Geistige Klarheit, welch hohes Gut!
Irmtraud Gutschke
Dieser britische Philosoph hat schon über zwanzig Bücher für ein großes Publikum geschrieben – erfolgreich, weil er nicht nur klug ist, sondern auch über eine eingängige Sprache verfügt, mit der er viele erreicht. Ich bin auf ihn durch den Band „Wie die Welt denkt“ aufmerksam geworden. Darin erkundet Julian Baggini die Philosophien Japans, Indiens, Chinas und der arabischen Welt und kommt auf geradezu spannenden Weise zu dem Schluss, dass Menschen in anderen Ländern in vielen Belangen anders denken als wir. Was eigentlich nicht überraschend ist, wenn man unterschiedliche Entwicklungswege und Traditionen in Betracht zieht. Aber angesichts eurozentrischer Überheblichkeit ist solche Haltung selten. Insofern ist der Band eine Pflichtlektüre zumindest für alle, die mit Außenpolitik zu tun haben. Ich selbst will ihn nicht missen und verwahre ihn in Reichweite.
„Hat die Menschheit ihre Vernunft verloren?“ Bagginis neues Buch beginnt mit dieser Frage, die vielen aus dem Herzen sprechen dürfte. Die Masse an Nachrichten, die uns umschwirren und nicht selten einander widersprechen, verwirrt, bedrückt, verängstigt, denn viele Botschaften haben ja auch den Zweck, uns Angst zu machen. Ohnmachtsgefühle, Zorn werden geweckt, Durchblick bleibt auf der Strecke.
In zwölf Kapiteln will Baggini Hilfestellung anbieten – vornehmlich nicht im Sinne eigener Urteile und politischer Stellungnahmen. Vielmehr ist es ihm um die Methoden zu tun, die für Klarheit im Denken sorgen, also Manipulation und Vernebelung entgegenwirken. Aber auch einer inneren Verhärtung, andere Meinungen überhaupt nicht in Betracht ziehen zu wollen.
„Sei aufmerksam“: das heißt, dass wir uns immer wieder einen klaren Blick auf die Wirklichkeit erarbeiten müssen, um nicht in vereinfachtes, pauschales Urteilen zu verfallen. Nicht zuletzt auch auf uns selbst. „Geben Sie Acht auf das, was der Fall ist, und nicht auf das, was Sie nur annehmen.“ Und auch das: „Wenn die Tatsachen genau Ihren Vormeinungen über sie entsprechen, dann prüfen Sie, ob Sie die Belege für Ihre Ansichten nicht selektiv ausgewählt oder diesen widersprechende Belege nicht ausgeblendet haben.“
Im nächsten Kapitel „Hinterfrage alles“ wird, wie mehrmals im Buch, Dostojewski zitiert: „Der Klügste ist meiner Ansicht nach derjenige, der wenigstens einmal im Monat sich selbst einen Dummkopf nennt.“ Bedenkenswert, aber schwierig. Heißt das nicht Abschied von jeder Gewissheit? „Die Erkenntnis ist wichtig, dass nichts mit 100-prozentiger Sicherheit gewusst werden kann.“ Aber was wäre die Kehrseite von derlei Weisheit? Baggini wird mir ja zustimmen, dass alles seine Kehrseite hat. Das Buch liest sich so gut, weil er alles mit konkreten Beispielen aus dem Alltag belegt. Verblüffendes Fazit: „Wenn etwas offensichtlich erscheint oder als selbstverständlich betrachtet wird, ist es immer einer näheren Überprüfung wert.“
„Achte auf deine Schritte“: Heißt das, vorsichtig zu sein? Was Boris Johnson nicht war, als er in der Corona-Zeit Partys gab. Aber dies ist ein Kapitel über die Logik. „Wenn Ihnen Statistiken oder andere Tatsachen präsentiert werden, fragen Sie: Was bedeuten sie? Woher stammen sie? Was folgt daraus?“
Das bezieht sich im Grunde auf alle Fakten. „Denken Sie daran, dass ein auf empirischer Evidenz basierendes Denken nie absolute Gewissheit erzeugt, weil die Daten stets begrenzt sind und eine logische Lücke klafft zwischen dem, was wir schon beobachtet haben, und all dem, was es gibt und noch geben wird.“
Wohl wahr. Wobei mir mitunter scheint, dass der Autor sein eigenes skeptisches Denken preist, wobei er zugleich verstehen müsste, wie im praktischen Sinne auch Schlussfolgerungen gezogen werden müssen, die später womöglich voreilig erscheinen. „Gehen Sie ein Problem aus mehr als nur einem Blickwinkel an, damit Sie das Ganze und nicht nur einen Teil davon in den Blick nehmen können.“ Das ist ein kluger Rat. „Vermeiden Sie den Domestikationsfehler. Denken Sie also über das Unbekannte nicht auf eine Ihnen vertraute Weise nach, wobei Sie es nach Ihren eigenen Vorstellungen umgestalten.“ Genau, das ist jene Schlussfolgerung aus dem Buch „Wie die Welt denkt“, welche ich eingangs erwähnte.
Im Kapitel „Sei ein Psychologe“ steht ungemein viel Interessantes. Ich werde mir die „Strategie der toten Katze“ merken, wie sie von Boris Johnson (Bezug nehmend auf den australischen Politikstrategen Lynton Crosby) beschrieben wurde: „Eines passiert mit absoluter Sicherheit, wenn man eine tote Katze auf den gedeckten Esstisch wirft – und damit meine ich nicht, dass die Leute empört, schockiert und angewidert sind. Das stimmt zwar, ist aber irrelevant. Der entscheidende Punkt, sagt mein australischer Freund, ist der, dass alle schreien werden: ‚Oh Gott, Kumpel, da liegt eine tote Katze auf dem Tisch!‘ Man wird also über die tote Katze reden – und nicht mehr über das ursprüngliche Problem, das einem so viel Ärger macht.“ Klassisches Ablenkungsmanöver. Dafür fallen mir eingie aktuelle Beispiele ein.
Wobei die Frage, wem etwas nützt, so Baggini, auch schon auf Glatteis führen könne. „Hüten Sie sich vor dem Bestätigungsfehler. Dieser besteht darin, nach Belegen zu suchen und sich nur an die zu erinnern, die Ihre Ansichten stützen, währenddessen alles Weitere, was diesen gegenüber kritisch ist, ignoriert wird.“
Stattdessen: „Wenn Sie Menschen verstehen wollen, mit denen Sie nicht einer Meinung sind, versuchen Sie herauszufinden, ob diesen andere Dinge wichtig sind als Ihnen. Viele scheinbare Meinungsverschiedenheiten über Fakten sind im Grunde nur unterschiedliche Wertauffassungen.“ Tatsächlich könnte auf diese Weise eine Verständigungsbasis entstehen. Fragt sich nur, ob der Gegenüber das auch gerne will oder auf Streit aus ist. Der geschlichtet werden muss, wie ich meine, da bin ich auf Bagginis Seite, andererseits läuft es in der Realität konkurrierender Kräfte oft nicht so. Nur wenige werden offen sein, „ihre Meinung zu ändern“. Daran geradezu interessiert zu sein, dient gewiss der Selbsterkenntnis, setzt aber Souveränität voraus. Dass der vorurteilsfreie Austausch mit anderen Personen einen geistig weiter bringt, sollte man sich tatsächlich immer wieder sagen.
Wobei dem Autor auch klar ist, dass das Leben nicht nur aus angestrengter geistiger Arbeit besteht. „Geben Sie Ihrem Geist Zeit, um zu ruhen, abzuschweifen und seiner Arbeit auf wundersame, unbewusste Weise nachzugehen.“ Stimmt, man muss gut zu sich sein. „Gib nicht auf“, ist das letzte Kapitel überschreiben. Und wieder wird Dostojewski zitiert: „Wenn man irrt, gelangt man zur Wahrheit! Ich bin deshalb Mensch, weil ich irre…“
Julian Baggini: Denke selbst, aber nicht allein. Zwölf philosophische Prinzipien für ein kluges Leben. Aus dem Englischen von Frank Lachmann. C. H. Beck, 352 S., geb., 32 €.