja“ und schließt  mit einer Liebeserklärung: „Du bist meine ganze Zukunft – Hoffnung und Glaube und Glück und Seligkeit – alles.“ Wie die offene Zuwendung des bewunderten Schriftstellers sie damals als 20-Jährige betörte, bekennt Anna Dostojewskaja in ihre Erinnerungen. Er vertraute ihr seine Sorgen an, sie spürte, dass er sie brauchte.

Das war die Formel ihrer Ehe, die am 15. Februar 1867 geschlossen wurde und bis zu Fjodor Dostojewskis Tod am 9. Februar 1881 unangefochten blieb. Das war die Stimmung auch der Briefe, die jetzt in einem schönen Band im Aufbau Verlag erschienen sind. Voller Gefühl wendet er sich dieser Frau zu, die 24 Jahre jünger war als er, klug und zudem begüterter als er, denn allzu oft ist er in Nöten. Schon als sie sich kennenlernten, hat er ihr seine Epilepsie gebeichtet und seine Schulden  nach dem Tod seines Bruders, mit dem er eine Zeitschrift gegründet hatte, die bankrottging. In welchem Maße der Roman „Der Spieler“ autobiographisch war, sollte Anna bald erkennen. „Ich habe ein Verbrechen begangen, ich habe alles verspielt, was du mir geschickt hast …“ , schrieb er ihr am 24. Mai 1867 aus Bad Homburg. Wie viel Asche schüttet er sich da auf Haupt, um am 4. April 1868 aus dem Schweizerischen Saxon les Bains erneut zu bekennen, in einer halben Stunde alles verspielt zu haben. „Hilf mir, mein rettender Engel.“ Sie half natürlich. Und am 28. April 1871 wieder so ein Bettelbrief, diesmal aus Wiesbaden: „Anja, rette mich ein letztes Mal.“

Immerhin konnte er seine Spielsucht überwinden. Für den Roman „Die Dämonen“ bekam er einen beträchtlichen Vorschuss von 1000 Rubeln. Aber insgesamt ist in dem Briefband  weniger von des Autors Schaffensproblemen als von seinen privaten Angelegenheiten die Rede. Liebevolle Briefe wechseln von St. Petersburg, wo sich Anna mit ihrer kranken Tochter Ljuba aufhielt, nach Starja Russa, wo ihr Mann in einem Sommerhaus arbeitete, oder nach Bad Ems, wo er sich wegen eines Lungenemphysems zu Kur befand. Von seinen Briefen, die sie treulich aufbewahrte, gibt es mehr als von ihren. 

Sie verstand sich als Hüterin von Dostojewskis Lebenswerk. Sie blieb seine Stenographin, wurde seine Korrektorin und Lektorin, später gründete sie ihm zuliebe sogar einen Verlag. 1910, 29 Jahre nach dem Tod ihres Mannes, begann sie an dem Buch „Mein Leben mit Fjodor Dostojewski“ zu arbeiten, nachdem sie sich noch einmal in dessen Notizbücher und ihre stenographischen Aufzeichnungen vertieft hatte. Mit großer Genauigkeit folgt sie ihren Erinnerungen. Dabei lässt sie einerseits durchaus in ihre Gefühle blicken, gibt sich aber andererseits Mühe, ihren Mann nicht bloßzustellen. Vielmehr hält sie ihm zugute, was ihn schmerzte: die ständige Armut und dass reichere Schriftsteller (Tolstoi, Turgenjew) ein höheres Ansehen hatten als er, bessere Honorare erhielten, nicht um Veröffentlichungen betteln mussten. Wie schwer sie es hatte –Tod ihrer Kinder Sofia (1868) und Alexej (1878), nur Ljubow und Fjodor konnten sie überleben –, die als Retterin ihres Mannes ständig im Dienst gewesen ist, bekennt sie ohne Klage. In genauer, bilderreicher Sprache malt sie ein Bild ihrer Zeit, in die wir uns hineinversetzen können.

Fjodor Dostojewski/Anna Dostojewskaja: Ich denke immer nur an dich. Eine Liebe in Briefen. Übersetzung von Brigitta Schröder, überarbeitet und mit einem Anhang von Ganna Maria Braungardt. Auswahl und Kapiteltexte von Nora Samhouri. 333 S., Leinen, 22 €.
Anna Dostojewskaja: Mein Leben mit Fjodor Dostojewski. Erinnerungen. Aus dem Russischen von Brigitta Schröder. 565 S., Leinen, 26 €. Beide Aufbau Verlag. 

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